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Warten auf den Sinn

Clemens Gleich
Klartext

Für die Regierung sah Elektro-KFZ-Förderung größtenteils so aus: "Gebt diesen Leuten Geld, denn wir haben keine Ahnung, was die tun!" Sie hat dafür erhalten, was sie wollte: wenig Sinnvolles

Aufgrund der Länge des Textes haben wir diesen Artikel in zwei Teile geteilt. Das ist der zweite Teil. Hier [1] finden Sie den ersten Teil.

Die andere Form der Elektroförderung besteht in der einfachsten aller Förderungen: Der Staat teilt schlicht Geld aus. Natürlich sitzt da jemand und bewertet die Projekte, die Geld wollen, aber wenn man sich die Projekte der Vergangenheit anschaut, fragt man sich schon: warum eigentlich? Es wurde doch sowieso alles bewilligt. Dieser in kurzer Zeit umgebaute BMW-Mini kriegte Kohle, dabei hatten BMWs Ingenieure dessen Antrieb nebst Batterie einfach statt eines Kofferraums ins Heck gespaxt. Das hatte NICHTS mit einem Elektroauto in der Serie, in der Stadtpraxis zu tun. Und bis heute fährt in Stuttgart eine alte, elektrische A-Klasse mit Aufklebern herum, die Daimler damals mit wahrscheinlich vergleichbar kleinem Aufwand konstruierte und die seitdem in jedem dieser "Schaufenster" für Elektro stand, und von denen gab es in jedem Kaff eins.

Warten auf den Sinn (0 Bilder) [2]

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Die EnBW verteilte hunderte Exemplare des elektrischen Kleinkraftrads Elmoto, um "Erfahrungen zu sammeln". Ich habe die EnBW einmal gefragt, welche Erfahrungen sie denn nun gesammelt hätten. Antwort: Dass die meisten Leute daheim laden. Welch Erkenntnis! Es gab damals fast keine Ladestationen und die Elmoto hat keinen Schnelllader. Die wenigen EnBW-Ladesäulen funktionierten schon damals nicht. Also luden die Leute daheim, damit sie das Kabel nicht zu Freunden mitschleppen mussten. Ist ja egal, Hauptsache, man kriegte Kohle. Die KTM Freeride E kriegte Kohle. VW kriegte Kohle. Opel kriegte Kohle. Ach, machen wir's doch kurz: Jeder kriegte Kohle.

Was hat der Staat dafür erhalten? Das, was er wollte: Elektrofahrzeuge früher. Eine Freeride E gäbe es wohl ohne diese Kohle jetzt noch nicht. Aber wäre das irgendwie schlimm für irgendwen? Der Markt nimmt die elektrische KTM sowieso noch nicht an. Sie ist zu früh dran. Wenn die zehn Jahre später mit rein eigenem Geld aus eigenem Antrieb passiert wäre, wäre das früh genug gewesen. Oder BMW i: Das wird erst in einiger Zeit wirklich durchstarten können. Ist ja auch nicht schlimm. Und auch bei der schlauen Lifedrive-Plattform bin ich sicher, dass BMW die irgendwann aus allein eigenem Antrieb gebaut hätte. Also wieso knallen wir alles mit dem Geldschlauch voll, nur damit Fahrzeuge zu früh kommen, an einen Markt, den es noch nicht gibt? Wo ist Angies Elektromillion? 2020 ist in unter fünf Jahren. Das ganze Geld mit all seiner Verfrühung hat praktisch nichts gebracht. Dann lieber endlich ein paar Brücken reparieren.

Apropos Infrastruktur: Die kann man ja auch fördern. Mit ein Grund dafür, dass sich Skandinavier bedenkenarm die vergünstigten E-Autos kauften, lag in einer schon vorhandenen Steckdosen-Infrastruktur: In kalten Teilen Skandinaviens war es schon lange vorher üblich, auf Parkplätzen Netzstrom anzubieten, also 230 V Wechselstrom per Schuko-Stecker, damit Parker bei Kälte ihre Motorheizung anstecken konnten – üblicherweise kostenlos. Da fiel der Übergang zum Akku laden leicht, vor allem, weil dieser Strom kostenlos war.

