Koalitionsdebatte um CO2-Steuer gewinnt an SchÀrfe
(Bild: mit-bund, CDU, MIttelstands- und Wirtschaftsvereinigung)
In der Berliner Koalition ist eine heftige Debatte um eine mögliche CO2-Steuer ausgebrochen. Strittig ist der Nutzen einer solchen Abgabe fĂŒr das Klima. Uneinigkeit herrscht hier nicht nur zwischen den Regierungsparteien. Auch in der Union selbst wird eine CO2-Steuer kontrovers diskutiert
In der Berliner Koalition ist eine heftige Debatte um eine mögliche CO2-Steuer ausgebrochen. Strittig ist der Nutzen einer solchen Abgabe fĂŒr das Klima. Uneinigkeit herrscht hier nicht nur zwischen den Regierungsparteien. Auch in der Union selbst wird eine CO2-Steuer kontrovers diskutiert.
Nachdem Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) in einem Spiegel [1]-Interview vom 19. April 2019 eine solche Steuer favorisiert hatte, Ă€uĂerte sich BundestagsprĂ€sident Wolfgang SchĂ€uble [2] (CDU) aufgeschlossen. Jetzt hat der CDU-Politiker Carsten Linnemann, stellvertretender Unionsfraktionsvorsitzender im Bundestag sowie Chef der Unionsmittelstands- und âwirtschaftsvereinigung eine solche Steuer aber abgelehnt.
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Alternative: Ausweitung des EU-Emissionshandels
Er sei dagegen, eine âzusĂ€tzliche CO2-Steuer mit ungewisser Wirkungâ einzufĂŒhren, wie die SĂŒddeutsche Zeitung [5] am 24. April 2019 berichtet. Vielmehr mĂŒsse âeine echte Alternative zu teuren und ineffektiven AlleingĂ€ngenâ gesucht werden. Die SZ zitiert Linnemann weiter: âIch halte die Ausweitung des EU-Emissionshandels fĂŒr den besten Weg, um nachhaltig Klimapolitik zu betreiben." Nach dem Spiegel-Interview von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) kursiert der Preis von 20 Euro pro Tonne CO2.
Schulze hatte zwar selbst ausdrĂŒcklich abgelehnt, sich schon verbindlich zu einem Preis Ă€uĂern zu wollen. Sie hatte jedoch den Chef der Wirtschaftsweisen zitiert, der als Einstieg 20 Euro pro Tonne vorschlĂ€gt. BundestagsprĂ€sident Wolfgang SchĂ€uble (CDU) zeigte sich bei einem Interview mit der Neuen OsnabrĂŒcker Zeitung [6] vom 20. April 2019 Schulzes VorschlĂ€gen nicht abgeneigt. SchĂ€uble wörtlich: âOb man Zertifikate verteuert oder eine Steuer erhebt: Das geht in dieselbe Richtung und sollte von den verantwortlichen Politikern geprĂŒft werden. Nur eines muss gewĂ€hrleistet sein: Schnelle Entscheidungen mĂŒssen her. Zehn Jahre weiterer Diskussionen können wir uns nicht leisten.â
Die Berliner Denkfabrik Agora Verkehrswende [7] behauptet jedoch, dass 20 Euro pro Tonne nichts brĂ€chten. Die NGO weist das mit ihren Berechnungen nach. Demnach verteuert sich die rund 600 km lange Strecke zwischen MĂŒnchen und Berlin mit einem Benzin-Pkw, der sechs Liter auf 100 km verbraucht, nur um 1,70 Euro. Pro 100 km wĂŒrden fĂŒr einen so sparsamen Wagen nur 28 Cent Aufschlag fĂ€llig.
Bei einem Diesel-PKW mit einem Verbrauch von fĂŒnf Litern auf 100 km wĂŒrde die Steuer pro 100 Kilometer Strecke nur 26,5 Cent betragen. Wie Ministerin Schulze selbst im Spiegel sagte: âDamit wĂŒrde man beim Sprit im Bereich der normalen Schwankungen an der ZapfsĂ€ule liegenâ.
