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Hessens CIO: "Deutschland-Online ist ein einziger Reinfall"

Stefan Krempl

Harald Lemke, CIO der hessischen Landesregierung, hat die E-Government-Strategie des Bundes als völlig ineffektiv kritisiert. Auch die Wirtschaft behindere "mit ihrem GezÀnk" die Vernetzung des Landes.

Harald Lemke, Chief Information Officer beziehungsweise StaatssekretĂ€r fĂŒr E-Government und Informationstechnik der hessischen Landesregierung, hat die E-Government-Strategie des Bundes als völlig ineffektiv kritisiert. "Deutschland-Online [1] ist ein einziger Reinfall und sein Geld nicht wert", erklĂ€rte der StaatssekretĂ€r auf dem Forum Public Sector des Branchenverbands Bitkom [2] am heutigen Dienstag in Berlin. Laut dem IT-Direktor haben weder Bund noch LĂ€nder oder Kommunen E-Government tatsĂ€chlich auf der Agenda. Vielmehr erschöpfe sich die gemeinsame Initiative [3] fĂŒr die Digitalisierung der Verwaltung darin, "sich drei Mal im Jahr auf StaatssekretĂ€rebene zu treffen mit einem Budget fĂŒr Kaffee und Kuchen". Heraus kĂ€men allein "die Sorte von BeschlĂŒssen, die zuvor in Arbeitsgruppen fein gewogen wurden und auf grĂŒner Liste durchgewunken werden". Eine deutschlandweite Standardisierung im IT-Bereich, bei der es bei Deutschland-Online jenseits des dĂŒnnen Ziels der "Verwaltungsmodernisierung" gehen mĂŒsse, brĂ€uchte laut Lemke dagegen Geld, eine klare Strategie und ein echtes politisches Bedarfsszenario.

Auch die Wirtschaft bekam in der E-Government-Philippika des StaatssekretĂ€rs ihr Fett ab. Lemke bemĂ€ngelte die "absolute Sprachlosigkeit der IT-Branche", wenn es darum gehe, einem Politiker zu erklĂ€ren, "warum er IT machen soll". Große IT-Projekte seien in der Regel riskante Projekte, verwies Lemke etwa auf den Fall Toll Collect und die LKW-Maut. Fehler wĂŒrden "gnadenlos von Opposition und Presse in die Öffentlichkeit gezerrt" und "Skandal" gebrĂŒllt. "Wir Deutsche sind gut darin, solche Projekte zu zerreden, bis die ganze Welt ĂŒber uns lacht", wetterte der CIO der Wiesbadener Landesregierung. Wenn mal etwas funktioniere, rede dagegen "kein Schwein darĂŒber". Es sei daher kaum verwunderlich, dass kaum ein Politiker "den Stress" zur Erarbeitung und DurchfĂŒhrung einer zentralen IT-Strategie auf sich nehme. Dazu brĂ€uchte es nĂ€mlich auch RĂŒckhalt von ganz oben, um WiderstĂ€nde bei Gewerkschaften, Abteilungs- und Ressortleitern oder StaatssekretĂ€ren zu brechen.

"Mit ihrem GezĂ€nk" behindere die Industrie informationstechnische Innovationen zusĂ€tzlich, schlug Lemke weiter in die Kerbe. Als Beispiel nannte er den Streit um das geplante Hochgeschwindigkeitsnetz [4] der Deutschen Telekom. Hier gebe es nicht nur ein Unternehmen, das mehrere Milliarden investieren und Rendite erwirtschaften wolle. ZusĂ€tzlich bringe sich da auch eine Wirtschaft in Spiel, "die Korken verkaufen will, aber nicht hat", stichelte der IT-Direktor gegen das DrĂ€ngen der Telekom-Wettbewerber [5] auf eine Beteiligung an dem neuen Breitbandvorstoß. Der Kampf werde so an Justiz und Politik herangetragen, die es aber auch nicht jedem Recht machen könnten.