Bei uns dagegen verzweifeln Elektrofahrer, die auch mal woanders als daheim laden möchten. Die Panamera-Batterie kann man laden. Ich wollte das auch tun, als ich am Flughafen hielt, wo es eine Reihe von Ladesäulen gibt. Die stehen da nicht erst seit gestern, aber ich fuhr Benzin verbrennend davon, denn die EnBW lässt dort nur Leute mit Ladekarte laden. Kreditkarte? EC-Karte? Geldkarte? Bargeld? Sanifair-Bons? Nope. Das heißt, wer unterwegs Strom fürs Auto kaufen will, muss außer Reichweite auch diesen bescheuerten Wildwuchs [4] planen, dass jeder Anbieter seine eigene Ladekarte verlangt. Wenn ich eine Förderung vorschlagen sollte, dann die: Macht es wie Tesla und verschenkt den Strom. Allein für das bisher verpulverte Geld können alle bisherigen und kommenden Elektro-KFZ-Fahrer fahren, bis jedem fünf Sätze Akkus verrottet sind.

Infrastruktur fördern heißt auch: Kabel verlegen. Wo stehen leistungsstarke Ladestationen derzeit? Wo es Starkstrom gibt. Die nächste bei mir um die Ecke liegt direkt an der Straßenbahn, weil die ebenfalls viel Strom braucht. Genauso sieht es an vielen Stellen im Stadtgebiet Stuttgart aus. Wir wollen aber nicht an der Straßenbahn oder dem Umspannwerk parken, sondern am Supermarkt oder dem Kino. Mehr Kabel in Tiefgaragen! Mehr Kabel aufs Land! Und dann legt gleich noch Glasfaser dazu, danke. Nächste Woche teste ich Renaults ZOE. Das wollte ich vor Jahren schon tun, aber es war einfach viel zu blöd mit dem Laden. Spoiler: Es ist nicht besser geworden, sondern schlimmer. Ich verfolge heimlich die Weblogs von ZOE-Besitzern in der Umgebung, und wenn ich lese, dass laden an einer EnBW-Säule ein oder zwei Mal von vier klappt, rupfe ich mir die Haare aus. Ich glaube deshalb, dass die beste Investition des Staates nur die in Infrastruktur sein kann. Man stelle sich nur einmal vor, es gäbe eines Tages eine induktive rechte Spur auf der Autobahn. Das in Vergessenheit geratene Rechtsfahrgebot würde wiederkehren!

Schließlich bleibt noch der Treiber "Gesellschaft", den auch der Staat fördern kann. Gruppenzwang. Manche Menschen fühlen sich heute schon schlecht, wenn sie tanken. Das kann ich zwar nicht nachvollziehen, aber ich vermute, dass ihre Mitmenschen dieses Gefühl auslösen: "Da isser wieder, der Dieter. Tankt Autogas in seinen Z3. Drecksau. Werde ihn verächtlich ignorieren."

Ganz vorne in Sachen Gruppenzwang: die USA. Die Gesellschaft Nordamerikas erinnert mich immer ein bisschen an einen Militärkindergartenausflug nach Disneyland, und wie bei diesem Ausflug werden Abweichler am stärksten dadurch eingenordet, dass sich selbst so lange eichen, bis die unangenehme Verachtung der Gruppe an einem zumindest lokalen Minimum steht. Ich möchte gar nicht beurteilen, ob das jetzt gut ist oder schlecht. Es wirkt. "In den USA verkaufen wir viele Panamera als Hybrid", sagt Porsche, "Hybridantriebe gelten dort als chic."