StĂ€rkere Effekte bei gröĂeren Verbrauchern
Mehr Effekt hĂ€tte so eine 20-Euro-Steuer jedoch bei der GebĂ€udeheizung. Wer mit Ăl heizt, mĂŒsste sich auf 81,62 Euro zusĂ€tzliche Kosten pro Jahr auf 100 Quadratmeter WohnflĂ€che einstellen. Billiger kĂ€men Nutzer von Erdgas davon. Hier betrĂŒge der jĂ€hrliche Aufschlag 64 Euro pro 100 Quadratmeter. Auch diese Berechnungen stammen von der Organisation Agora Verkehrswende in Berlin.
Als Gegenvorschlag zu der fĂŒr untauglich erachteten CO2-Steuer bringen nach dem SZ-Bericht sowohl Carsten Linnemann von der CDU als auch der klimapolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Lukas Köhler die Ausweitung des Emissionshandels ins Spiel. Köhler fordete laut SZ, explizit den Emissionshandel auf GebĂ€ude und Verkehr auszudehnen.
Bisher erlaubt der Handel mit Emissionszertifikaten beispielsweise Kraftwerken einen bestimmten AusstoĂ an CO2. FĂŒr jede Tonne CO2 muss ein Zertifikat vorliegen. Wenn man mehr ausstöĂt, muss man Zertifikate zukaufen. Kann man CO2 einsparen, darf man Zertifikate verkaufen. Der Emissionshandel wurde bereits 2005 als zentrales Klimaschutzinstrument eingefĂŒhrt. Wegen einer Inflation durch zu viele ausgegebene und kostenlose Zertifikate blieb er zur Einhaltung der Klimaschutzziele allerdings weitgehend unwirksam.
Bleibt das Problem, die Lasten zu verteilen
Carsten Linnemann hĂ€lt ihn jedoch trotzdem fĂŒr ein taugliches Mittel. âDas europĂ€ische Emissionshandelssystem hat sich bereits als konstruktives klimaschutzpolitisches Instrument bewĂ€hrtâ, wird Linnemann von der SZ zitiert. Sollte der Emissionshandel auf Verkehr und GebĂ€udeheizung ausgeweitet werden, mĂŒsse das fĂŒr den Verbraucher nicht unbedingt zu stĂ€rkeren Belastungen fĂŒhren.
âOb es fĂŒr den Verbraucher unterm Strich teurer wird, hĂ€ngt auch vom Mut der Regierung ab, an anderer Stelle fĂŒr Entlastung zu sorgenâ, sagt Linnemann. Als Beispiele bringt der Stromsteuersenkungen und die Abschaffung des EEG. Das EEG ist das Gesetz zum Ausbau grĂŒner Energien. Dieser wird durch eine Umlage der Mehrkosten auf die Netzentgelte finanziert. Trotz oder wegen dieser kontroversen Positionen wird das neu gegrĂŒndete Klimakabinett der Bundesregierung bei seiner nĂ€chsten Sitzung ĂŒber die CO2-Steuer beraten. (chlo [8])
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[1] https://www.spiegel.de/plus/svenja-schulze-ueber-co2-steuer-als-politikerin-kann-ich-mir-panik-nicht-leisten-a-00000000-0002-0001-0000-000163511515
[2] https://www.heise.de/news/Schaeuble-zeigt-sich-offen-gegenueber-CO2-Steuer-4404792.html
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/4746754.html?back=4405728;back=4405728
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/4746754.html?back=4405728;back=4405728
[5] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/co-steuer-kritik-klimaschutz-cdu-1.4418416
[6] https://www.noz.de/deutschland-welt/politik/artikel/1712435/schaeuble-beim-klimaschutz-jetzt-schnell-entscheiden-lob-fuer-junge-demonstranten
[7] https://www.heise.de/news/Experte-CO2-Preis-von-20-Euro-bringt-gar-nichts-4404892.html
[8] mailto:chlo@heise.de
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