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High-Tech-Gastarbeiter sollen die IT-Branche retten (update)

Andrea Trinkwalder

Hintergrund: Die Computerbranche will mit zehntausenden von High-Tech-Gastarbeitern ihre Nachwuchsprobleme lösen.

Die Computerbranche will mit zehntausenden von High-Tech-Gastarbeitern ihre Nachwuchsprobleme lösen. "Wenn wir in Deutschland in den ZukunftsmĂ€rkten weiter erfolgreich sein wollen, mĂŒssen wir qualifiziertes Personal aus dem Ausland holen", sagte der VizeprĂ€sident des Branchenverbands BITKOM, Willi Berchtold, im Vorfeld der CeBIT. Der Deutschland-Chef von Hewlett-Packard, Jörg Menno Harms, forderte deshalb die Bundesregierung auf, 30.000 Visa auszustellen.

Beim Bundesministerium fĂŒr Arbeit will man davon nicht all zu viel wissen. Erst Ende der vergangenen Woche hatte StaatssekretĂ€r Gerd Andres erklĂ€rt, er wolle den FachkrĂ€ftemangel zunĂ€chst im Inland decken und auf die zahlreichen Fördermaßnahmen der Bundesanstalt fĂŒr Arbeit verwiesen. Auch gĂ€be es bislang "keine verlĂ€sslichen SchĂ€tzungen, wie hoch der Bedarf tatsĂ€chlich ist. Wer EDV-Spezialisten aus dem Ausland beschĂ€ftigen möchte, soll diesen Bedarf konkret nachweisen", forderte Andres.

Erstmals auf der CeBIT prĂ€sentiert sich in diesem Jahr auch die Gewerkschaft IG-Metall, die die IT-Branche in ihrer ZustĂ€ndigkeit sieht und um die Gunst der BeschĂ€ftigten werben will. Offiziell hĂ€lt man auch bei den Metallern nicht viel von der Idee mit den Gastarbeitern. Der bei IG-Metall fĂŒr AuslĂ€nderfragen zustĂ€ndige Portugiese Manuel Campos hĂ€lt die Diskussion unter den Gewerkschaftern jedoch fĂŒr keinesfalls abgeschlossen. Seiner Überzeugung nach könnten befristet zuziehende High-Tech-Gastarbeiter auch fĂŒr Bewegung auf dem deutschen Arbeitsmarkt sorgen. Man mĂŒsse der Branche jedoch verschiedene Bedingungen fĂŒr die BeschĂ€ftigung stellen: Bezahlung nach deutschen Tarifen, Zusicherung von AusbildungsplĂ€tzen in Deutschland und nicht zuletzt Investitionen in die fehlende Infrastruktur der HerkunftslĂ€nder in Zusammenarbeit mit dem Entwicklungshilfe-Ministerium. Denn nicht zuletzt sei dies die Ursache, dass FachkrĂ€fte in Russland und Indien in ihrer Heimat selbst nicht arbeiten können, so der Gewerkschafter gegenĂŒber c't.

Die Zeiten Ă€ndern sich jedenfalls, der ArbeitskrĂ€ftemangel verlagert sich. "Was in den sechziger Jahren Gastarbeiter aus SĂŒdeuropa fĂŒr die Industriegesellschaft waren, sind heute vor allem osteuropĂ€ische IT-Spezialisten fĂŒr die Informationsgesellschaft", bekrĂ€ftigt Berchtold die Forderung nach High-Tech-Gastarbeitern. Der Branche fehlten derzeit 75.000 FachkrĂ€fte, wodurch das Wachstum behindert werde. Marktbeobachter schĂ€tzen, dass allein in Deutschland in zwei Jahren sogar 250.000 Experten fehlen könnten.

