Landwirtschaft 4.0: Der glÀserne Bauer und die Macht der Agrarkonzerne
(Bild: Anton_Medvedev / Shutterstock.com)
MĂ€hdrescher & Co. sind zu Hightech-Maschinen geworden, die Unmengen an Daten sammeln. Hersteller und HĂ€ndler gewinnen damit tiefe Einblicke ins Marktgeschehen.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist der MĂ€hdrescher aus der Erntearbeit kaum mehr wegzudenken. Die imposanten Maschinen können heute aber viel mehr, als nur Getreide, Mais, Sojabohnen und andere FeldfrĂŒchte abzuschneiden und aufzusaugen: sie senden auch groĂe Datenmengen an den Hersteller und teils an HĂ€ndler zurĂŒck, deren Analyse zusammen mit anderen Messwerten aus dem "Smart Farming" zum glĂ€sernen Landwirt fĂŒhren kann.
Per GPS zeichnet eine solche Landmaschine ihren genauen Weg durch das Feld auf. Sensoren zĂ€hlen die geernteten Pflanzen pro Hektar und den Abstand zwischen ihnen. In einer SĂ€hmaschine passen derweil Algorithmen die Verteilung des Saatguts an. Sie orientieren sich dabei daran, welche Teile des Bodens in den vergangenen Jahren am meisten Ertrag brachten. Ein SprĂŒhgerĂ€t nutzt andere Programmroutinen, um Unkraut zu erkennen und es mit Pestiziden zu bekĂ€mpfen.
WĂ€hrenddessen messen Sensoren den Grad der Abnutzung der Hightech-GerĂ€tschaften. Wenn der Bauer, der sie bedient, zum örtlichen HĂ€ndler geht, um nach einem Ersatzteil zu suchen, hat es dieser im besten Fall aufgrund der laufenden Datenauswertung bereits bestellt und vorrĂ€tig. FĂŒhrende Hersteller wie AGCO, Claas, Fendt oder John Deere sammeln die Messwerte der landwirtschaftlichen Maschinen teils aus aller Welt, speichern sie in der Cloud und werten sie mit Big-Data-Verfahren aus.
Daten sammeln fĂŒr Landwirtschaft 4.0
Das AnhĂ€ufen all dieser Daten in den HĂ€nden der wenigen groĂen Produzenten eröffnet Chancen fĂŒr die Landwirtschaft 4.0 [1]. Doch es gibt auch Bedenken, dass die Konzerne die Informationen missbrauchen und den Wettbewerb untergraben könnten. Die Bauern selbst haben zwar in der Regel Zugang zu den Messwerten, die ihre Maschinen produzieren. Ob ihnen diese Daten auch gehören, zweifeln die Hersteller aufgrund rechtlicher Graubereiche aber an. Nur diese erhalten zudem einen Ăberblick ĂŒber die Informationen aus allen von ihnen verkauften oder geleasten GerĂ€ten.
"Wir stehen an der Schwelle zu einer echten Revolution", erklĂ€rte Seth Crawford, VizeprĂ€sident von AGCO, gegenĂŒber Forbes [2]. "Was uns eine Zeit lang zurĂŒckgehalten hat, war die UnfĂ€higkeit, Daten schnell genug zu verarbeiten". So habe man Erkenntnisse anfangs "nur" auf Ăcker oder Felder insgesamt herunterbrechen können, jedoch noch nicht auf die Ebene einzelner Pflanzen. Mit der ganzen neuen Technologie und wachsenden Rechengeschwindigkeiten sei man nun in der Lage, viel stĂ€rker in Echtzeit zu arbeiten.
Die Maschinenproduzenten verwandeln sich so mehr und mehr in Technologiefirmen. Das Management von John Deere schuf in diesem Sinne im vorigen Jahr die Stelle eines Chief Technology Officer (CTO). Die Landwirte versuchen sie zu ködern etwa mit Prognosen, dass diese ihr Nettoeinkommen in den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren um 20 Prozent steigern könnten, wenn sie ihre Daten intelligent nutzen.
