Koalitions- und Juristenstreit um Online-Durchsuchungen
WÀhrend die CSU in Bayern Dampf macht bei den umstrittenen Netzbespitzelungen, will die SPD eine gesetzliche Regelung zunÀchst auf Eis legen. AnwaltsverbÀnde fordern einen kompletten Stopp des Anti-Terrorpakets.
Wenn es um ihre PlĂ€ne geht, das Ăberwachungsnetz im Rahmen eines neuen Anti-Terrorpakets auszubauen, gibt die groĂe Koalition weiter ein uneinheitliches Bild ab. Besonders umstritten bleiben die heimlichen Online-Durchsuchungen [1], die Bundesinnenminister Wolfgang SchĂ€uble (CDU) als Teil seines geplanten Sicherheitsgesetzes [2] mit vorantreibt. WĂ€hrend die CSU in Bayern ĂŒber einen eigenen Gesetzesvorschlag im Bundesrat Dampf machen [3] will, plĂ€dieren Sozialdemokraten erneut fĂŒr ein gesetzgeberisches Moratorium. So fordert [4] der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter WiefelspĂŒtz, im Spiegel, die geplante gesetzliche Regelung fĂŒr Netzbespitzelungen von Festplatten privater Computer und virtueller Speicherplattformen im Web zunĂ€chst "auf Eis zu legen".
WiefelspĂŒtz pocht seit Ende April darauf, alle weiteren Beratungen ĂŒber eine Rechtsgrundlage fĂŒr verdeckte Online-Durchsuchungen zurĂŒckzustellen [5]. Es sei abzuwarten, wie das Bundesverfassungsgericht ĂŒber entsprechende Regelungen aus Nordrhein-Westfalen entscheide. BĂŒrgerrechtler [6] und der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum [7] (FDP) haben gegen das neue nordrhein-westfĂ€lische Verfassungsschutzgesetz in Karlsruhe Verfassungsbeschwerde erhoben, da dieses erstmals einem Nachrichtendienst eine parlamentarisch abgesegnete Möglichkeit zur Netzbespitzelung einrĂ€umt. Laut WiefelspĂŒtz soll daher die umstrittene PrĂ€ventivmaĂnahme nicht â wie von SchĂ€uble geplant â noch vor der Sommerpause im Gesetz zu den neuen PrĂ€ventivbefugnissen des Bundeskriminalamts (BKA) geregelt werden.
Die Union will unterdessen AufklĂ€rung darĂŒber, wer die politische Verantwortung fĂŒr die offenbar rechtlich nicht ausreichend geregelten Online-Durchsuchungen des Bundesverfassungsschutzes trĂ€gt. In einer Sondersitzung des parlamentarischen Kontrollgremiums (PKG [8]) verlangten dessen Mitglieder auf Antrag der CDU/CSU-Fraktion am vergangenen Freitag vollstĂ€ndige Akteneinsicht rund um die Entstehung einer Dienstvorschrift [9], die der ehemalige Innen- und heutige Justiz-StaatssekretĂ€r Lutz Diwell im Juni 2005 unterzeichnet hatte. Mit der Anweisung autorisierte er den "heimlichen Zugriff auf IT-Systeme unter Einsatz technischer Mittel".
Unter Berufung auf die Klausel forschte das Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz laut Spiegel unter anderem die Festplatte eines Berliner Islamisten mittels einer Spezialsoftware erfolgreich aus. In anderen FĂ€llen soll die MaĂnahme aber im Vorfeld von VerdĂ€chtigen entdeckt und konterkariert worden sein. Rund ein Dutzend heimliche Online-Durchsuchungen hat der Verfassungsschutz nach offiziellen Angaben bislang durchgefĂŒhrt.
Das Innenministerium will fĂŒr die PrĂ€ventivmaĂnahme nun das Grundgesetz Ă€ndern. Nach einem Vorschlag von SchĂ€ubles Beamten könnte in Artikel 13, der die Unverletzlichkeit der Wohnung regelt, kĂŒnftig auch "die Datenerhebung mit technischen Mitteln" mit einer GrundgesetzĂ€nderung verankert werden. Das Konzept der bayerischen Regierung will die tiefen Grundrechtseinschnitte dagegen wie eine TelefonĂŒberwachung, also mit deutlich niedrigeren EinsatzhĂŒrden, handhaben. Der Entwurf soll am 8. Juni in den Bundesrat eingebracht werden.
