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Homeoffice: Für und gegen ein Gesetz

Peter Ilg
Homeoffice: Für und gegen ein Gesetz

(Bild: Pheelings media / Shutterstock.com)

Bundesarbeitsminister Heil will das Recht auf Homeoffice zum Gesetz machen. In der IT gehen die Meinungen auseinander, ob es wirklich eine Regelung braucht.

Bei ihrem Arbeitgeber ist Antonia Schmalstieg, 29, selten, vielleicht zwei, dreimal im Jahr. In Solingen ist die Firmenzentrale von Codecentric, einem IT-Beratungsunternehmen für agile Softwareentwicklung. Schmalstieg, Informatikerin mit Master-Abschluss, unterstützt Kunden ihres Arbeitgebers im Großraum München bei der Einführung von Scrum und anderen agilen Methoden. "Weil ich durchschnittlich drei Tage von zu Hause aus arbeiten kann und darf, sinkt mein Zeitaufwand für Fahrten zur Arbeit erheblich."

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Zwei Stunden auf der Straße spart sie an ihren Homeoffice-Tagen. An den anderen beiden Tagen ist sie beim Kunden. Das wird für jedes Projekt individuell vereinbart. Bei den Kunden ist sie für Meetings, bei Workshops oder zur Kontaktpflege.

Ein weiterer Vorteil der Heimarbeit ist für Schmalstieg die Möglichkeit, konzentrierter zu arbeiten. Ihr Büro hat sie im Schlafzimmer, im Wohnzimmer ist alles, was ablenken könnte. Kinder hat sie keine. Wenn sie zu Hause an ihrem Schreibtisch sitzt, ist sie etwa die Hälfte des Tages mit Kollegen oder Kunden über das Internet verbunden. "Chat- und Collaboration-Software reichen völlig aus, um mit anderen auch eng zusammenzuarbeiten. Dafür müssen wir nicht im selben Raum sein."

Anderen gegenüber kommuniziert sie klar, wann sie erreichbar ist. Das macht diese Arbeitsform transparent. Seit zweieinhalb Jahren ist Schmalstieg bei Codecentric und daher in Teilzeit im Homeoffice. In der Zeit hat sie gelernt, dass es wichtig ist, sich Pausen einzugestehen und die Gefahr besteht, dass sie zu lange arbeitet. "Die Trennung zwischen Beruf und Privat verwässert leicht." Die soziale Isolierung hält sie für ein weiteres Problem. "Dagegen hilft, die Pausen zusammen zu verbringen, auch remote einen Kaffee zu trinken oder zusammen Mittag zu essen." Schmalstieg hat mit Homeoffice mehr positive als negative Erfahrungen gemacht.

Codecentric hat rund 500 Mitarbeiter an 16 Standorten, davon 11 in Deutschland. "Bei uns hat jeder Beschäftigte einen Anspruch auf Homeoffice, wenn es die Aufgabe und Situation zulässt. So steht es im Arbeitsvertrag", sagt die Personalerin Olga Spivak. Die Heimarbeit hat in der Firma viele Formen: Manche sind ausschließlich am Arbeitsplatz im Unternehmen, andere arbeiten ausschließlich von daheim und dazwischen ist alles möglich und machbar. Homeoffice wird von den Mitarbeitern bei Codecentric geschätzt, Bewerber fragen danach.

Aber nicht jede Aufgabe und auch nicht jeder Mensch eignet sich dafür. "Alle, die geistig arbeiten, sich selbst motivieren und organisieren können, verantwortungsbewusst und kommunikationsstark sind, haben die notwendigen Voraussetzungen dafür", sagt Spivak. Eher ungeeignet sind Menschen, die andere um sich herum brauchen, die keinen Platz in ihrer Wohnung haben und die eine Arbeit machen, die sich nicht von zu Hause aus erledigen lässt. Einen gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice findet Spivak gut, weil Heimarbeit durch Flexibilität den Mitarbeitern hilft, Beruf und Privatleben besser zu koordinieren.

