Wozu noch Staat?
Die Deutsche Umwelthilfe um Jürgen Resch maß bei einem Opel Zafira im NEFZ stark erhöhte NOx-Werte, wenn auf dem Prüfstand vier statt zwei Räder gedreht wurden. Opel bestreitet. Wo sind staatliche Messungen?
(Bild: DUH)
Die "Deutsche Umwelthilfe" (DUH) um Jürgen Resch hat einen Opel Zafira mit dem 1,6-Liter-Euro-6-Diesel auf dem Prüfstand vermessen und veröffentlichte Ergebnisse, in denen im Vierradbetrieb die Schadstoffe deutlich höher liegen als im Zweiradbetrieb. Opel hielt schnell dagegen und maß mit dem TÜV zusammen, dass alles normal ist. Dazwischen stehen alle Beobachter mit Fragezeichen über den Köpfen. Denn was fehlt, ist ein Staat, der nicht nur dumm daherlabert, sondern die ihm zugemessene Macht ausübt und schlichtet – mit einer unabhängig eigenen Messung.
Denn die DUH ist keine Institution, die man pauschal den Guten (tm) zuschreiben möchte. Jürgen Resch ist ein Querulant im Wortsinn, also jemand, der deutsche Gerichte belastet, damit es ein Verfahren gibt, denn gibt es ein Verfahren, gibt es meistens auch eine Nachricht in der nach jedem Bröckchen schnappenden KFZ-Presse. Aber bei allen Vorbehalten, die ich gegen ihn hege: Herr Resch hat das Richtige getan und ein normales Auto einmal protokolliert im NEFZ nachgemessen. Dafür gebührt ihm ein "Danke", das ich ihm gerne gab. Die Ergebnisse der Messungen (auf der DUH-Meldungsseite ganz unten als PDF-Links) sehen in der Tat merkwürdig aus. Herr Resch hat mittlerweile weiter nachgeforscht, ob die Werte des Zafira am ungewöhnlich niedrigen Adblue-Verbrauch liegen, den ihm Fahrer dieses Modells mitteilten.
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Die DUH bat Opel um einen Kommentar, der natürlich entrüstet ausfiel: SELBSTVERSTÄNDLICH alles falsch. Es irritiert mich ein bisschen, dass Opel immer schreibt "die von GM entwickelte Software", weil das ein verbales Hedging für den GAU sein könnte: Das haben alles die Amis gemacht, wir wussten doch von nichts! Wir kennen das in umgekehrter Richtung von Volkswagen USA, die alles auf Wolfsburg schoben. Schnell folgte noch eine kurze Meldung, in der Opel "zusammen mit dem TÜV Hessen" auf einem Vierrollenprüfstand einen Zafira nachmaß: alles okay.
Seit Freitag, den 23. Oktober wird der TÜV-Prüfstandsbericht "zur Stunde fertiggestellt". Opel sagte mir auf Nachfrage, man lasse noch die Behörden draufschauen. Wenn jetzt eine Wolke von Fragezeigen über Ihrem Kopf aufstieg, geht es Ihnen wie mir. Welche Behörden wollen warum auf Opels TÜV-Bericht schauen, und wieso steht das einer Veröffentlichung von Seiten Rüsselsheim im Weg, wenn die doch Opels Aussagen bezeugt?
... und die Regierung schaut nur zu.
Und da stehen wir jetzt, wir armen Toren, und schreiben dumm in uns're Foren. Hat Herr Resch einen Fehler gemacht? Hat er gar getrickst? Er hat ja auch eine Agenda. Oder hat Opel einen Zafira mit fix genulltem Schummelbit gemessen? Steckt gar der TÜV Hessen mit Rüsselsheim unter einer Decke? Ich meine: Wenn ich zu meinem Haus-TÜV gehe, dann regeln wir da auch ein paar Dinge auf die italienische Auspuffart. Jeder Politiker und jeder Nichtpolitiker musste zur Hochzeit des Abgasbetrugs in der Presse etwas fordern, aber wirklich getan wurde gar nichts. Dass der Staat unabhängig schlichtend die Werte der Autoindustrie nachmisst, ist sowas von überfällig. Denn der Staat sollte ermitteln, wie es die Kripo im Idealfall nach Regelbuch tut: Stets allen Spuren folgen und alle Seiten hören.
Dass nichts passiert, wäre besser verkraftbar vor einem Hintergrund, vor dem auch nichts versprochen wurde. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Politiker überschlugen sich anlässlich Volkswagen regelrecht mit Maßnahmenvorschlägen unterschiedlichster Realitätsferne, die jetzt "schnellstmöglich" umgesetzt werden müssen. Manchmal hat man als Bürger den Eindruck, dass je mehr vorher gesprochen wird, umso weniger später passiert. Bei den autonomen Autos wurde von Politikern kaum über die Rechtslage gesprochen, aber es wurden Schritt für Schritt Barrikaden aus dem Weg geräumt. Dabei ging es halt auch um die Autoindustrie, das liebste Kind der Politik. Jetzt geht es darum, dem liebsten Kind auf die Finger zu schauen und gegebenenfalls zu schlagen. Da fahren Wolfsburg und Berlin identische Taktiken: Mit maximaler Wörterzahl gar nichts sagen und genausoviel tun. Das "Vertrauen der Verbraucher" wird zitiert, um es sogleich zu bespucken. Wenn ich Matthias Müller höre, diese wandelnde Nebelkerze, dann wünsche ich mir jetzt schon den Winterkorn zurück.
Warum messen die Umweltbehörden nicht öfter selber nach? Messungen wie des Umweltamtes B-W zeigen, dass das kein so großes Problem ist. Das Land B-W wollte messen, ob Tempo 30 in Städten die Luftqualität verbessern könnte, auch in Sachen Stickoxide. Antwort übrigens: nein. Aber es wurden Stickoxide mobil gemessen, und es wäre ein Leichtes, das im Hinblick darauf zu tun, ob der Prüfstandsmodus des Fahrzeugs grundsätzlich anders arbeitet als der reale Teillastbetrieb auf der Straße. Wenn ein Bundesland sich so einen Test leisten kann, könnte es der Bund schon lange. Er tut es nur nicht. Lieber Staat: Wisst ihr, warum so viele Bürger denken: Staat, Autoindustrie, TÜV, alles eine Mischpoke? Weil euer Verhalten eigentlich nur diesen Schluss zulässt. (cgl)