Wenn die Regierung einen Sinneswandel bewirken will, könnte sie den Geldschlauch also auf die Träumemacher und Spin-Doktoren richten, die behaupten, solche Entwicklungen durch PR beschleunigen zu können. Dann halt nicht die Stümper buchen, die sonst immer Regierungsaktionen ausführen ("Fahr langsam!", "Wähl Merkel!", "Iss mehr Vitamine!", "WIR hat euch verraten?!"), sondern eine richtige Werbeagentur.

Letztendlich könnte man außer blind kopflos herumzuagieren auch einfach in Ruhe warten. Die Gesellschaft hat sich in sehr kurzer Zeit sehr stark dahin entwickelt, dass wichtig wurde, woher Essen in welcher Güte stammt, und dass man Dinge vielleicht nicht nur zwei Generationen lang machen kann, sondern ein paar hundert. Das Elektroauto wird seinen Markt finden, schon allein, weil es besser fährt als jedes Verbrennerauto. Herr Benz erfand den Verbrenner, um das Reichweitenproblem zu lösen. Andere Probleme gab es nicht beim Elektromotor. Auch die Akkupreise sind in den letzten Jahren von rund 1000 Euro pro kWh auf gut 250 Euro pro kWh gefallen. Das wird schon, und da kommt es nicht auf ein paar Jahre hin oder her an, auch wenn das jetzt die Fraktion, die seit den Siebzigern "Der Untergang ist nah!" singt, nicht gern hört.

Auch dieser Panamera rechtfertigt seine Funktion eigentlich selbst. Am Flughafen sieht man erstaunlich viele Panameras, die Leute an die Abflughalle bringen. Für diese Art Fahrten eignet sich gar nicht der Diesel am besten, sondern wirklich der E-Motor. Mein geliehener Panamera tritt den Rückweg zu Porsche an, mit fast leerer Batterie, in der seit dem Porsche-Parkplatz nur der Generator Strom abgeliefert hat. Schade. Parken. Schlüssel abgeben. Mein Kaffee-Interview, aus dem alle Porsche-Zitate dieses Textes stammen, geht zu Ende. Was ist denn mit rein elektrischen Porsches? "Wir fahren ja schon lange mit Prototypen wie dem elektrischen Boxster-Umbau", sagt Porsche. "Nur muss man mit einem Porsche eben eine richtige, zügige Landstraßenrunde fahren können, das war immer unsere Vorgabe. Es wird einen rein elektrischen Porsche geben, wenn die Technik für so ein Produkt stimmt." Der genaue Zeitpunkt ist bei der gegenwärtigen Entwicklung der Akkutechnik noch ungewiss. Aber so ein Porsche wird kommen. Und die, die ihn sich dann leisten können, haben ihr Geld vorher am sinnvollsten selbst in eine eigene Ladeinfrastruktur daheim gesteckt. Solarcarport [5]. Starkstrom-Leistungselektronik. Puffer [6]. Sowas. Auf Sinnvolles aus Richtung Regierung würde ich nämlich auch mittelfristig nicht warten.

Danke an die vielen Leser, die ein Feedback zur Teilung abgegeben haben. Der Tenor war: lange Artikel gerne, die aber auch gerne komplett auf einmal. Wir werden diese Wünsche für die Zukunft berücksichtigen. (cgl [7])


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[1] https://www.heise.de/news/Klartext-Das-Elend-mit-der-Elektrofoerderung-Teil-1-2739471.html
[2] https://www.heise.de/bilderstrecke/4741449.html?back=2748860;back=2748860
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/4741449.html?back=2748860;back=2748860
[4] https://www.heise.de/news/Elektroautos-Ende-des-Bezahlchaos-in-Sicht-2689823.html
[5] https://www.press.bmwgroup.com/usa/pressDetail.html?title=in-tune-with-nature-%E2%80%93-and-with-the-bmw-i-design-idiom-bmw-group-designworksusa-develops-a-solar&outputChannelId=9&id=T0179442EN_US&left_menu_item=node__6728
[6] https://www.heise.de/news/Tesla-Powerwall-Energiespeicher-fuer-zu-Hause-2631126.html
[7] mailto:cgl@ct.de