Microsoft: EuropÀische "Staats-Cloud" Gaia X "wird nicht erfolgreich sein"
(Bild: Gorodenkoff/Shutterstock.com)
Die deutsche Microsoft-Chefin hĂ€lt wenig von der Initiative Altmaiers, die Frage der digitalen SouverĂ€nitĂ€t ĂŒber die Cloud-Infrastruktur lösen zu wollen.
Schier tĂ€glich mahnen vor allem deutsche Politiker, dass Europa die Technologie-SouverĂ€nitĂ€t etwa bei Chips, Batterien oder in der Datenwirtschaft zurĂŒckgewinnen mĂŒsse. FĂŒr Sabine Bendiek, Vorsitzende der GeschĂ€ftsfĂŒhrung von Microsoft Deutschland, lĂ€uft diese Debatte in die falsche Richtung und drohe abzugleiten zu dem Ansatz: "Eigentlich mĂŒssen wir ganz viel selber machen." Der Begriff der digitalen SouverĂ€nitĂ€t werde in diesem Sinne allzu oft mit "Autarkie" vermischt.
HandlungsfĂ€hig kann in der schnelllebigen, innovativen Digitalwirtschaft laut Bendiek aber nur sein, wer auf "smarte Partnerschaften" setze, erklĂ€rte sie am Montag auf der Konferenz "Explained" bei Microsoft in Berlin [1]. Volkswagen etwa habe die Zeichen der Zeit erkannt und vertraue fĂŒr das Management des Autos der Zukunft auf die Microsoft-Cloud, brachte sie ein Beispiel fĂŒr ein solches Joint Venture. Die Bundeswehr entwickele ihre "hochsicheren Dienst-Handys" in Partnerschaft mit Samsung, Porsche Flugtaxis mit Boeing.
In diesem Sinne wĂŒrde sich die Managerin nach eigenen Angaben zwar nicht den PlĂ€nen von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) verschlieĂen wollen, die europĂ€ische Cloud "Gaia X" aus dem Boden zu stampfen [2]. Es spreche einiges dafĂŒr, "Datenteiche zu einem Ozean zusammenfĂŒhren", um Mehrwerte zu schaffen und Zugriffe unberechtigter Stellen auszuschlieĂen. Wenn dieses Netzwerk aber zeitnah nicht so gut wie das einschlĂ€gige Angebot auf dem Markt sei und Nutzer mit SchwĂ€chen leben mĂŒssten, werde es indes "nicht erfolgreich sein".
Wo der US-Konzern ein solches GroĂprojekt "sinnvoll unterstĂŒtzen" könne, "sind wir gerne dabei", versicherte Bendiek. Doch "wenn wir sehr breit versuchen", die Frage der "digitalen SouverĂ€nitĂ€t ĂŒber die Cloud-Infrastruktur zu lösen, kommen wir wahrscheinlich nicht so weit".
Warten auf Gaia X
Dirk Bornemann, Leiter der Rechtsabteilung von Microsoft Deutschland, beĂ€ugte die europĂ€ische Cloud-Idee ebenfalls skeptisch. Der Vergleich mit Airbus hinke auf diesem Feld, da die Voraussetzungen damals viel besser gewesen seien, "in vier Jahren ein absolut wettbewerbsfĂ€higes Flugzeug auf den Markt" zu bringen. Bei intelligenten Rechnerwolken sei eine Wartezeit von sechs oder acht Jahren fĂŒr die deutsche Industrie aber wohl keine Option.
Mit der Cloud gehe es darum, KĂŒnstliche Intelligenz (KI) und andere digitale Techniken zu "demokratisieren", fĂŒhrte der Jurist aus. Es gebe in dem Markt zwar keinen Monopolisten, aber eine "Marktmacht" der drei groĂen US-Anbieter Amazon, Google und Microsoft. Deutschland habe hier dagegen den Anschluss "gerade verloren" und sollte sich daher besser darauf fokussieren, etwa im Maschinenbau etwa ĂŒber smarte Rechnerinfrastrukturen neue, digitale GeschĂ€ftsmodelle aufzubauen.
Innovationsloser Ansatz
(Bild:Â Stefan Krempl)
Eine eingezĂ€unte "Staats-Cloud" werde keine Innovationen bringen und nur wenige Nutzer finden, verwies Bendiek auf Erfahrungen mit einem frĂŒheren Vorzeigeprojekt in Kooperation mit der Deutschen Telekom [3]. Man habe damals oft zu hören bekommen, dass der Ansatz zwar "superspannend" sei, aber die Kunden seien oft auch global tĂ€tig und nationale Grenzen damit fĂŒr sie nicht entscheidend. Staaten seien dabei wichtig, um klare Rahmenbedingungen fĂŒr die PrivatsphĂ€re oder den Zugriff auf persönliche Daten fĂŒr Strafverfolger zu setzen, wie dies die EU mit der Datenschutz-Grundverordnung [4] oder die USA mit dem Cloud Act [5] gemacht hĂ€tten.
Es brauche zugleich aber ein "Wahlrecht, wo die Daten liegen", unterstrich Bendiek. Bei Microsoft werde der GroĂteil fĂŒr hiesige Kunden "im EU-Raum oder in Deutschland" gespeichert [6]. Die Redmonder böten intelligente Dienste dafĂŒr, um Steuerbetrug oder Material ĂŒber den sexuellen Kindesmissbrauch mit KI zu entdecken, die Energieversorgung oder die MobilitĂ€t zu verbessern oder das Gesundheitswesen zu digitalisieren. Microsoft generiere selbst aber "keine Mehrwerte aus den Daten unserer Kunden", wolle also nicht mit diesen SchĂ€tzen Dritter reicher werden.