Der PrĂ€sident des Deutschen Anwaltvereins (DAV [10]), Hartmut Kilger, erklĂ€rte die Spionage in privaten Festplatten unterdessen gegenĂŒber der Neuen OsnabrĂŒcker Zeitung [11] zum gröĂtmöglichen SĂŒndenfall der groĂen Koalition: "WĂŒrde sie erlaubt, hĂ€tte das entsetzliche Folgen fĂŒr IntimitĂ€t und WĂŒrde der BĂŒrger." Insgesamt stöĂt der "SchĂ€uble-Katalog" bei juristischen FachverbĂ€nden auf massive Vorbehalte. So rief der DAV Schwarz-Rot gemeinsam mit der Bundesrechtsanwaltskammer auf, die PlĂ€ne im Koalitionsausschuss am heutigen Montag komplett zu stoppen. "Die Sicherheitspolitik droht jedes MaĂ zu verlieren", begrĂŒndet Kilger den Appell. Sollte SchĂ€ubles lange Liste umgesetzt werden, "verabschiedet sich Deutschland vom Freiheits- und Rechtsstaat zum PrĂ€ventivstaat." Die VorstöĂe fĂŒr eine polizeifreundliche Neuregelung des groĂen Lauschangriffs und Rasterfahndungen etwa seien ein "Frontalangriff auf das Grundgesetz".
Der DAV-PrĂ€sident ermahnte zugleich Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), mit der massiven RĂŒckendeckung aus der Fachwelt im Koalitionsausschuss "klare Kante zu zeigen und den PlĂ€nen des Innenministers energisch entgegenzutreten." Es gehe um fundamentale Fragen des Rechtsstaats, in denen sich jedes Koalitionsgeschacher verbiete. Der VizeprĂ€sident der Bundesrechtsanwaltskammer, Ulrich Scharf, unterstĂŒtzte Kilgers Forderungen: "Es werden Ăngste in der Bevölkerung geschĂŒrt und instrumentalisiert, um eine gesellschaftliche Akzeptanz fĂŒr weit reichende Kompetenzen der Sicherheitsbehörden zu schaffen." Grundrechte dĂŒrften aber nicht auf dem Altar vermeintlicher Sicherheitsinteressen geopfert werden. Die Juristen wollen im Laufe der Woche auf dem Deutschen Anwaltstag [12] in Mannheim eine Resolution gegen SchĂ€ubles Paket verabschieden, sofern die Regierung an den PlĂ€nen festhĂ€lt.
Zu den Auseinandersetzungen um die erweiterte Anti-Terror-Gesetzgebung, die Anti-Terror-Datei sowie die Online-Durchsuchung siehe auch:
(Stefan Krempl) / (vbr [14])
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[1] https://www.heise.de/news/Entwicklungsprojekt-zu-Online-Durchsuchungen-in-vollem-Gange-166318.html
[2] https://www.heise.de/news/Schaeubles-neues-Anti-Terrorpaket-nimmt-Gestalt-an-175344.html
[3] https://www.heise.de/news/Bayern-plant-Gesetz-zur-Online-Durchsuchung-177841.html
[4] http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/0,1518,482556,00.html
[5] https://www.heise.de/news/Schaeuble-laesst-bei-Online-Durchsuchungen-nicht-locker-172753.html
[6] https://www.heise.de/news/Verfassungsbeschwerde-gegen-Online-Durchsuchungen-in-NRW-eingelegt-144446.html
[7] https://www.heise.de/news/Ex-Bundesinnenminister-legt-Verfassungsbeschwerde-gegen-Online-Durchsuchung-ein-152143.html
[8] http://www.bundestag.de/parlament/gremien/kontrollgremien/parlkon/index.html
[9] https://www.heise.de/news/Staatssekretaer-Schily-wollte-keine-Online-Durchsuchungen-173751.html
[10] http://www.anwaltverein.de/
[11] http://www.neue-oz.de/
[12] http://www.anwaltverein.de/DAT/index.html
[13] https://www.heise.de/hintergrund/Von-der-Anti-Terror-Gesetzgebung-ueber-die-Anti-Terror-Datei-zum-Schaeuble-Katalog-302578.html
[14] mailto:vbr@heise.de
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