Die Lage ist paradox. Einem Heer von Arbeitslosen stehen unzĂ€hlige offene Stellen in der IT-Branche gegenĂŒber. Eine Mehrzahl der Arbeitsuchenden kommt jedoch fĂŒr die Firmen (und daher fĂŒr Umschulungsmaßnahmen) aus AltersgrĂŒnden von vornherein nicht in Frage. Ansonsten hat es den Anschein, dass IT-Unternehmen bei der Auswahl eines Bewerbers nicht mehr so pingelig sind und verstĂ€rkt mit internen Schulungen die mangelnde Qualifikation der NeuzugĂ€nge ausgleichen. Frei nach dem Motto: Alles nehmen, was jung ist und schon mal einen Computer gesehen hat. Doch trotz aller BemĂŒhungen sind mittlerweile sĂ€mtliche Ressourcen des deutschen Arbeitsmarktes ausgeschöpft. Andreas Prestinger von der Unternehmensberatung META Group sieht die Ursache allen Übels im Anfang der neunziger Jahre, als sich wegen schlechter BeschĂ€ftigungsprognosen tausende junger Studenten von naturwissenschaftlichen oder technischen FĂ€chern abgewandt hĂ€tten. Daher fehle eine ganze Studentengeneration.

Unternehmen und UniversitĂ€ten mĂŒhen sich redlich, den Studis die IT-FĂ€cher wieder schmackhaft zu machen, so dass im Jahr 1998 die Studentenzahlen in Informatik und E-Technik erstmals wieder anstiegen. Dennoch: Ausbildungsinitiativen sind zwar langfristig gesehen das einzige Mittel der Wahl, können aber die Probleme der Branche in den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren kaum beheben, und die jĂ€hrlich rund 7.000 Informatik-Absolventen sind auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. FĂŒr viele Unternehmen bedeutet dies: AuftrĂ€ge mĂŒssen abgelehnt werden, das Wachstum wird behindert, Marktanteile werden den Konkurrenten ĂŒberlassen. "Der Kampf um qualifizierten Nachwuchs entscheidet ĂŒber den Erfolg einer jungen Technologiefirma", so Berchtold. Besonders gefragt seien zur Zeit Netzwerkexperten, Java-Programmierer und Medieninformatiker.

Nach Angaben der Internet-Jobbörse worldwidejobs [1] sucht allein die MĂŒnchner Siemens AG 1.000 Mitarbeiter, Debis fehlen 640 FachkrĂ€fte und SAP hat 362 offene Stellen im Internet ausgeschrieben. Kurzfristig versuchen die Personalchefs, den Engpass mit bereits pensionierten Kollegen oder VorruhestĂ€ndlern zu ĂŒberbrĂŒcken. Neueinsteiger werden mit horrenden GehĂ€ltern gelockt oder berufserfahrene Spezialisten von anderen Firmen abgeworben. Auch "Kopfgeld" fĂŒr die erfolgreiche Akquise eines neuen Kollegen zĂ€hlt zum Repertoire.

Doch diese Maßnahmen allein nĂŒtzen lediglich einzelnen Firmen, die sich im Verteilungskampf um die IT-Experten einen großen Teil des Kuchens sichern konnten. Die Probleme der gesamten IT-Branche bleiben dennoch bestehen, da junge Firmen mit geringen finanziellen Mitteln, aber großem Wachstumspotenzial, das Nachsehen haben. Dies lĂ€hmt wiederum den gesamten Markt, der gerade von solchen Unternehmen entscheidende Impulse erhĂ€lt.

Die derzeitige Arbeitsmarktsituation verĂ€ndert auch das Gesicht der Fachzeitschriften und -messen. Der Stellenmarkt in der Ausgabe 5/2000 der c't wird schon 88 Seiten umfassen; und die CeBIT hat sich inzwischen zur grĂ¶ĂŸten Job-Börse der Branche entwickelt. Der "CeBIT Job Market", Treffpunkt fĂŒr Jobsuchende und Stellenanbieter ist in Halle 10 zu finden. (atr [2])


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