Linux-Gemeinde: EU-Patentkurs untergrÀbt Kartellverfahren gegen Microsoft
Verfechter freier Software beklagen, dass die EU-Kommission mit ihrer softwarepatentfreundlichen Strategie die eigene harte Wettbewerbslinie gegenĂŒber den Redmondern unterlĂ€uft und den Standort Europa gefĂ€hrdet.
Verfechter freier Software beklagen im Vorfeld der am Montag startenden Anhörungen [1] im Kartellrechtsverfahren zwischen der EU und Microsoft vor dem EU-Gericht [2] Erster Instanz, dass die EU-Kommission mit ihrem softwarepatentfreundlichen Kurs die eigene harte Wettbewerbslinie unterlĂ€uft. Sie sehen damit die ZukunftsfĂ€higkeit der Softwarewirtschaft in Europa gefĂ€hrdet. "Die Freiheit der Anwender verteidigen" â mit diesem Ziel hĂ€tten die WettbewerbshĂŒter in BrĂŒssel ihren langwierigen Kartellrechtsstreit bislang durchgefochten, schreibt die Free Software Foundation Europe (FSFE [3]) in einem Kommentar [4]. Andererseits sei die Binnenmarktkommission aber dabei, mit ihrem Streben zur besseren rechtlichen Durchsetzbarkeit von Softwarepatenten den gewĂŒnschten Wettbewerb im Softwaremarkt massiv zu behindern.
Die EU-Kommission hatte Microsoft vor rund zwei Jahren wegen Wettbewerbsverletzungen zu einer Strafe von 497 Millionen Euro verurteilt. Gleichzeitig ordnete sie die Auslieferung einer Windows-Version ohne Media Player und die Offenlegung der Schnittstellen fĂŒr die Kommunikation mit Windows-Servern an. Microsoft zahlte die Rekordstrafe, klagte aber gegen die Entscheidung der BrĂŒsseler WettbewerbswĂ€chter. Um die Einhaltung der Auflagen gerade bei der fĂŒr Konkurrenten wichtigen Dokumentation der Protokollschnittstellen geht es nun nicht nur in den Anhörungen der kommenden Woche. DarĂŒber hinaus gibt es in dieser Frage der Umsetzung der Anordnungen auch auf anderen Ebenen einen heftigen Streit [5] zwischen der Kommission und Microsoft.
Laut der FSFE geht es in der Auseinandersetzung um die Vernetzungsinformationen zwischen Windows und dem Rest der Computerwelt fĂŒr die Redmonder ums Ganze. Mit dem Prozess stehe "das gesamte Microsoft-GeschĂ€ftsmodell auf dem PrĂŒfstand". SchlieĂlich sei "das Einsperren der Kunden und ihre AbhĂ€ngigkeit gegenĂŒber Windows der Dreh- und Angelpunkt fĂŒr den kĂŒnftigen Erfolg des Konzerns". Deswegen setze Microsoft derart stark auf den gewerblichen Rechtsschutz der Betriebssystem-Schnittstellen und anderer Softwareverfahren mit Hilfe von Patenten. Die FSFE verwundert es in diesem Zusammenhang nicht, dass Microsoft-Chef Steve Ballmer jĂŒngst das wachsende Portfolio der Redmonder im Zusammenhang mit möglichen Klagen gegen die verstĂ€rkt spĂŒrbar werdende Konkurrenz aus dem Lager der freien Software ins Spiel brachte [6].
