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Leistungsorientiert

Martin Franz

Die Zeiten, in denen das Kürzel GTI den stärksten Golf kennzeichnete, sind schon sehr lange vorbei. Schon der erste Golf R aus dem Jahr 2002 übertraf den damaligen GTI deutlich, und so ist es auch beim neuen Modell. Die Techniker haben dem Zweiliter-Vierzylinder nun 300 PS abgerungen

Wolfsburg, 20. August 2013 – Die Zeiten, in denen das Kürzel GTI den stärksten Golf kennzeichnete, sind schon sehr lange vorbei. Schon der erste Golf R aus dem Jahr 2002 übertraf den damaligen GTI deutlich, und so ist es auch beim neuen Modell. Die Techniker haben dem Zweiliter-Vierzylinder nun 300 PS abgerungen.

Ob Golf GTI, R oder Audi S3 [1] : Alle drei Modelle setzen auf den gleichen Vierzylinder-Turbobenziner der so genannten EA-888-Familie mit 1984 cm3 Hubraum. Gegenüber dem GTI-Motor wurden beim Golf R diverse Bauteile verändert, darunter Zylinderkopf, Kolben und Turbolader. Beibehalten wurde das duale Einspritzsystem mit Saugrohr- und Direkteinspritzung und die im Zylinderkopf integrierte, wassergekühlte Abgasführung zum Turbolader. Neu sind im R-Motor eine elektronische Kühlmittelregelung, die zu einer verkürzten Warmlaufphase führen soll. Beide Nockenwellen sind verstellbar, auf der Auslassseite ist zusätzlich noch der Ventilhub in zwei Stufen schaltbar.

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Lohn des ganzen Aufwands sind mehr Leistung und Drehmoment. Gegenüber dem Golf GTI Performance kann der Golf-R-Fahrer auf 70 PS mehr zurückgreifen. Das maximale Drehmoment stieg um 30 auf 380 Nm, liegt aber erst ab 1800/min an – in den GTI-Motoren steht es schon ab 1500/min bereit. Dafür soll es im „R“ bis 5500/min anliegen, im GTI fällt es schon 1000 Umdrehungen früher ab.

Die möglichen Fahrleistungen sind natürlich weit jenseits dessen, was die deutsche Verkehrsdichte an den meisten Tagen erlaubt. Erst bei 250 km/h ist die Höchstgeschwindigkeit erreicht, wahrscheinlich ließe sich mit den 300 PS sogar noch mehr erreichen. Aus dem Stand liegt Tempo 100 nach 5,1 Sekunden an, wer das Doppelkupplungsgetriebe geordert hat, soll das in minimal 4,9 Sekunden schaffen. Nur mal zum Vergleich: Ein Porsche Boxster S mit 315 PS kann das nicht schneller. Den GTI Performance lässt der Golf R in dieser Disziplin mehr als eine Sekunde hinter sich. Etwas übertrieben hat VW aber dann doch bei der Tachoskala, denn bis 320 hätte die nicht reichen müssen. Oder wollte man Tunern eine lästige Nachrüstung ersparen?

Natürlich gibt es die gegenüber dem GTI gestiegene Leistung nicht umsonst. VW betont zwar, dass der Verbrauch gegenüber dem Vorgänger um bis zu 1,5 Liter gesunken sei, doch im NEFZ konsumiert der Golf R rund einen Liter mehr als die GTI. Mit 7,1 (Schaltgetriebe) und 6,9 (DSG) ist der Golf R zumindest im NEFZ dennoch kein Schluckspecht, wenn man das Potential berücksichtigt. Bei Spritmonitor [4] liegt der VW Golf VI R derzeit bei rund 10,7 Litern. Geht man von einem ähnlichen Abstand zwischen NEFZ und Praxis auch beim neuen Golf R aus, dürfte er im Schnitt bei unter 10 Litern liegen.

Für ambitionierten R-Fahrer dürfte der serienmäßige Allradantrieb aber wohl meist wichtiger sein als sparsame Verbrauchswerte. Bei geringer Last wird primär die Vorderachse angetrieben. Bei zuviel Schlupf tritt die Haldexkupplung in Aktion und schaltet die hinteren Räder zu. Je nach Bedarf können theoretisch fast 100 Prozent des Antriebsmoments an die Hinterachse geleitet werden. Elektronische Differenzialsperren an beiden Achsen sollen zusätzlich für Traktion sorgen. Der R-Fahrer kann auch ein später ansprechendes ESP aktivieren oder das Anti-Schleuderprogramm sogar ganz abschalten, was sonst in keinem anderen Golf möglich ist.

Gegenüber dem Basis-Golf wurde das R-Modell um 20 Millimeter tiefer gelegt, das sind noch einmal 5 mm mehr als beim GTI. Zwar verspricht VW „hohen Fahrkomfort“ auch beim Fahrwerk, doch Dämpfung und Federung dürften eher herzhaft straff abgestimmt sein. Die Felgen sind schon ab Werk 18 Zoll groß, die Reifen dementsprechend flach. Als Extra werden 19-Zöller angeboten, die den Untergrund noch erlebbarer machen dürften. Gegen Aufpreis kann die adaptive Fahrwerksregelung DCC bestellt werden, dann ist auch eine so genannte „Fahrprofilauswahl“ dabei.

Die Serienausstattung ist bereits recht umfangreich. Für Bi-Xenon-Scheinwerfer, CD-Radio mit Touchscreen, Klimaautomatik und enge Sportsitze muss der Kunde nichts mehr zuzahlen. Weiteres Geld lässt sich für diverse Assistenzsysteme, Lederbezüge, verschiedene Navis oder auch ein Soundsystem ausgeben. Doch auch ohne diese Goodies kostet der aktuell schnellste Golf schon 38.325 Euro. Damit ist er zwar noch knapp 600 Euro günstiger als der identisch motorisierte Audi S3, aber doch auch 9650 Euro teurer als der nun nicht gerade lahme Golf GTI mit 220 PS [5]. (mfz [6])


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[1] https://www.heise.de/news/Ein-Ausflug-mit-dem-neuen-Audi-S3-1840884.html
[2] https://www.heise.de/bilderstrecke/4737144.html?back=1938647;back=1938647
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/4737144.html?back=1938647;back=1938647
[4] http://www.spritmonitor.de/de/uebersicht/50-Volkswagen/452-Golf.html?power_s=266&exactmodel=golf%20r&powerunit=2
[5] https://www.heise.de/news/Der-VW-Golf-GTI-zeigt-wie-man-Komfort-und-Sport-auf-das-Geschickteste-verbinden-kann-1850858.html
[6] mailto:mfz@heise.de