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Gute Zahlen, schlechte Zahlen

Gernot Goppelt

Die Zulassungszahlen im MĂ€rz sind hervorragend. Doch dem Absatz-FrĂŒhling könnte ein böses Erwachen folgen, wenn AbwrackprĂ€mie verbraucht ist

Hannover, 9. April 2009 – Nach dem schlechten Ergebnis im Januar und sehr guten Zulassungszahlen im Februar gleicht der MĂ€rz einem Höhenflug: Über 400.000 Neuwagen wurden zugelassen, 40 Prozent mehr als im MĂ€rz 2008. Nachdem der VDA im Dezember noch davon ausging [1], dass die Neuzulassungen im Jahr 2009 auf insgesamt 2,9 Millionen zurĂŒckgehen, muss diese Annahme wohl wieder nach oben korrigiert werden. Bereits in der ersten drei Monaten sind fast 870.000 neue Pkw zugelassen worden, hochgerechnet auf das ganze Jahr wĂ€ren das ĂŒber 3,4 Millionen Fahrzeuge.

Verkehrte VerhÀltnisse
TatsĂ€chlich sind Voraussagen schwierig, weil die gestern aufgestockte [2] AbwrackprĂ€mie bereits jetzt zu einem verzerrten Bild im Automarkt fĂŒhrt. WĂ€hrend sich einerseits Hersteller von Kleinwagen ĂŒber teils krĂ€ftige ZuwĂ€chse freuen, leiden Autobauern wie Mercedes-Benz oder BMW, weil sie von der staatlichen „UmweltprĂ€mie“ kaum profitieren. Diese Verschie­bungen lassen sich in den Zahlen des Kraftfahr­bundesamts deutlich ablesen: Fiat zum Beispiel verkaufte im MĂ€rz fast 29.000 Autos, nur VW und Opel können bessere Zahlen vorweisen. WĂ€hrend Marken wie Alfa Romeo, Hyundai, Suzuki oder Fiat in der ersten drei Monaten im Vorjahresvergleich Wachstumsraten im Bereich von 100 Prozent und mehr haben, verlor Mercedes-Benz gut 20 Prozent, BMW immerhin 13,1 Prozent. Einzig Audi konnte unter den deutschen „Premium“-Marken um 2,3 Prozent zulegen.

Gute Zahlen, schlechte Zahlen (0 Bilder) [3]

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Ford profitiert
Prozentual grĂ¶ĂŸter Profiteur unter den deutschen Herstellern ist ĂŒbrigens Ford: Der Kölner Autobauer kann sich im ersten Quartal ĂŒber ein Wachstum von 51 Prozent freuen. Dem Unternehmen kommt entgegen, mit dem Fiesta und Ka zum richtigen Zeitpunkt zwei neue Modelle anbieten zu können – GlĂŒck gehabt. Beim Fiesta mit seinen blendenden Verkaufszahlen profitiert sogar der Standort Köln, der Ka dagegen wird im polnischen Tichy gebaut, wo auch das Schwestermodell Fiat 500 entsteht.

Kleinzeugs
Was sich bereits vor EinfĂŒhrung der AbwrackprĂ€mie andeutete, tritt nun in ĂŒberzeichneter Form zutage: Das Mini-Segment legte im ersten Quartal um 129 Prozent zu, die Kleinwagen-Klasse um 75 Prozent und die der Kompakten um 8,4 Prozent. Die obere Mittelklasse und die Oberklasse verloren jeweils 25 Prozent, die Sportwagen 26 Prozent. Ein untypisches Bild zeigt auch der Gebrauchtmarkt: Über 120.000 Pkw waren bei der Umschreibung höchstens ein Jahr alt, ein Effekt, der ebenfalls teilweise auf die AbwrackprĂ€mie zurĂŒckzufĂŒhren ist.

