Covid-19: Machtpoker um den Impfstoff
Wirkungsvolle Covid-19-Impfstoffe werden das neue Öl: Weil die ganze Welt sie will und jedes Land zuerst an sich denkt, stehen Machtkämpfe ins Haus.
Ein kleiner Piekser wird's wohl sein.
(Bild: CDC / PD)
- Antonio Regalado
Alle Länder der Welt kämpfen derzeit darum, ihre Einwohner mit genügend Impfstoff versorgen zu können, sobald einer aus der Pipeline die Zulassung erhält. Noch fehlt der tatsächliche Wirkungsnachweis – also der Beweis, dass die Impfstoffe tatsächlich den Ausbruch der Krankheit verhindern. Hinter den Kulissen habe der Tauschhandel um die Verteilung dennoch bereits begonnen, sagt Pierre Morgon, ehemaliger Mitarbeiter des französischen Pharmakonzerns Sanofi und Berater von CanSino, einem chinesischen Hersteller von Covid-Impfstoffen.
"Man begibt sich in die dunkle Welt des Kuhhandels", zitiert das Technology Review den Biotech-Berater in seiner aktuellen Ausgabe. Er fühle sich zurückversetzt in das Jahr 2009, die Zeit der H1N1-Grippe-Pandemie. Damals hätten Diplomaten in Paris ausgehandelt, welche Länder vorrangig beliefert werden sollten. Auf der Liste standen Nationen, auf deren Rohstoffe Frankreich angewiesen ist: Gas, Öl und Uran. "Es war nicht einmal dünn verschleiert", sagt Morgon.
Machtinstrument
Die ausreichende Versorgung mit Impfstoff könnte damit zu einem geopolitischen Machtinstrument werden, wie es heute mit Öl und Atomwaffen der Fall ist. Schließlich geht es um die Rückkehr zu einem normalen Wirtschaftsleben und politische Stabilität.
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China befindet sich in einer vergleichsweise guten Ausgangslage. Das Land hat seine Investitionen in die Biopharmazeutika-Herstellung erhöht und verfügt über ein Portfolio eigener Kandidaten. Die USA haben im Zuge ihrer Regierungsinitiative Operation Warp Speed mehr als 5 Milliarden Dollar ausgegeben, um Arzneimittelhersteller zur Herstellung von Impfstoffen auf US-amerikanischem Boden zu bewegen.
Milliarden fĂĽr Hunderte Millionen Dosen
Bis Januar 2021 will sich das Land 300 Millionen Dosen eines sicheren, wirksamen Impfstoffs beschaffen und versucht das durch sogenannte Vorkauf-Vereinbarungen zu garantieren. So erhielt das Unternehmen Novavax rund 1,6 Milliarden Dollar für die Herstellung eines Impfstoffs. Im Gegenzug wird laut Gesundheitsministerium "die Bundesregierung Eigentümerin der 100 Millionen Dosen des Forschungsimpfstoffs sein", die sich aus den Verträgen ergeben. Auch mit dem Pariser Unternehmen Sanofi vereinbarten die USA ein Vorabkaufgeschäft. Sanofi räumt den USA darin "das Recht auf die größte Vorbestellung“ ein, „weil sie in die Übernahme des Risikos investiert haben", erklärte Sanofi-CEO Paul Hudson.
Andere Länder, insbesondere in Europa, drohen dagegen in Rückstand zu geraten. Sie haben im Laufe der Jahre staatliche Produktionszentren verkauft oder geschlossen, nationales Fachwissen verloren, sich bei der Herstellung und Abfüllung von Impfstoffen auf Nachbarn verlassen. Folgerichtig bezeichneten französische Beamte den Sanofi-Deal der USA als "inakzeptabel". Ein Impfstoff solle "ein globales öffentliches Gut" sein, der gleiche Zugang für alle zu dem Impfstoff sei "nicht verhandelbar". Westliche Geheimdienste behaupten sogar, dass Russland bereits ein Team von Hackern namens Cozy Bear eingesetzt hat, um Impfstoffgeheimnisse aus britischen und amerikanischen Servern zu extrahieren.
Die größten Leidtragenden aber dürften ärmere Länder sein. Die gemeinnützige Allianz Gavi, die Impfstoffe für arme Länder kauft, sammelt daher 2 Milliarden Dollar, um ihre eigenen Vorkaufsvereinbarungen für Covid-19-Impfstoffe zu treffen. Zudem hat sie gemeinsam mit der Koalition zur Epidemiebekämpfung Cepi und der Weltgesundheitsorganisation die Initiative Covax gegründet, um den Impfstoff-Wettkampf möglichst zu verhindern. „Wir sahen die Gefahr, dass Impfstoffe von den reichen Ländern beschlagnahmt werden und es keine mehr für den Rest der Welt gibt“, sagt Seth Berkley, CEO von Gavi. "Ich verstehe die nationalen Regierungen, die versuchen, ihre Bürger zu schützen."
20 Prozent geimpft – auch Superspreader
"Aber das Problem ist, dass man nicht sicher ist, wenn nicht alle sicher sind", sagt er. "Wenn im Rest der Welt Epidemien wüten, kann man nicht zur Normalität zurückkehren, man kann nicht reisen, der Tourismus funktioniert nicht, man wird keine Erleichterung in der Wirtschaftskrise spüren." Berkley plädiert deshalb dafür, die Anfangsdosen so zu verteilen, dass in jedem Land ein Teil der Bevölkerung geimpft werden kann – statt in wenigen Ländern alle. Wenn im Jahr 2021 wie er erwartet zwei Milliarden Dosen zur Verfügung stünden, könnte jedes Land 20 Prozent seiner Bevölkerung impfen, einschließlich des Gesundheitspersonals, der Personen mit höherem Risiko und potenzieller „Superspreader“ wie Gefangene, Menschen in Flüchtlingslagern und Arbeiter in Fleischverarbeitungsbetrieben.
Die Realität werde anders aussehen, meint Clint Hermes, ein auf Impfstoffversuche spezialisierter Anwalt bei Bass, Berry & Sims. "Es mag nicht fair sein, dass einige Länder vor anderen kaufen, aber das ist es, was wahrscheinlich passieren wird. Ich glaube nicht, dass irgendjemand erwartet, dass die USA Impfstoff nach Angola schicken, bevor er in Arkansas ankommt.“ (bsc)