GlÀserner Landwirt
Viele der Bauern befĂŒrchten aber, dass durch die Weitergabe ihrer Daten an Hersteller diese unbeabsichtigt in die HĂ€nde benachbarter Landwirte gelangen, mit denen sie um knappes Land konkurrieren. Diese könnten dann ihre streng gehĂŒteten Informationen ĂŒber die Anzahl der gepflĂŒgten Ăcker oder die Art der verwendeten DĂŒngemittel und Pestizide auswerten und sich so einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Andere befĂŒrchten, dass einschlĂ€gige Analysen in die HĂ€nde von Chemie-Konzernen und Saatgutherstellern wie Bayer gelangen. So könnten diese ihren Produktbedarf vorhersehen und ihnen höhere Preise berechnen.
Auf Basis der Berge an Messwerten, die in ihre Datenbanken einflieĂen, sind GerĂ€tehersteller mit ausreichenden MaschinenverkĂ€ufen theoretisch aber auch selbst in der Lage, zumindest in einem gewissen aussagekrĂ€ftigen Umfang die Preise verschiedener FeldfrĂŒchte und GrundzĂŒge der kommenden Erntesaison vorherzusagen. Sie könnten dafĂŒr etwa die ErtrĂ€ge von Weizen pro Hektar, die Menge an verwendetem DĂŒnger oder die durchschnittliche Anzahl der ausgelegten Samen heranziehen. Marktmanipulationen und VerkĂ€ufe der Erkenntnisse etwa an RohstoffhĂ€ndler wĂ€ren so denkbar.
Der Mangel an Transparenz und Klarheit in Bezug auf Fragen wie Dateneigentum, Ăbertragbarkeit, Privatheit, Vertrauen und Haftung in den GeschĂ€ftsbeziehungen rund um Smart Farming trĂ€gt laut Forschern dazu bei [3], dass Landwirte zögern, sich auf die gemeinsame Nutzung ihrer Betriebsdaten im groĂen Stil einzulassen. Im Mittelpunkt der Bedenken stehe das mangelnde Vertrauen zwischen den Bauern als Datenlieferanten und Dritten, die ihre Messwerte aggregieren und weitergeben. Vermittlungsplattformen wie Ag Data Transparent [4] konnten diese Sorgen bislang kaum zerstreuen: auch in ihren VertrĂ€gen heiĂt es, dass Bauern Daten allenfalls "kontrollieren" dĂŒrfen.
Hierzulande forderte eine zivilgesellschaftliche Allianz vor einem Jahr, dass Datenplattformen im Agrarbereich nicht von GroĂkonzernen gesteuert werden dĂŒrften [5]. Stattdessen sollten Regierungen den Aufbau der nötigen Rechenzentren fĂŒr unabhĂ€ngige Systeme finanzieren, die dann von demokratisch legitimierten Gremien verwaltet und von unabhĂ€ngigen Anbietern betrieben werden könnten. Zuvor hatte sich der Bundestag fĂŒr solch eine ĂŒbergreifende "Masterplattform" ausgesprochen [6].
(olb [8])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-5003233
Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/news/Smart-Farming-mit-intelligenter-Maschine-und-Drohne-uebern-Acker-4629219.html
[2] https://www.forbes.com/sites/scottcarpenter/2021/12/31/access-to-big-data-turns-farm-machine-makers-into-tech-firms/
[3] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1573521418302616
[4] https://www.agdatatransparent.com/
[5] https://www.heise.de/news/Digitalisierung-Buendnis-fordert-nachhaltige-und-soziale-Landwirtschaft-4-0-4637598.html
[6] https://www.heise.de/news/Landwirtschaft-4-0-Bundestag-fordert-Datendrehscheibe-fuer-Agrarbetriebe-4587646.html
[7] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
[8] mailto:olb@heise.de
Copyright © 2021 Heise Medien