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Koalitionsvereinbarung: Web-Sperren weg, Vorratsdatenspeicherung eingeschrÀnkt

Stefan Krempl

Nach einem lĂ€ngeren Tauziehen hat die fĂŒr die Innen- und Rechtspolitik zustĂ€ndige Koalitionsarbeitsgruppe einen Kompromiss ausgearbeitet, wonach die geplanten Blockaden kinderpornographischer Seiten faktisch passe sind.

Nach lĂ€ngerem Tauziehen [1] hat die fĂŒr die Innen- und Rechtspolitik zustĂ€ndige Koalitionsarbeitsgruppe von FDP und Union ĂŒberraschend schnell einen Kompromiss ausgearbeitet [2], wonach die geplanten reinen Blockaden kinderpornographischer Seiten [3] faktisch passĂ© sind. Wie heise online aus Verhandlungskreisen erfuhr, soll das Bundesinnenministerium das Bundeskriminalamt (BKA) anweisen, international stĂ€rker auf die tatsĂ€chliche Löschung kinderpornographischer Inhalte im Internet zu drĂ€ngen. Zugleich wird der Wiesbadener Polizeibehörde untersagt, Sperrlisten an die Zugangsanbieter herauszugeben. Die bislang vom noch nicht in Kraft getretenen [4] Zugangserschwerungsgesetz sowie in VertrĂ€gen [5] großer Provider mit dem BKA vorgesehenen Web-Sperren könnten so nicht zur Anwendung kommen.

"Wir wollen zunĂ€chst, dass das BKA in jedem Fall versucht, die Löschung zu erreichen", sagte Bundesinnenminister Wolfgang SchĂ€uble am gestrigen Donnerstagabend im TV-Sender Phoenix. Diese Bestimmung sei in Absprache mit Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) und seinem Kollegen im Wirtschaftsressort, Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), getroffen worden, betonte der CDU-Politiker. Nach einem Jahr solle ĂŒberprĂŒft werden, ob die Ziele der Löschung erreicht worden sind, um dann "gegebenenfalls weitere Entscheidungen zu treffen". FĂŒr die Liberalen handelt es sich dabei um eine Lösung, die es der Union beim Abschied vom Web-Sperren ermöglicht, das Gesicht zu wahren. Man werde nach Ablauf der Frist darauf drĂ€ngen, das Zugangserschwerungsgesetz komplett aufzuheben.

Die VerhandlungsfĂŒhrerin der Liberalen in der Arbeitsgruppe, die bayerische FDP-Vorsitzende Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, ergĂ€nzte, dass "kinderpornographische Abbildungen und Texte aus dem Netz entfernt" werden mĂŒssten. Das Internet sei schließlich kein "rechtsfreier Raum". Konkret setzen die Liberalen vor allem auf die Internetwirtschaft und die Verbesserung von Hotlines [6] zum Löschen illegaler Inhalte wie $(LEhttp://www.inhope.org/:INHOPE|_blank). Vorbild soll das zĂŒgige Vorgehen von Industrie und Staat gegen Phishing-Seiten sein. Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags hatte zudem aufgezeigt [7], dass das BKA auf dem kleinen Dienstweg ĂŒber eine direkte Ansprache von Providern ohne den Umweg ĂŒber auslĂ€ndische Polizeibehörden mehr zum Entfernen kinderpornographischer Angebote aus dem Netz beitragen könnte.

Bei der Vorratsdatenspeicherung haben die Verhandlungspartner der geplanten schwarz-gelben Koalition eine "Aussetzung" beschlossen. Demnach soll die verdachtsunabhĂ€ngige sechsmonatige Protokollierung der Nutzerspuren durch die Telekommunikationsunternehmen zwar bis zu einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts weiter erfolgen, um nicht gegen die EU-Vorgaben zu verstoßen. Der Zugriff auf die Verbindungs- und Standortdaten soll aber noch ĂŒber die bestehenden Vorschriften [8] hinaus eingeschrĂ€nkt werden. Konkret soll eine Nutzung der Datenhalden auf schwere Gefahrensituationen beschrĂ€nkt werden, wie SchĂ€uble ausfĂŒhrte.

Beim BKA-Gesetz [9] haben beide Seiten beschlossen, den Schutz des Kernbereichs der privaten Lebensgestaltung noch etwas zu stĂ€rken. Dieser Ansatz soll fĂŒr alle Befugnisse der Polizeibehörde zur Terrorabwehr wie etwa den großen SpĂ€h- und Lauschangriff gelten. Das Instrument der heimlichen Online-Durchsuchung bleibt bestehen. Die HĂŒrden fĂŒr den bislang nicht erfolgten [10] Einsatz des Bundestrojaners werden den Absprachen nach aber weiter erhöht. So soll darĂŒber kĂŒnftig ein Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs auf Antrag der Bundesanwaltschaft entscheiden. Bisher hĂ€tte sich das BKA ans Amtsgericht wenden können.