Thaddäus Hinterberger, 60 und Informatiker, ist ein Vorgesetzter mit zehn Mitarbeitern, der regelmäßig vom Homeoffice aus arbeitet. "Das funktioniert prima." Ein oder zwei Tage pro Woche arbeitet er von seinem eigenen Büro aus "mit schönem Schreibtisch und ergonomisch ordentlicher Ausstattung". Hinterberger arbeitet in der COC AG, einem IT Managed Service Provider, mit Sitz im bayerischen Burghausen. Von seinem Wohnsitz in die Firma hat er es mit 20 Minuten nicht weit. Dort ist er etwa einen Tag pro Woche.

Zu seinem eigentlichen Arbeitsplatz fährt er eineinhalb Stunden und das ebenfalls ein bis zweimal pro Woche. "Wir betreiben für einen Kunden in Ingolstadt die komplette IT-Infrastruktur für einen dreidimensionalen Showroom, unterstützt durch Virtual Reality, den Autohäuser zur Vertriebsunterstützung nutzen." Auch alle Mitarbeiter von Hinterberger arbeiten regelmäßig von zu Hause aus, was die verwendete Technik möglich macht: Alle IT-Systeme sind cloudbasiert, jeder hat Zugangsrechte, auch für die IT des Kunden.

Andere Kunden lassen Distanz-Arbeit nicht zu, insbesondere neue wollen lieber persönliche Präsenz. "Mit der Zeit entwickelt sich Vertrauen und damit die Möglichkeit für Homeoffice." Vertrauen sei auch wichtig im internen Verhältnis, damit Heimarbeit funktioniert. "Wir haben Vertrauensarbeitszeit, werden nach Ergebnis und nicht nach Anwesenheit bezahlt", sagt Hinterberger. Das ist die Basis fürs Homeoffice. Sie bringt ihm eine gewisse Zeitautonomie und unnötiges Autofahren fällt weg. Heimarbeit hält Hinterberger daher für praktisch und technische Möglichkeiten dafür gibt es zahlreich.

Dass er und seine Mitarbeiter ausschließlich im Homeoffice arbeiten, will Hinterberger nicht, weil selbst beste Technik den persönlichen Kontakt nicht ersetzen kann. "Nur im Gespräch vis-à-vis sieht man, wie das Gegenüber reagiert, was Diskussionen und Verhandlungen einfacher macht, in Kunden- und Mitarbeitergesprächen." Und auch den Kaffee mit Kollegen am Automaten hält er für unersetzlich, "weil dort die Gerüchteküche kocht und man nur dort Stimmungen und Strömungen spürt".

Etwa 180 Mitarbeiter hat die COC AG und alle arbeiten mehr oder weniger oft von daheim aus. "Ein gesetzlicher Anspruch auf Heimarbeit geht am eigentlichen Ziel der Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsort vorbei", sagt Robert Zellner, Vorstand im Unternehmen und zuständig fürs Personal. Wo Heimarbeit möglich ist, regle das der Markt selbst. "Zweitens eignet sich nicht jede Stelle für die Arbeit von daheim." Wenn der Gabelstaplerfahrer Homeoffice macht, geht die Firma Konkurs, weil der Nachschub fehlt.

"Allen Berufsbildern mit Homeoffice gerecht zu werden, wird nicht funktionieren." Zellner meint, die Regierung solle statt einen Anspruch auf Heimarbeit besser einen Anreiz dafür schaffen, etwa mit einem passenden Arbeitsschutzgesetz: Derzeit müssen zwischen zwei Arbeitstagen 11 Stunden Ruhepause liegen: betreut jemand nachmittags seine Kinder und arbeitet abends bis um 23:00 Uhr, dann darf er am nächsten Tag frühestens um 10:00 Uhr beginnen. Diese Regel ist unpraktikabel für Homeoffice.

Bei COC ist die Führungskraft die maßgebliche Person, die eine Notwendigkeit und Möglichkeit für Heimarbeit eines Mitarbeiters sehen und befürworten muss. Daraufhin macht die Personalabteilung eine Anlage zum Arbeitsvertrag und sorgt dafür, dass Vorgaben geregelt sind wie Räumlichkeiten, deren Ausstattung, auch technische. "Dann planen Mitarbeiter und Vorgesetzter die Zusammenarbeit und regeln Homeoffice individuell, der jeweiligen Situation angemessen", sagt Zellner. Der bürokratische Aufwand sei wichtig, weil Heimarbeit dann abgesprochen und vertraglich vereinbart ist. Ständige Diskussionen, wann und ob man Homeoffice machen darf erledigen sich damit.

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(axk [3])


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