Hessen selbst hat laut Lemke mit der UnterstĂŒtzung des MinisterprĂ€sidenten eine Vorbildfunktion beim ZusammenfĂŒhren von IT-Landschaften ĂŒbernommen. So habe man begonnen, gemeinsame Verzeichnisse, ein E-Mail-System fĂŒr alle und andere technische Grundlagen fĂŒr eine gemeinsame IT-Architektur zu schaffen. Mit der EinfĂŒhrung von SAP-Software seien zudem alle Ministerien komplett auf kaufmĂ€nnische BuchfĂŒhrung umgestellt worden. "In Hessen schreibt jeder Landesbedienstete abends auf, fĂŒr welche Kostenstelle er welche Zeit gearbeitet hat", umriss Lemke die anlaufende "IT-Revolution". Die Unsitte von Referenten, nach einer Anfrage zig Vermerke aus allen Abteilungen anzufordern und so eine "Angstleiste" zu erstellen, könnte damit leicht zu einer unfreiwilligen Mitarbeitervermehrung fĂŒhren. Im Kabinett habe ferner mit der Inbetriebnahme eines Informationssystems das Zeitalter des ressort- und fachĂŒbergreifenden Dokumenten- und Workflow-Managements begonnen.

Mit Geld allein kann ein solches IT-Vorhaben laut Lemke aber nicht zum Erfolg gefĂŒhrt werden. So habe das hessische Kabinett auf das 300 Millionen Euro schwere IT-Budget des Landes fĂŒr die neue strategische Ausrichtung nur noch 10 Millionen oben drauf gesattelt. Als ein "viel schĂ€rferes Schwert" bezeichnete er aber den geĂ€nderten Paragraph 5 im Haushaltsgesetz. Er ermöglicht die Sperrung aller IT-Mittel, wenn sie nicht standardkonform ausgegeben werden. So lasse sich der Fluss des Hauptbudgets lenken. FĂŒr Lemke ist damit klar, dass ein CIO nicht nur in die GeschĂ€ftsfĂŒhrung gehört, sondern auch ins Kabinett. Dem Ruf des Bitkom nach einem "Bundes-CIO" und "Innovationsminister" [6] steht der StaatssekretĂ€r momentan trotzdem skeptisch gegenĂŒber. Das mache nur Sinn, "wenn es auch einen Bundes-CEO" gibt, betonte Lemke. Sonst bleibe es im E-Government beim gegenwĂ€rtigen "l'art pour l'art".

Einen skeptischeren Blick auf die Informationalisierung warf Brigadegeneral GĂŒnther Schwarz. "IT bremst uns bei konkreten Modernisierungsprojekten", monierte der Leiter des Kompetenzzentrums Modernisierung der Bundeswehr. FĂŒr wichtiger als den Aufbau "riesiger Datenbanken" erachtet er die Erreichung grĂ¶ĂŸerer FreirĂ€ume fĂŒr menschliche Entscheidungen. Aus der zweijĂ€hrigen Erfahrung in seiner jetzigen Position zog er das skeptische vorlĂ€ufige ResĂŒmee: "Wir werden unter SAP erstickt", da das Implementierungsprogramm SASPF einen "Auswuchs IT-gesteuerter Kontrollwut" darstelle. Die moderne IT mĂŒsse zu "neugierigen Menschen" passen, die Innovationen vorantreiben, und nicht umgekehrt, forderte der Soldat. Nachdem die EinfĂŒhrungsstrategie fĂŒr das SAP-Modell der Bundeswehr aber Mitte Januar gleichzeitig mit dem neu ausgerichteten Herkules-Projekt [7] auf der Hardthöhe gebilligt worden sei, gelte es nun bei der Umsetzung zu verhindern, dass der unverbrauchte Rest der insgesamt fĂŒr die IT-Modernisierung veranschlagten zwei Milliarden Euro auch noch fĂŒr Dinge ausgeben werde, "die wir nicht brauchen". (Stefan Krempl) / (jk [8])


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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.deutschland-online.de/
[2] http://www.bitkom.org/
[3] https://www.heise.de/news/BundOnline-2005-liegt-im-Zeitplan-Update-129360.html
[4] https://www.heise.de/news/VDSL-Netz-Regulierer-fordert-von-Telekom-Dialogbereitschaft-165994.html
[5] https://www.heise.de/news/Konkurrenz-befuerchtet-neues-Monopol-fuer-Deutsche-Telekom-147802.html
[6] https://www.heise.de/news/IT-Branchenverband-fordert-Innovationsminister-113553.html
[7] https://www.heise.de/news/Durchbruch-bei-Verhandlungen-ueber-IT-Modernisierung-der-Bundeswehr-160872.html
[8] mailto:jk@heise.de