Leichte Verbesserungen wurden auch bei den Rechten fĂŒr zeugnisverweigerungsberechtigte Personen abgemacht. So wird das besonders hohe Schutzniveau auf alle Anwaltsgruppen ausgeweitet. Davon profitieren sollen also nicht mehr nur Abgeordnete und Strafverteidiger. Zudem will Schwarz-Gelb laut SchĂ€uble prĂŒfen, "ob die Einbeziehung weiterer BerufsgeheimnistrĂ€ger in den absoluten Schutz vertretbar ist". Journalisten sollen dabei aber außen vor bleiben. Im Gegenzug wird vorgesehen, das Cicero-Urteil [11] zum Anlass gesetzlicher Änderungen zu nehmen. "Die Beihilfe zur Verletzung eines Dienstgeheimnisses wird fĂŒr straffrei erklĂ€rt", fĂŒhrte Leutheusser-Schnarrenberger aus. Dieser Punkt sei bisher ein "Einfallstor fĂŒr Ermittlungen gegen Journalisten" gewesen. Zugleich mĂŒsse fĂŒr die Beschlagnahme von Druckerzeugnissen bei der Durchsuchung von Wohn- oder ArbeitsrĂ€umen von Pressevertretern kĂŒnftig ein dringender Tatverdacht vorliegen.

Die ersten Reaktionen auf den neuen Kurs in der Innenpolitik sind gemischt. Franziska Heine, die Initiatorin der Rekord-Petition [12] gegen das Gesetz zu Web-Sperren, freut sich auf Twitter [13] ĂŒber einen großen Erfolg der Netzgemeinde: Alle, die gegen das Gesetz gekĂ€mpft hĂ€tten, könnten "verdammt stolz" auf sich sein. Malte Spitz aus dem Bundesvorstand der GrĂŒnen bezeichnete [14] das Ergebnis dagegen als "enttĂ€uschend". Die Sperren seien vorerst nur verschoben, viele praktische Fragen offen. Bei der Vorratsdatenspeicherung werde praktisch nichts geĂ€ndert, das BKA-Gesetz nur mit "Kosmetik" behandelt. Die Piratenpartei vermisst [15] das Wort "GesetzesrĂŒcknahme". Die Kompromisse trĂŒgen "eindeutig eine tiefschwarze Handschrift". Die FDP dĂŒrfe keinen Koalitionsvertrag unterzeichnen, "der nicht eine klare Abkehr von Überwachung und Datenmissbrauch vorsieht".

(anw [16])


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[1] https://www.heise.de/news/FDP-will-innenpolitisch-keine-faulen-Kompromisse-828593.html
[2] https://www.heise.de/news/Internetsperren-sind-vorerst-vom-Koalitionstisch-2-Update-830936.html
[3] https://www.heise.de/news/Bundestag-verabschiedet-Gesetz-fuer-Web-Sperren-183554.html
[4] https://www.heise.de/news/Bruessel-signalisiert-gruenes-Licht-fuer-Sperrgesetz-818808.html
[5] https://www.heise.de/news/Fuenf-Provider-unterzeichnen-Vertrag-zu-Kinderporno-Sperren-213668.html
[6] https://www.heise.de/news/Verbaende-kaempfen-gemeinsam-gegen-Internet-Kriminalitaet-89517.html
[7] https://www.heise.de/news/Gutachten-BKA-koennte-mehr-zum-Loeschen-von-Kinderpornos-beitragen-183362.html
[8] https://www.heise.de/news/Bundesverfassungsgericht-verlaengert-erneut-Schranken-bei-Vorratsdatenspeicherung-216588.html
[9] https://www.heise.de/news/Bundesrat-nickt-BKA-Gesetz-endgueltig-ab-191333.html
[10] https://www.heise.de/news/Bericht-BKA-hat-bisher-noch-keine-Online-Durchsuchung-durchgefuehrt-829383.html
[11] https://www.heise.de/news/Bundesverfassungsgericht-staerkt-Pressefreiheit-und-Informantenschutz-150848.html
[12] https://www.heise.de/news/Netzgemeinde-wirft-Ursula-von-der-Leyen-Ignoranz-vor-6145.html
[13] http://twitter.com/FranziskaHeine/status/4895744028
[14] http://www.malte-spitz.de/blog/index.html#anchor_2809527
[15] http://www.piratenpartei.de/Pressemitteilung/FDP_verpasst_den_Ausstieg
[16] mailto:anw@heise.de