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Mit dem Bundestrojaner gegen AnschlÀge mit schmutzigen Bomben

Stefan Krempl

Bundesinnenminister Wolfgang SchĂ€uble (CDU) hat vor Terrorattentaten mit nuklearem Material gewarnt und sich zugleich erneut vehement fĂŒr heimliche Online-Durchsuchungen ausgesprochen, wĂ€hrend Praktiker skeptisch bleiben.

Bundesinnenminister Wolfgang SchĂ€uble (CDU) hat vor terroristischen Attentaten mit schmutzigen Bomben gewarnt und sich zugleich erneut [1] vehement fĂŒr heimliche Online-Durchsuchungen ausgesprochen. "Die grĂ¶ĂŸte Sorge aller SicherheitskrĂ€fte ist, dass innerhalb des terroristischen Netzwerkes ein Anschlag mit nuklearem Material vorbereitet werden könnte", sagte SchĂ€uble der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung [2]. "Viele Fachleute sind inzwischen ĂŒberzeugt, dass es nur noch darum geht, wann solch ein Anschlag kommt, nicht mehr, ob." Wissenschaftler gehen aber davon aus, dass es sich bei Berichten ĂŒber "Atombomben zum Selberbauen" und die vermeintliche GefĂ€hrlichkeit "dreckiger Bomben" mehr um Panikmache [3] als um Schilderungen einer ernsthaften realistischen Bedrohung handelt.

Zugleich lehnte der Innenminister nach der Verhaftung dreier TerrorverdĂ€chtiger in Deutschland den Vorschlag der SPD ab, die EinfĂŒhrung einer Befugnis fĂŒr Netzbespitzelungen im Rahmen der geplanten Novelle [4] des Gesetzes fĂŒr das Bundeskriminalamt (BKA) auf das kommende Jahr zu verschieben. "Wir werden keinen Entwurf eines BKA-Gesetzes vorlegen, ohne dass es die Möglichkeit der Online-Durchsuchung enthĂ€lt", betonte der CDU-Politiker. Er stellte sich damit einmal mehr gegen jĂŒngste Äußerungen [5] von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD). SchĂ€uble wies darauf hin, dass SPD-Chef Kurt Beck im Grundsatz fĂŒr ein Gesetz zur Online-Durchsuchung sei. "Da muss ich doch nicht warten, ob ein Landesgesetz vom Verfassungsgericht gutgeheißen wird", sagte der Minister im Hinblick auf ein fĂŒr kommendes Jahr erwartetes Urteil ĂŒber eine Regelung zu Online-Razzien fĂŒr den Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen.

SchĂ€uble will zugleich mehr in die Sicherheitstechnik investieren. "In den nĂ€chsten drei Jahren fließen im Rahmen der Hightech-Strategie der Bundesregierung allein 123 Millionen Euro in die Sicherheitsforschung", sagte er der Bild am Sonntag [6]. "Die AufklĂ€rung durch Roboter gehört ebenso dazu wie die Technologieentwicklung gegen Bioterror." Auch nach den jĂŒngsten Inhaftierungen sei er generell "nicht ruhiger" geworden. Schließlich hĂ€tten Terroristen weitere AnschlĂ€ge angekĂŒndigt. Vor allem sorge ihn, wie schnell diese seiner Ansicht nach ihre Strategien an politische Entwicklungen anpassen: "Wenn ich heute sehe, wie die Terroristen aus unseren öffentlichen Debatten lernen, fĂŒrchte ich manchmal, dass die Bedrohung nicht ab-, sondern zunimmt."

Zuvor hatte auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die Diskussion um den Einsatz des so genannten Bundestrojaners als "bedenklich" bezeichnet [7]. Unionsfraktionschef Volker Kauder plĂ€dierte in der Debatte ĂŒber TerrorverdĂ€chtige aus den Reihen deutscher Islam-Konvertiten fĂŒr eine gezielte Beobachtung auffĂ€lliger Personen und eine Kontrolle ihrer Informationswege. Dazu gehöre die Ausforschung "informationstechnischer Systeme", um etwa an verschlĂŒsselte Internet-Telefonate zu gelangen, sagte der CDU-Politiker dem Deutschlandfunk. Praktische Bedenken gegen die ins Spiel gebrachten Verfahren zum Schutz des Kernbereichs der privaten Lebensgestaltung bei Online-Razzien [8] kommen derweil von Richtern und StaatsanwĂ€lten. So wiederholte der Vorsitzende des Deutschen Richterbundes (DRB [9]), Christoph Frank, gegenĂŒber der dpa seine EinschĂ€tzung [10], dass eine detaillierte richterliche Kontrolle bei Online-Durchsuchungen nur mit zusĂ€tzlichem Personal machbar sei. Überlegungen, ein Justizvertreter könnte zum Schutz der PrivatsphĂ€re die von der Festplatte eines VerdĂ€chtigen heruntergeladenen Daten vorab sichten, bezeichnete Frank als unrealistisch: "Das kann ein Richter bei den vorhandenen Strukturen der Justiz nicht leisten." Das Datenmaterial mĂŒsse zuvor von Polizei und Staatsanwaltschaft technisch und inhaltlich aufbereitet werden, da sonst die Relevanz der Informationen nicht zu ermessen sei. Erforderlich seine zudem mehr "erfahrene und spezialisierte Richter, die fĂŒr diese Aufgabe genĂŒgend Zeit haben mĂŒssen".

