Löschen statt Sperren: Mehr Probleme mit Kinderpornografie wegen Tor
Das BKA konnte 2015 mehrere Hinweise auf kinderpornografische Inhalte nicht weiterleiten, da ihr Standort ĂŒber das Tor-Netzwerk verschleiert war. Die Löschquote im Ausland war schlechter als 2014, die GrĂŒnde dafĂŒr sind unbekannt.
Das Bundeskabinett hat am Mittwoch den vom Bundesjustizministerium verfassten Jahresbericht 2015 [1] ĂŒber das Löschen von Kinderpornografie im Internet angenommen. Insgesamt erfasste das Bundeskriminalamt (BKA) im vorigen Jahr 3064 Hinweise auf Inhalte zu sexuellem Kindesmissbrauch im Web, die fast alle von Beschwerdestellen wie den Hotlines [2] des Providerverbands eco oder der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) kamen. 2014 waren es noch 2919 einschlĂ€gige Fundstellen [3].
Mehr Fundstellen im Ausland
Der Anstieg geht vor allem auf Meldungen von im Ausland gehosteten Angeboten zurĂŒck, deren Anteil nun bei 59 Prozent liegt. Allein die Zahl der an Kooperationspartner im Ausland weitergeleiteten LöschantrĂ€ge habe sich von 1601 im Jahr 2014 auf 1791 im aktuellen Untersuchungszeitraum erhöht. "AbschlieĂend bewerten" kann die Regierung diese Entwicklung nach eigener Aussage nicht. Als mögliche ErklĂ€rung nennt sie, dass die anonymen Meldemöglichkeiten fĂŒr solche Inhalte durch die Ăffentlichkeit zunehmend genutzt wĂŒrden und sich deren PrĂ€senz insoweit bewĂ€hrt habe.
Zugleich ist die Erfolgsquote der Löschbegehren im Ausland gesunken. 55 Prozent aller weitergeleiteten Inhalte waren dort 2015 nach einer Woche aus dem Netz, nach vier Wochen lag der Anteil bei 81 Prozent. 2014 waren dagegen nach einer Woche bereits 68 Prozent gelöscht, nach einem Monat 91 Prozent. GrĂŒnde kennt das Justizministerium nicht, "da in der Regel keine RĂŒckmeldungen aus dem Ausland erfolgen". Die BKA-Hinweise wĂŒrden zwar entgegen genommen, "die DurchfĂŒhrung von MaĂnahmen obliegt aber der Entscheidung des jeweiligen Staates unter BerĂŒcksichtigung der jeweiligen Rechtslage".
Kinderpornos im TOR-Netzwerk
Die Liste der Staaten, in die das BKA ĂŒber das Inhope-Netzwerk Webadressen ĂŒberstellt hat, fĂŒhren erneut die USA an, diesmal mit 32 statt 43,1 Prozent im Vorjahr. An zweiter und dritter Stelle folgen die Niederlande und Russland mit 7,8 beziehungsweise 7,6 Prozent. Auch hier weisen die Zahlen nach unten. Die Angaben zu diesen "Hosting-LĂ€ndern" sind dem Report nach auch unter dem Aspekt der dort vorhandenen technischen Infrastruktur zu betrachten. Sie seien nicht zwingend ein Indikator dafĂŒr, dass die genannten Staaten möglicherweise Material zu sexuellem Kindesmissbrauch nicht ausreichend bekĂ€mpften.
Insgesamt konnte die Wiesbadener Polizeibehörde voriges Jahr 46 einschlĂ€gige Inhalte nicht an geeignete Adressaten schicken. In 22 FĂ€llen handelte es sich laut dem Bericht "um eine URL, deren Standort ĂŒber das Tor-Netzwerk verborgen war". 2014 waren die Ermittler erst in einem Fall an dem Anonymisierungsdienst gescheitert. Ebenfalls 22 Fundstellen konnten im aktuellen Berichtszeitraum nicht an auslĂ€ndische Partner weitergeleitet werden, da in den einschlĂ€gigen Staaten etwa die Todesstrafe fĂŒr Sexualdelikte verhĂ€ngt wird.
Schnelle Reaktion in Deutschland
Im Inland gehostete Kinderpornografie lĂ€sst sich in der Regel mit dem 2010 beschlossenen Verfahren [4] rascher und umfassender aus dem Netz bekommen. Von den 1227 auf das Gebiet der Bundesrepublik entfallenen Funden konnten 70 Prozent spĂ€testens nach zwei Tagen nicht mehr abgerufen werden. Nach einer Woche lag die Löschquote bei 96 Prozent. Die restlichen vier Prozent seien teils "aus ermittlungstaktischen GrĂŒnden" sowie aufgrund technischer oder organisatorischer Probleme einzelner Provider zunĂ€chst lĂ€nger online geblieben. In letzteren FĂ€llen suche man zunĂ€chst das GesprĂ€ch im Rahmen der Selbstregulierungsstellen, es wĂŒrden aber auch "sowohl gefahrenabwehrrechtliche als auch strafprozessuale MaĂnahmen geprĂŒft". (vbr [5])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-3342340
Links in diesem Artikel:
[1] http://www.bmjv.de/SharedDocs/Downloads/DE/Statistiken/File/Bericht_Loeschen-statt_sperren_2015.pdf?__blob=publicationFile&v=2
[2] http://www.internet-beschwerdestelle.de/
[3] https://www.heise.de/news/Loeschen-statt-Sperren-BKA-hat-im-Inland-mehr-mit-Kinderpornografie-zu-tun-2803072.html
[4] https://www.heise.de/news/Bundeskriminalamt-soll-Websperren-nicht-anwenden-936221.html
[5] mailto:vbr@heise.de
Copyright © 2016 Heise Medien