Selbst die gerichtlich erzwungene Herausgabe der Schnittstellendokumentationen könnte sich demnach fĂŒr die streitbare Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes [7] als Pyrrhussieg erweisen, fĂŒrchtet die FSFE. Denn mit UnterstĂŒtzung von Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy [8], der wĂ€hrend seiner Zeit als irischer Finanzminister Microsoft in seiner Heimat gefördert habe, könne der Konzern seine Monopole im Softwarebereich doch noch zu bewahren hoffen. Die FSFE wirft dem Iren in diesem Zusammenhang vor, die rechtliche Absicherung von Softwarepatenten in der EU momentan unter dem Deckmantel des Gemeinschaftspatents [9] im Rahmen ihrer Konsultation zur Neuausrichtung der europĂ€ischen Patentstrategie erneut auf die Agenda gesetzt zu haben. Die groĂe Sorge des Vereins: Letztlich dĂŒrften selbst im Fall einer Veröffentlichung der Schnittstelleninformationen diese nicht verwendet werden, weil die Kommission den Anwendern gleichzeitig die Möglichkeit genommen habe, die höchst wichtige, aber patentierte Technik anzuwenden.
Ins gleich Horn stöĂt Elmar Geese, Vorsitzender des Linux-Verbandes [10]. "Die geforderte und strafbewehrte Offenlegung der Schnittstellen ist leider nicht einmal die halbe Miete", erklĂ€rte der Lobbyist gegenĂŒber heise online. "Sie bringt dem Wettbewerb nichts, wenn die Nutzung der Schnittstellen patentbewehrt wird. Wir können geheime Schnittstellen wie bisher auch selbst erforschen und implementieren. Wenn wir aber digitalen Wegezoll an Microsoft zahlen mĂŒssten, ist das ein groĂer Schaden fĂŒr den Wettbewerb weltweit". Der Standort Europa mit seiner immer stĂ€rkeren Tendenz zum Einsatz der "unabhĂ€ngigen Technologie" Linux, wĂŒrde im IT-Bereich so zurĂŒckgeworfen. Die Strafe fĂŒr Microsoft mache zwar Mut, das Kernproblem seien aber nach wie vor die von Teilen der Industrielobby forcierten "mittelstands- und standortfeindlichen Softwarepatente".
Microsoft selbst hat angekĂŒndigt, im Rahmen der anstehenden Verhandlungen das eigene "wertvolle geistige Eigentum" verteidigen und nicht sang- und klanglos an Wettbewerber herausgeben zu wollen. Es gehe um die FĂ€higkeiten einer "erfolgreichen Firma", ihre Produkte durch neue Funktionen anreichern zu können. Die Interessensvertretung ECIS [11] (European Committee for Interoperable Systems) stĂ€rkte der Kommission derweil den RĂŒcken. Es gebe keine Grundlage, die Entscheidung der EU-Behörde vom MĂ€rz 2004 zu kippen, erklĂ€rte die Lobbygruppe, der Firmen wie Corel, IBM, Nokia, Opera, Oracle, RealNetworks oder Sun Microsystems angehören. Die Redmonder hĂ€tten ihre beherrschende Stellung bei PC-Betriebssystemen genutzt, um Wettbewerb auf angrenzenden MĂ€rkten zu verhindern. ECIS-Chef Simon Awde gab seiner Zuversicht Ausdruck, "dass das Gericht am Ende der Beratungen die Entscheidung der Kommission bestĂ€tigen wird". (Stefan Krempl) (je [12])
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[1] http://curia.eu.int/de/actu/activites/index.htm
[2] http://curia.eu.int/de/instit/presentationfr/tpi.htm
[3] http://www.germany.fsfeurope.org/
[4] http://www.germany.fsfeurope.org/projects/ms-vs-eu/article-20060421.en.html
[5] https://www.heise.de/news/Neues-EU-Bussgeld-fuer-Microsoft-wird-wahrscheinlicher-114039.html
[6] https://www.heise.de/news/Microsoft-droht-mit-Patentklagen-gegen-Linux-112855.html
[7] http://europa.eu.int/comm/commission_barroso/kroes/index.htm
[8] http://europa.eu.int/comm/commission_barroso/mccreevy/index_de.htm
[9] https://www.heise.de/news/EU-Kommission-wagt-letzten-Anlauf-beim-Gemeinschaftspatent-165772.html
[10] http://www.linux-verband.de/
[11] http://www.e-c-i-s.org/
[12] mailto:je@ct.de
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