zurück zum Artikel

Handel im Wandel

Wer hat Angst vorm "Schleckermann-Effekt"? Im deutschen Einzelhandel werden die Karten derzeit neu gemischt. HÀndler stellen ein, möbeln ihre LÀden auf oder eröffnen eine Online-Filiale. Doch wer sich nicht anpasst, kommt unter die RÀder.

Erst Schlecker [1], dann Neckermann.de [2]: Ein halbes Jahr nach der Insolvenz der Drogeriemarktkette ist auch der mit dem Wirtschaftswunder groß gewordene VersandhĂ€ndler pleite [3]. Allein mit diesen beiden Insolvenzen sind tausende ArbeitsplĂ€tze im deutschen Einzelhandel weg oder stehen auf der Kippe. Von einer Branchenkrise kann aber keine Rede sein, meinen Handelsexperten und Verbandsvertreter. Allerdings heizen der Internetboom und steigende Rohstoffkosten den Konkurrenzkampf an. Die Euro-Krise drĂŒckt zusĂ€tzlich auf die Stimmung.

"Die sich jetzt hĂ€ufenden Insolvenzen zeigen: Im Handel trennt sich gerade die Spreu vom Weizen. Wer starr an seinen alten GeschĂ€ftsmodellen festhĂ€lt und jede VerĂ€nderung blockiert, der wird vom Markt verschwinden", sagt Thomas Harms, Handelsexperte bei Ernst & Young [4]. Denjenigen hingegen, die ihre GeschĂ€ftsmodelle immer wieder auf den PrĂŒfstand stellten und die stĂ€ndig neue Ideen entwickelten, gehe es so gut wie schon lange nicht mehr.

Einer Umfrage der WirtschaftsprĂŒfungs-Gesellschaft zufolge hat sich die Stimmung im Handel spĂŒrbar eingetrĂŒbt: Ihre aktuelle GeschĂ€ftslage bewerteten 45 Prozent der 120 befragten Unternehmen im Juli als gut. Vor zehn Monaten waren es noch 56 Prozent. Gleichzeitig hat sich der Anteil der HĂ€ndler, die ihre GeschĂ€ftslage als eher schlecht bezeichnen, von 4 auf 10 Prozent mehr als verdoppelt. Nach EinschĂ€tzung von Harms spĂŒren viele HĂ€ndler einen erheblichen Druck auf die Margen. Stabile UmsĂ€tze seien vielfach nur mit PreisabschlĂ€gen erzielt worden.

Auf der anderen Seite investieren die Unternehmen, die ihre GeschĂ€ftslage positiv sehen, stĂ€rker. Mehr als jeder dritte HĂ€ndler will seine Gesamtinvestitionen der aktuellen Umfrage zufolge erhöhen. Vor zehn Monaten war es nur jeder FĂŒnfte. 43 Prozent der Befragten wollen in Deutschland im kommenden halben Jahr neue Mitarbeiter einstellen. Vor zehn Monaten waren es nur etwa halb so viele. Einen Stellenabbau planen 13 Prozent der Unternehmen in Deutschland. Das sind gegenĂŒber der Umfrage von September gut dreimal so viele.

"Wir sehen keine Branchenkrise. Wir sehen einzelne Unternehmen, die in großen Schwierigkeiten stecken. Man findet genauso gut Unternehmen, die krĂ€ftig wachsen", sagt auch der GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Handelsinstitutes EHI [5], Michael Gerling. Die Euro-Krise drĂŒcke auf die Stimmung in der Branche. "Es lĂ€uft in diesem Jahr nicht so gut wie 2011. Es gibt aber auch keinen Einbruch." Bereinigt um die Inflation werde der Branchenumsatz in diesem Jahr weitgehend stabil bleiben.

"Der Einzelhandel ist eine schnelllebige Branche mit einem hohen VerĂ€nderungsdruck", verdeutlicht Kai Falk, der Sprecher des Handelsverbandes Deutschland (HDE [6]) ist. Die BedĂŒrfnisse der Kunden verĂ€nderten sich, neue Anbieter kĂ€men hinzu. Der Internethandel in Deutschland, der 2012 nach HDE-SchĂ€tzung um 13 Prozent auf knapp 30 Milliarden Euro Umsatz zunehmen wird, sei selbst ein Beispiel. Zu den reinen Online-Shops und VersandhĂ€ndler kĂ€men immer mehr stationĂ€re HĂ€ndler, die sich ein zweites Standbein im Internet aufbauten. Zum Vergleich: Der eBay-Konzern meldete ein Umsatzplus [7] fĂŒr das zweite Quartal seines GeschĂ€ftsjahrs von 23 Prozent auf 3,4 Milliarden US-Dollar.

Harms spricht von einer umfassenden Digitalisierung, die zu einem rasanten Wandel des Handels fĂŒhre. Das erfordere vielfach einen Umbau der GeschĂ€ftsmodelle. Michael Bretz von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform [8] mahnt: "Es ist das alte Lied bei den SchleckermĂ€nnern dieser Welt. Wer sich den Marktgegebenheiten nicht stĂ€ndig anpasst, sein Konzept nicht rechtzeitig weiterentwickelt, der fĂ€llt zurĂŒck. Firmen können zu Dinosauriern werden." (ssu [9])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-1648039

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.schlecker.com
[2] http://www.neckermann.de
[3] https://www.heise.de/news/Neckermann-de-meldet-Insolvenz-an-1646755.html
[4] http://www.ey.com/DE/de/Home/Home
[5] http://www.ehi.org
[6] http://www.einzelhandel.de
[7] https://www.heise.de/news/eBay-kann-erneut-massiv-zulegen-1646842.html
[8] http://www.creditreform.de
[9] mailto:ssu@ct.de