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Innenministerium setzt auf Datenschutz-Selbstkontrolle von Facebook

Stefan Krempl

Hans-Peter Friedrich und Vertreter von Facebook haben verabredet, die Sicherung der PrivatsphĂ€re der Nutzer des sozialen Netzwerks sowie den Jugendschutz mit einem Selbstregulierungskodex voranzutreiben. DatenschĂŒtzer reagierten erbost.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) will Facebook noch eine Chance geben, den Datenschutz in dem sozialen Netzwerk in Eigenregie zu verbessern. Der Unions-Politiker vereinbarte bei einem GesprĂ€ch mit Vertretern des US-Konzerns am heutigen Donnerstag laut einer Mitteilung [1] seines Hauses, die Sicherung der PrivatsphĂ€re der Nutzer der Plattform zunĂ€chst weiter mit Selbstregulierung zu stĂ€rken. Er strebe einen "allgemeinen Kodex" fĂŒr Social Networks an, betonte Friedrich. Der Kodex solle auch Regelungen zur Datensicherheit und fĂŒr "sichere IdentitĂ€ten" enthalten, den Verbraucher- und Jugendschutz sowie allgemeine Fragen wie zur Medienkompetenz der Nutzer abdecken.

Die Betreiber der hiesigen Netzwerke StudiVZ sowie SchĂŒlerVZ, Lokalisten und wer-kennt-wen.de unterzeichneten bereits 2009 einen Verhaltenskodex [2] unter dem Dach der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM [3]). Dazu zĂ€hlen strengere Voreinstellungen der PrivatsphĂ€re bei Netznutzern im Alter unter 14 Jahren, auch werden Profile Jugendlicher vor externen Suchmaschinen abgeschottet. Die FSM veröffentlichte jĂŒngst Teile einer Evaluierungsstudie [4] (PDF-Datei), der zufolge die Anbieter das Übereinkommen "umfangreich" umsetzen und so vor allem im Datenschutz und in der NutzeraufklĂ€rung "sehr gute Ergebnisse" erzielt hĂ€tten.

Facebook schloss sich vor zwei Jahren der Selbstregulierungsinitiative nicht an. Richard Allan, der bei Facebook fĂŒr die Pflege der Öffentlichkeitsbeziehungen in Europa zustĂ€ndig ist, versicherte nun, dass sein Unternehmen derlei unterstĂŒtze. Es könne ein "sehr effektiver Weg sein, um die Interessen der Internetnutzer zu schĂŒtzen". Facebook gebe seinen Mitglieder schon jetzt Werkzeuge in die Hand, mit denen sie die Verwendung ihrer persönlichen Daten kontrollieren könnten. Die damit gemachten Erfahrungen "bringen wir gerne in die Entwicklung gemeinsamer Branchenstandards ein", sagte Allan.

Das Innenministerium sieht vor diesem Hintergrund die momentane Diskussion ĂŒber die Geltung deutschen Datenschutz- und Telemedienrechts fĂŒr Facebook "deutlich entschĂ€rft". Die Kalifornier, die ihren Sitz in der EU in Dublin haben, sehen irische Gesetze als maßgebend fĂŒr ihre GeschĂ€ftstĂ€tigkeiten in ganz Europa an. DatenschĂŒtzer drĂ€ngen dagegen darauf, dass sich Facebook an die EU-Vorgaben insgesamt hĂ€lt. Aktuell kocht die bereits langfristige Auseinandersetzung am Streit ĂŒber den Like-Button [5] der Plattform erneut hoch. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) zog voriges Jahr aus einem GesprĂ€ch mit Allan andere Konsequenzen [6] als ihr Parteikollege: Sie meldete sich aus dem Netzwerk ab, da es nicht akzeptabel sei, dass dieses gegen geltendes Datenschutzrecht verstoße.

Der Innenminister sagte nun, grundsĂ€tzliche Fragen mĂŒssten auf europĂ€ischer Ebene entschieden werden. Dabei verwies er auf den laufenden Vorstoß zur Reform der allgemeinen Datenschutz-Richtlinie in BrĂŒssel. Da die Verhandlungen darĂŒber aber noch lange dauerten, sei es sinnvoll, auf Selbstregulierung zu setzen. Solche Übereinkommen schafften Transparenz und legten Rechte sowie Beschwerdeverfahren fest. Sie wĂŒrden kontrolliert und sanktioniert und seien flexibler als Gesetze.

[Update]:
Thilo Weichert, Leiter des UnabhĂ€ngigen Landeszentrums fĂŒr Datenschutz in Schleswig-Holstein (ULD) und mit seinem Vorgehen gegen Facebook Auslöser fĂŒr die aktuelle Debatte um Datenschutz bei Like-Buttons und Fan-Pages, zeigte sich nicht gerade begeistert [7] vom Vorgehen des Innenministers. In einer ErklĂ€rung heißt es, Weichert sei irritiert von der ErklĂ€rung Friedrichs, wonach nach einem GesprĂ€ch mit Richard Allan von Facebook „die Diskussion, inwieweit deutsches Datenschutz- und Telemedienrecht fĂŒr Facebook gilt, deutlich entschĂ€rft“ sei.

"Mir ist nicht klar, auf welcher rechtlichen Basis und aufgrund welcher realen Kenntnisse Herr Friedrich eine Diskussion entschĂ€rfen könnte. Er sollte als Bundesdatenschutzminister zumindest dafĂŒr eintreten, dass die geltenden Regelungen eingehalten werden" Der Verhaltenskodex fĂŒr Internet-Panoramadienste, der vom IT-Branchenverband Bitkom initiiert worden sei, sei ein Beispiel, wie es nicht gehe. "Herr Friedrich sollte seine Hausaufgaben machen und endlich einen validen Entwurf zum Datenschutzrecht zum Internet vorlegen und sich nicht in Dinge einmischen, fĂŒr die er nicht zustĂ€ndig ist. Sinnvolle GesetzesvorschlĂ€ge liegen vor und mĂŒssen diskutiert und vorangebracht werden“, kommentierte Weichert – auch unter Verweis auf die ZustĂ€ndigkeit der Landesaufsichtsbehörden fĂŒr den Datenschutz – doch recht erbost das Vorgehen Friedrichs.
(anw [8])


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https://www.heise.de/-1339410

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2011/09/facebook%20.html
[2] https://www.heise.de/news/Betreiber-sozialer-Netzwerke-unterzeichnen-Verhaltenskodex-205845.html
[3] http://www.fsm.de/
[4] http://www.fsm.de/inhalt.doc/PM_2011-08-29_Kodexevaluierung.pdf
[5] https://www.heise.de/news/Facebook-vs-Datenschuetzer-Streit-um-Like-Button-geht-weiter-1338660.html
[6] https://www.heise.de/news/Aigner-meldet-sich-bei-Facebook-ab-1015067.html
[7] https://www.datenschutzzentrum.de/presse/20110908-innenminister-facebook.htm
[8] mailto:anw@heise.de