"Viele Kunden erwarten, dass sie zu jedem Zeitpunkt wissen, was mit ihrem Daten passiert", berichtete Eva Schulz-Kamm, die bei Siemens fĂŒr die Regierungs- und Behördenbeziehungen zustĂ€ndig ist. "Bei allem Hype um Gaia X" empfahl sie der Politik, stĂ€rker mit der Anwenderindustrie zu sprechen. Es gelte, "unsere Anforderungen fĂŒr eine vernetzte Datenwelt" klar mit Regeln und Standards auszusprechen und umzusetzen" sowie damit auch Partnerschaften zu ermöglichen.
Mehr SoverÀnitÀt und InteroperabilitÀt
"Die digitale Entwicklung kann nur stattfinden, wenn wir souverĂ€n genug sind, uns im digitalen Raum zu bewegen", plĂ€dierte SPD-GeneralsekretĂ€r Lars Klingbeil fĂŒr ein breites VerstĂ€ndnis des SchlĂŒsselbegriffs. DafĂŒr mĂŒssten im Bildungsbereich und im Erwerbsleben etwa durch einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung die Grundlagen vermittelt werden. Gutachter fĂŒr das Bundesinnenministerium seien aber auch mit "erschreckender Deutlichkeit" zum Schluss gekommen, dass die Verwaltung weitgehend von Microsoft abhĂ€ngig sei [7]. Die Kompetenz, bei Hard- und Software frei von Fremdherrschaft agieren zu können und Monopole zurĂŒckzudrĂ€ngen, dĂŒrfe die Politik daher nicht aus den Augen verlieren.
"Wir brauchen freie Codes, offene Standards", brach der Sozialdemokrat eine Lanze fĂŒr mehr InteroperabilitĂ€t. Christian Mölling, Vizedirektor der Gesellschaft fĂŒr AuswĂ€rtige Politik (DGAP), plĂ€dierte dagegen dafĂŒr, den ĂŒberfrachteten Begriff der SouverĂ€nitĂ€t möglichst zu vermeiden angesichts der RealitĂ€t "gegenseitiger AbhĂ€ngigkeiten". Die RĂŒckkehr des Wunsches nach einem starkem Staat sei zwar teils verstĂ€ndlich, auch ein solcher könne aber höchstens noch Nein sagen zu technologischen Innovationen. FĂŒr ihn sei spĂ€testens mit der Vergabe der Jedi-Cloud des Pentagons an Microsoft [8] klar, dass Staaten immer mehr Kompetenzen an Firmen abgĂ€ben. Die Politik mĂŒsse sich von der Idee verabschieden, alles noch zu kontrollieren, und sich fragen, wo ein Aufholen möglich sei oder wo es keine Chance mehr gebe.
Digitaler Ruck
Durch Deutschland mĂŒsse ein digitaler Ruck gehen, wandelte Hinrich Thölken, Sonderbeauftragte fĂŒr Digitalisierungspolitik beim AuswĂ€rtigen Amt, ein Zitat von Ex-BundesprĂ€sident Roman Herzog leicht ab. Die Debatte ĂŒber Huawei und 5G [9] sei nur die Spitze des Eisbergs in dem Wissen, dass Technik auch "Doping fĂŒr Diktatoren" sei und dafĂŒr missbraucht werden könne, Menschen zu ĂŒberwachen, die öffentliche Meinungsbildung zu steuern sowie unliebsame Ansichten zu unterdrĂŒcken.
"Big Tech" baue zudem KapazitĂ€ten in der AuĂenpolitik auf und sei dabei, "klassische Kompetenzen von Staaten anzuknabbern", verwies Thölken etwa auf Facebooks WĂ€hrungsprojekt Libra [10]. Es gehe daher in der technologischen "BewĂ€hrungsprobe fĂŒr die Demokratie" etwa darum, "die Lufthoheit in der Diplomatie" zu bewahren und weiter "Multilateralismus, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit international durchzusetzen". Verkomme Europa aber zu einer Cyberkolonie von den USA oder China und löse es sich nicht aus deren AbhĂ€ngigkeiten, bestĂŒnden "unschöne Aussichten". (olb [11])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-4570976
Links in diesem Artikel:
[1] https://www.microsoft.com/de-de/berlin/veranstaltungen/digitale-souveranitat-explained_201910.aspx
[2] https://www.heise.de/news/Altmaier-praesentiert-Plaene-fuer-europaeisches-Cloud-Netzwerk-Gaia-X-4569820.html
[3] https://www.heise.de/news/Auslaufmodell-Microsoft-Cloud-Deutschland-4152650.html
[4] https://www.heise.de/thema/DSGVO
[5] https://www.heise.de/news/CLOUD-Act-US-Gesetz-fuer-internationalen-Datenzugriff-und-schutz-verabschiedet-4003330.html
[6] https://www.heise.de/news/Microsoft-startet-neuen-Cloud-Versuch-in-Deutschland-4508151.html
[7] https://www.heise.de/news/Marktanalyse-Microsoft-Abhaengigkeit-fuehrt-zu-Schmerzpunkten-beim-Bund-4533951.html
[8] https://www.heise.de/news/Projekt-JEDI-Microsoft-erhaelt-Zuschlag-fuer-Aufbau-der-Pentagon-Cloud-4569787.html
[9] https://www.heise.de/news/5G-Netzausbau-Unionspolitiker-gegen-Huawei-4565332.html
[10] https://www.heise.de/news/Facebooks-Digitalwaehrung-Libra-Wir-wollen-nicht-die-Buechse-der-Pandora-oeffnen-4566940.html
[11] mailto:olb@heise.de
Copyright © 2019 Heise Medien