Fräulein Katjas erotisches Schnaufen

Tja, und dann fuhr ich Renaults Katja und verstand, dass ich nie Autojournalist werden kann. Denn was soll man ĂĽber sowas schreiben? Wie bei einer Handtasche interessiert doch keinen, was sie verbraucht

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Inhaltsverzeichnis

Dieser Tage bin ich Renaults gelungen und geschwungen gezeichnetes Fräulein Katja gefahren, den Kadjar. Katja führte mir eindeutig vor Augen, dass ich für den klassischen Autojournalismus wohl nie so recht taugen werde. Denn was soll man über sie schreiben? Ist sie schön? Joa, kann man so sehen. Fährt sie gut? Sie fährt gut. Sie kostet ab 20.000 Euro. Und hier wäre mein Test zu Ende, denn mehr gibt es nicht zu sagen.

Selbstverständlich kann man immer herumschwafeln. Fräulein Katja gibt es zum Beispiel mit drei winzigen Motoren, außer mit zwei französischen Pupsdieseln auch mit einem lebendigen Turbobenziner, der mir ja am besten gefallen hat, weil er fröhlich dreht und laut durch seine Ladeturbine atmet. Vielleicht folgen demnächst Motoren mit Drehmoment und Leistung (beides wird derzeit nicht angeboten), die keiner kauft, aber jeder fordert. Interessiert das einen Kunden? Nein. Geschwafel halt. Denn die Kunden werden den Diesel kaufen, weil ... na, weil eben Diesel, fertig. Katja hat ein modernes Radio, Klimaanlage, Sitze und Räder. Aber das haben alle. Man könnte mit einiger Verzweiflung beschreiben, wie Katja aussieht, aber wir können ja heute vor allem Online so viele Bilder zeigen, wie wir haben und möchten. Ich kann beschreiben, warum mir eine Lampe gefällt, aber die Zeiten, in denen Text und Vorstellung zu einem vagen Bild gelangen müssen, das mit der Realität so viel zu tun hat wie die Kreidemalereien eines Vierjährigen mit ihr, die sind lange vorbei. Auch das wäre also Zeilenschinderei.

Fräulein Katjas erotisches Schnaufen (10 Bilder)

Kann man das schön finden? Ja. (Bild: Renault)

Oder man könnte ein paar Zeilen schinden, indem man Fräulein Katjas dörfliche Verwandtschaftsbeziehungen zu Nissans Quatschei beleuchtet. "Der schönste Grund, keinen Nissan Qashqai zu kaufen", titelte etwa Focus Online den Fahrbericht. Dreiunddrölfzig Prozent Ungleichteile im transluzenten Bereich! Wow. Nachdem ich DAS weiß, kauf ich doch gleich drei! Doch in der Überschrift liegt eine große Wahrheit: Es ist technisch gesehen völlig wurscht, welches dieser Kompakt-Suffs du kaufst. Sie fahren alle ganz okay auf ihre fahrwerkstechnisch bescheuert hochgelegte Art. Sie bestehen alle aus bewährten Technik-Puzzleteilen. Man sitzt in allen etwas höher, und keins wird je mehr Geländeeignung brauchen als die Fähigkeit, Felgenalu an Bordsteinen zu hinterlassen. SUV kaufen ist wie jede andere Mode in jedem anderen Bereich kaufen, und für Mode gelten die Regeln nüchterner Beschreibung nicht. Es zählt nur, was gefällt.

Natürlich kann ich lang und breit beschreiben, wie die neue Prada-Handtasche aussieht, für was sie laut Marketing-Broschüre "steht", und wie viele Kilogramm Koks die Marketing-Abteilung verarbeitet, bis in der Broschüre steht, was da steht und wofür. Es muss mir nur klar bleiben, dass meine Schreiberei eine reine Fleißarbeit bleibt, weil Menschen die Handtasche danach kaufen, ob sie ihnen gefällt oder eben nicht gefällt. Also, liebe SUVties: Volkswagen-Freund? Kauf den Tiguan. Dein Fetisch sind die Atemgeräusche des ATL? Kauf die Benzin schnüffelnde Katja. Dir ist alles egal, Hauptsache, der Sitz ist etwas höher? Kauf einen gebrauchten Ford Fusion. Du willst Infotainment und hast etwas Geld? Kauf einen Q3. Du bist Bayer? Kauf was aus München. Oder auch was aus Ingolstadt. Es ist sowieso egal.

Irgendwann gibt es vielleicht wieder eine andere Mode. Eine Zeitlang musste zum Beispiel alles irgendwie "Sport" sein, und bis heute rumpeln daher brave Familienkombis mit hauchdünn aufgemalten Gummischichten auf gigantischen Felgen über jede Unebenheit. Nur hart war gut, und da war auch egal, dass dieselben Fahrzeuge mit weicher eingestelltem Fahrwerk immer mindestens genauso schnell fuhren, sicherer im weicheren Grenzbereich und oft ein Stück schneller, weil die Achsen endlich etwas Traktion fanden. Wir von der Autoindustrie (dazu zähle ich jetzt die Autopresse sinnvollerweise einfach mal) haben da natürlich groß mitgetrötet. Jeder Depp hat geschrieben, wie toll "sportlich straff" das neueste Stolperfahrwerk doch sei. Nur langsam sinkt der Stern dieser Mode, bis er irgendwann wieder aufgehen wird.

Genauso unsere Liebe zum Suff: Hoch sitzen ist kategorisch toll. Die Form der Karosserie ist (nach einem möglichst unaussprechlichen Namen) das wichtigste Kriterium. Es soll ein bisschen aussehen wie ein Geländefahrzeug, ohne Geländeeigenschaften aufzuweisen, denn die stören auf der Straße nur. Stattdessen gibt es Knöpfe, auf denen "Gelände" steht oder ein Icon für selbiges. Auch in der Frontantriebs-Katja steckt so ein Knopf und wie in allen anderen Fronttrieblern wird sich die messbare Funktion dieses Knopfs darauf beschränken, eine Lampe neben dem Gelände-Icon anzuschalten. Der Rest findet in unseren Köpfen statt. Und deshalb könnten wir eigentlich einen standardisierten Testtext für automobile Mode einführen, der im Prinzip der eines Sommerkleidchens sein sollte: "Wenn dir das gefällt, mei, dann kauf's doch." (cgl)