Kart2Go

Daimlers Carsharing mit elektrischen Smarts ist in Stuttgart ein Erfolg. 500 dieser Go-Karts zoomen durch die Stadt, Zehntausende haben die Member Card. Das liegt wahrscheinlich am hohen Spielspaß dieses Augmented Reality Racers

vorlesen Druckansicht 5 Kommentare lesen
Lesezeit: 6 Min.
Inhaltsverzeichnis

Im wunderschönen Burgenland, vor gar nicht allzu langer Zeit: Ein Mann händigt Schlüssel für Golf-Karts an eine Meute gut angeschickerter geistig Fünfjähriger an einer Hotelbar aus. Das Ziel ist ein Restaurant am anderen Ende des Hotelgeländes. Die Strecke sind hügelige, asphaltierte Wirtschaftswege. Die Rennwagen stehen vor der Tür. Gestartet wird im Le-Mans-Start, in der Sonderform "Schubsen erlaubt". Sofort entbrennt ein interner Wettkampf unter Stuttgartern, von denen jeder denkt, er habe die besten Dichtverkehr-Skills. Der Kollege (oder besser: das Schwein) schneidet mir beim Losfahren den Weg ab, sodass ich das Kart im hinteren Teil des Feldes einsortieren muss. Aber es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist!

Das Kollegenschwein begeht einen fatalen Fehler, indem es dem Pace Car folgt. Das fährt einen Umweg, das seh ich doch von hier! Ich korrigiere – Zack! – auf einen direkteren Kurs, der mich nach kurzer Zeit parallel zum Protest quiekenden Schwein führt, dessen Kart aufgrund erhöhter Fettlast millimeterweise abfällt. Der Sieg in der Stuttgart-Wertung ist mein! Doch plötzlich greift das Schwein die Dachstrebe meines Rennkarts, um sich einen unfairen Geschwindigkeitsvorteil auf meine Kosten zu verschaffen! Ich zetere den Gorilla auf der Sitzbank neben mir an, er möge seiner Aufgabe nachkommen, das Schwein niederringen, umsteigen und ins Kies... äh: Grasbett rammen. Doch des Gorillas Reaktionen sind vom Hopfen betäubt, der Feind fährt kurz vor uns ins Ziel. Da alle Fahrer der Schule "wer bremst, verliert" angehören, stellt sich kurze allgemeine Todespanik ein, als erstmalig bemerkt wird, dass es zwar ein Bremspedal, aber keine spürbar funktionierenden Bremsen gibt. Ein paar chaostheoretisch komplexe Ausweichvorgänge später gibt es wider jede Wahrscheinlichkeit keine Toten, sodass beim Essen zum zweiten Teil des Rennens übergegangen werden kann: Die Regeln nebst deren Verstößen ausdiskutieren. Vielleicht gewinnt man doch noch.

Kart2Go (11 Bilder)

"Hallo! Willkommen bei Car2Go!", sagt die Tutorial-Stimme beim Einsteigen. Leider verrät sie nicht, wie schnell das Auto ist.

(Bild: Clemens Gleich)

Das Rennen fiel mir ein, weil ich seit einer Zahlung von 19 Euro Full Member bei Car2Go in Stuttgart bin. Als solchem stehen mir elektrische Smart-Karts zur Verfügung, deren fehlende Leistung durch Wahnsinn wettgemacht werden muss und deren von außen sichtbarer Fahrspaß der Grund war, mir überhaupt selber die blaue Transponderkarte zu besorgen. Wer Car2Go oder verwandte Systeme wie DriveNow nicht kennt; es funktioniert so: Der Mieter startet ein Programm auf seinem Smartphone, das ihm auf einer Karte freie Fahrzeuge in seiner Umgebung anzeigt. Ein Tatsch reserviert das Fahrzeug. Der Mieter läuft hin, prüft auf Schäden, öffnet die Türen mit seiner Karte, gibt eine PIN ein und kann dann losfahren. Am Ziel lässt er den Wagen nach einer Abmeldung einfach stehen für den nächsten Kunden. Tanken oder aufladen erledigen Hiwis des Vermieters, bei unter 30 Prozent Ladung kann sich der Mieter allerdings 20 Freiminuten erspielen, indem er den Smart an eine Ladesäule hängt (Ladekarte steckt im Armaturenbrett).