In der Kontroverse um Netzbespitzelungen warnte der neue PrĂ€sident der Bundesrechtsanwaltskammer [11], Axel Filges, zudem vor einem "Schnellschuss". Der private Lebensbereich sei ein wichtiges Gut, das man lange verteidigen sollte, sagte er im Deutschlandradio Kultur. Jeder Eingriff mĂŒsse sehr gut abgewogen werden. "Es ist niemandem damit gedient, wenn jetzt aus der HĂŒfte geschossen wird." GrundsĂ€tzlich gehe es nicht um eine Ablehnung heimlicher Ermittlungen dieser Art. Aus Sicht der Anwaltschaft sei aber eine klare rechtliche Regelung erforderlich. "Es kommt darauf an, unter welchen Voraussetzungen sie im Einzelfall zur Gefahrenabwehr dann doch erforderlich und wie sie gesetzlich geregelt sein sollten". Filges forderte einen engen gesetzlichen Rahmen fĂŒr eine AusspĂ€hung privater Computer mit "Trojaner"-SpĂ€hprogrammen. "Der BĂŒrger darf nicht annehmen, dass immer dann, wenn er den Computer anmacht, schon jemand anderes drauf ist."

Zum aktuellen Stand und der Entwicklung der Debatte um die erweiterte Anti-Terror-Gesetzgebung, die Anti-Terror-Datei sowie die Online-Durchsuchung siehe:

Siehe dazu auch die Anmerkungen zur Online-Durchsuchung von BKA-Chef Jörg Ziercke und von DatenschĂŒtzern auf der Datenschutz-Sommerakademie des UnabhĂ€ngigen Landeszentrums fĂŒr Datenschutz:

Einen ausfĂŒhrlichen Einblick in die jĂŒngsten AusfĂŒhrungen des Bundesinnenministeriums zu den PlĂ€nen fĂŒr Online-Razzien und in die Antworten SchĂ€ubles auf den Fragenkatalog des Bundesjustizminsteriums sowie der SPD-Fraktion zur Online-Durchsuchung bieten Meldungen im heise-Newsticker und ein Bericht in c't – Hintergrund [16]:

(Stefan Krempl)/ (axv [24])


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[1] https://www.heise.de/news/Schaeuble-will-heimliche-Online-Durchsuchungen-jetzt-machen-173745.html
[2] http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~eFDF112A654BD40C29D8E8956A788810F~aTpl~ecommon~scontent.html
[3] https://www.heise.de/news/22C3-Data-Mining-fuer-den-Weltfrieden-161630.html
[4] https://www.heise.de/hintergrund/Schaeuble-will-offene-Diskussion-ueber-neue-Anti-Terrormittel-302650.html
[5] https://www.heise.de/news/Zypries-ueberwachung-von-Telefonaten-im-Internet-staerker-nutzen-175500.html
[6] http://www.bild.t-online.de/BTO/news/2007/09/16/schaeuble-wolfgang/warnung-anschlag,geo=2500902.html
[7] https://www.heise.de/news/Merkel-findet-Debatte-ueber-Online-Razzien-bedenklich-175528.html
[8] https://www.heise.de/hintergrund/Lauschangriff-vermasselt-Teilsieg-fuer-die-Buergerrechte-302084.html
[9] http://www.drb.de
[10] https://www.heise.de/news/Union-Technik-fuer-heimliche-Online-Durchsuchungen-einsatzbereit-150970.html
[11] http://www.brak.de
[12] https://www.heise.de/hintergrund/Von-Datenschutz-und-Schaeuble-Katalog-Terrorbekaempfung-TK-ueberwachung-Online-Durchsuchung-302704.html
[13] https://www.heise.de/news/Online-Durchsuchung-Mit-Unikaten-gegen-Straftaten-169316.html
[14] https://www.heise.de/news/Hickhack-um-Online-Durchsuchung-167759.html
[15] https://www.heise.de/news/Datenschutz-Sommerakademie-Schutz-und-Trutz-vor-der-Online-Durchsuchung-167808.html
[16] http://www.heise.de/ct/hintergrund/
[17] https://www.heise.de/hintergrund/Innenministerium-verraet-neue-Details-zu-Online-Durchsuchungen-302696.html
[18] https://www.heise.de/news/Innenministerium-bezeichnet-Entdeckungsrisiko-fuer-Bundestrojaner-als-gering-166878.html
[19] https://www.heise.de/news/Heimliche-Online-Durchsuchungen-und-der-Schutz-der-Privatsphaere-166988.html
[20] https://www.heise.de/news/Bundesregierung-sieht-sich-mit-Online-Durchsuchungen-nicht-allein-167037.html
[21] http://netzpolitik.org/2007/bundesinnenministerium-beantwortet-fragen-zur-online-durchsuchung/
[22] http://netzpolitik.org/wp-upload/fragen-onlinedurchsuchung-BMJ.pdf
[23] http://netzpolitik.org/wp-upload/fragen-onlinedurchsuchung-SPD.pdf
[24] mailto:axv@ct.de