Internetfreiheit 2016: Messenger und soziale Medien im Fokus der Zensoren
(Bild: dpa, Tolga Bozoglu)
Regierungen blockieren verstĂ€rkt WhatsApp, Telegram oder Skype und sprechen drakonische Strafen fĂŒr unliebsame BeitrĂ€ge auf Facebook aus, rĂŒgt "Freedom House". Der Status der Netzfreiheit habe sich zum sechsten Mal in Folge verschlechtert.
67 Prozent der Internetnutzer leben dieses Jahr in einem von 65 LĂ€ndern, in dem Kritik an der Regierung, dem MilitĂ€r oder der Herrscherfamilie zensiert wird. Im Vorjahr waren es noch 61 Prozent [1]. Dies geht aus dem Bericht Freedom on the Net 2016 [2] hervor, den die US-BĂŒrgerrechtsorganisation Freedom House am Montag mit UnterstĂŒtzung etwa vom US-AuĂenministerium sowie von Google, Facebook oder der Internet Society veröffentlicht hat. Der Status der Internetfreiheit hat sich demnach insgesamt zum sechsten Mal nacheinander in den untersuchten Staaten verschlechtert, in denen 88 Prozent der User weltweit leben sollen.
Blockaden und Strafverfolgung
Konkret nahm die Netzfreiheit in 34 Staaten ab. Neben Staaten wie Uganda oder Bangladesch erwĂ€hnen die Verfasser die TĂŒrkei, die vor allem mit Blockaden sozialer Medien [3] und der Strafverfolgung kritischer Nutzer auffiel, sowie Brasilien, wo mindestens zwei Blogger getötet wurden und WhatsApp [4] zeitweilig gerichtlich gesperrt wurde. Am schlechtesten schnitt zum zweiten Mal in Folge China ab vor Syrien und Iran. Deutschland rutschte leicht vom vierten auf den fĂŒnften Platz ab aufgrund der Vorratsdatenspeicherung [5] und den deutsch-französischen Ăberlegungen fĂŒr HintertĂŒren bei VerschlĂŒsselung [6]. Die USA konnten sich dagegen um eine Stelle nach vorn schieben, auf den 4. Rang hinter Kanada, Island und Estland, da der Freedom Act [7] der NSA bei ihrer MassenĂŒberwachung ein paar ZĂŒgel anlegte.
Mitglieder sozialer Netzwerke sĂ€hen sich mit nie dagewesenen Strafen konfrontiert, rĂŒgen die Beobachter. In 38 LĂ€ndern seien wegen einschlĂ€giger BeitrĂ€ge Kritiker im Untersuchungszeitraum bis Ende Mai 2016 verhaftet worden. Dies entspreche einem Plus von 50 Prozent sei 2013. Mit einem Jahr Knast auf BewĂ€hrung sei etwa ein TĂŒrke sanktioniert worden, der Reçep Tayyip Erdogan in Bildern mit Gollum aus dem Herr der Ringe verglichen habe. Oft drohe schon Arrest, wenn jemand einen Beitrag teile oder "like". Den Zugang zu sozialen Medien und vergleichbaren Kommunikationswerkzeugen hĂ€tten 24 Regierungen erschwert, wĂ€hrend es 2015 erst 15 gewesen seien.
Messenger im Visier
Die Nutzung von WhatsApp ist dem Bericht nach in 12 LĂ€ndern eingeschrĂ€nkt worden. Andere LĂ€nder hĂ€tten Messenger wie Telegram wegen ihrer starken Datenschutz- und VerschlĂŒsselungsfunktionen gezielt ins Visier genommen. Skype wiederum sei unter Druck geraten, da Regierungen es als Gefahr fĂŒr die Einnahmen nationaler Telekommunikationsfirmen betrachtet hĂ€tten. Das Internet oder Telefonnetzwerke seien in 15 LĂ€ndern zeitweilig heruntergefahren oder anderweitig blockiert worden. In immer mehr Staaten wĂŒrden zudem schwule und lesbische Inhalte oder Dating-Apps zensiert. Parallel habe aber auch der Online-Aktivismus eine neue BlĂŒtezeit erlebt und etwa in Nigeria dazu gefĂŒhrt, dass ein Gesetz, das AktivitĂ€ten in sozialen Medien eingeschrĂ€nkt hĂ€tte, nicht verabschiedet worden sei. (kbe [8])
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[1] https://www.heise.de/news/Freedom-House-Internetfreiheiten-weltweit-weiter-eingeschraenkt-2860552.html
[2] https://freedomhouse.org/report/freedom-net/freedom-net-2016
[3] https://www.heise.de/news/Experte-beleuchtet-den-Zensur-Alltag-in-der-Tuerkei-2869533.html
[4] https://www.heise.de/news/WhatsApp-soll-fuer-drei-Tage-in-Brasilien-blockiert-werden-3195807.html
[5] https://www.heise.de/news/Bundestag-fuehrt-Vorratsdatenspeicherung-wieder-ein-2849174.html
[6] https://www.heise.de/news/Crypto-Wars-Franzoesische-Experten-warnen-vor-vereintem-Kampf-gegen-starke-Verschluesselung-3302156.html
[7] https://www.heise.de/news/Freedom-Act-beschlossen-NSA-darf-auch-wieder-US-Telefone-ueberwachen-2678152.html
[8] mailto:kbe@heise.de
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