Zwei Dinge werden nach wenigen Probefahrten klar: Erstens ist Car2Go beim Herumbummeln teurer als erwartet (29 Cent pro Minute, gesamtes Preisregelsystem hier). Und zweitens: Es gibt zwei verschieden schnelle Antriebsgenerationen im Einsatz, wobei die lahmeren Smarts laut Car2Go im März aus dem Fuhrpark entfernt werden sollen. Das alles eröffnet faszinierende Komplexitätsstufen für den Wettbewerb des Fahrerlagers geistig Fünfjähriger. Beim Startsignal ist es zum Beispiel taktisch sehr sinnvoll, das Smartphone des Gegners zu schnappen und auszuschalten, sodass er wertvolle Zeit beim Reboot verliert. Auch ein klug positioniertes Bein ist schon manchem übertrieben punktkonzentrierten in-die-Handfläche-Gucker zum Verhängnis geworden. Ein derart schlecht gestarteter Fahrer könnte seinen Nachteil jedoch durch Kenntnis des Fuhrparks wettmachen und die schnellere zweite Generation mieten. Am Ziel muss die Wagenmiete beendet sein (prüfbar auf dem Jeejah), die restlichen Regeln sollten dann so lange ausführlich diskutiert werden, bis sie zur unausweichlichen Wiederholung der Wertungsprüfung führen. Es gibt sogar Bremsen! Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass kommende Rennfahrergenerationen für diese einen Nutzen finden.

Leider stehen nicht immer genügend geistig Fünfjährige für den Mehrspielermodus zur Verfügung. Deshalb bietet Daimler für Solo-Gamer den Time-Trial-Modus an, also das Fahren gegen die Uhr. Zuerst war ich etwas enttäuscht vom Preis der Elektrosmarts, denn wenn es mit der Parkplatzsuche dumm läuft (also in Stuttgart immer), landet man schnell beim halben Taxipreis für typische Strecken. Dann jedoch begann ich, das System als Herausforderung zu sehen. Eine Abrechnung praktisch allein nach Zeit bedeutet schließlich, dass auf jeder Strecke die größtmögliche Geschwindigkeit erreicht werden muss, wenn der kleinstmögliche Preis erzielt werden soll.

Eine meiner Standardstrecken ist zwischen Stuttgart-West am Steilhang und Stuttgart-Süd in einem der Täler unter dem Fernsehturm-Hügelrücken. Wenn man 25 Minuten Fußweg in Kauf nimmt, kostet diese Strecke mit den unsäglichen Stuttgarter Öffis 2,20 Euro. Auf einem sonntäglichen Testrun schaffte der Car2Go-Smart die Strecke in 3,19 Euro (ohne nennenswerten Fußweg). Allerdings war das ein Wagen mit dem lahmen, alten Antrieb. Mit einem der schnellen E-Smarts dagegen ... Hmm ... Challenge accepted!

Falls Sie gerade denken "Ich versteh' das nicht, ist das jetzt gut oder schlecht?": Car2Go ist gut. Achtzigerwertung, mindestens. Es hat etwas Suchterzeugendes, nach den besten A-nach-B-Konfigurationen zu suchen, und obwohl das für alle Carsharer mit solchen Buchungssystemen gilt, wäre ich sehr enttäuscht, die Stuttgarter Golf-Karts gegen Maschinen mit vielen Sitzen, vielen Gängen und den vielen mechanischen Teilen eines Hubkolbenmotors zu tauschen. Das ist alles schon viel zu kompliziert. Mario Kart hatte auch keine vier Sitze oder sechs Gänge. Alle geistig Fünfjährigen sollten sich umgehend anmelden. Ich brauche mehr Mitspieler im Multiplayer-Modus. (cgl)