Nebenwirkungen
Dass Industrievertreter auf die erfreulichen Zulassungszahlen zumindest offiziell positiv reagieren, ist kein Wunder, hinter verschlossenen TĂŒren dĂŒrfte die Begeisterung gedĂ€mpfter ausfallen. Bereits jetzt deuten sich unangenehme Nebenwirkungen an, die zum Teil nur schleichend zu Tage treten. Offenkundig ist zunĂ€chst einmal, dass die Hersteller grĂ¶ĂŸerer und teurerer Autos nicht profitieren. Wer die AbwrackprĂ€mie nutzen möchte, entscheidet sich in der Regel fĂŒr kleine Autos. Dort hat die PrĂ€mie sicherlich dabei geholfen, Fahrzeuge vom Hof zu bekommen, Hersteller wie Mercedes oder BMW schauen aber in die Röhre. Man kann sich schon fragen, ob es nicht sinnvoller gewesen wĂ€re, die PrĂ€mie abhĂ€ngig vom Neuwert eines Autos zu staffeln, um diesem Problem zu begegnen. Die Gleichung "billig = umweltfreundlich" ist sicherlich zu einfach.

Aufgeweichtes Konzept
Dass nun der PrĂ€mientopf auf 5 Milliarden Euro aufgestockt wurde und somit fĂŒr bis zu 2 Millionen Fahrzeuge reicht, ist zudem eine Abkehr von der ursprĂŒnglichen [5] Logik. ZunĂ€chst war das Konzept darauf zugeschnitten, Lagerfahrzeuge abverkaufen zu können oder Jahreswagen, die auf einen HĂ€ndler oder Hersteller zugelassen waren. Dieser Lenkungseffekt ist zunehmend aufgeweicht worden. Zwar ist es aus Kundensicht erfreulich, wenn man nun risikolos ein Wunschfahrzeug bestellen kann und die PrĂ€mie gesichert ist, doch dem Abwrackrausch könnte ein heftiger Kater folgen. Schon jetzt gelangen SchrotthĂ€ndler an die Grenzen ihrer LagerkapazitĂ€t, schließlich sind ihre verfĂŒgbaren FlĂ€chen nicht auf den derzeitigen Ansturm ausgelegt. Zudem sind die Schrottpreise gesunken, wie etwa die SchwĂ€bische Zeitung berichtet. Manche SchrotthĂ€ndler wĂŒrden derzeit bereits dazu ĂŒbergehen, Schrottautos nur noch gegen Bares anzunehmen, weil das GeschĂ€ft sich sonst nicht mehr lohnt.

Markt aus den Fugen
Die SĂŒddeutsche berichtete gestern, dass als Folge der aufgestockten AbwrackprĂ€mie ein Wertverfall bei höherwertigen Fahrzeugen drohe. So seien am Gebrauchtwagenmarkt die Preise fĂŒr Ă€ltere Modelle, fĂŒr die die Förderung nicht gilt und die mehr als 2500 Euro wert sind, zuletzt deutlich gefallen. TatsĂ€chlich droht die Preisstruktur fĂŒr Gebrauchtwagen aus den Fugen zu geraten: Einerseits sinken bei neueren Gebrauchtwagen die Preise, weil ein krĂ€ftig gesponserter Neuwagen natĂŒrlich attraktiver ist. Andererseits werden viele alte Gebrauchtwagen per Schrottpresse dem Markt entzogen – selbst dann, wenn sie eigentlich noch in gutem Zustand sind. Menschen mit geringem finanziellem Spielraum mĂŒssen daher mehr fĂŒr einen Gebrauchten ausgeben oder lassen sich sogar dazu verfĂŒhren, einen Neuen auf Pump zu kaufen.

Systemstörung
Wenn dann Ende 2009 der Zauber zu Ende ist, wird der Neuwagenmarkt natĂŒrlich nach unten drehen, doch dabei bleibt es nicht. Leiden werden zum Beispiel auch Betreiber freier WerkstĂ€tten, wo bisher in großem maß Ă€ltere Fahrzeuge gewartet wurden. Da diese aber bekanntlich einen höheren Wartungsbedarf haben, dĂŒrfte ein erheblicher Teil des GeschĂ€fts wegbrechen. Wie sich diese Effekte in genauen Zahlen Ă€ußern, ist nur schwierig vorauszusagen. Das liegt auch daran, dass die AbwrackprĂ€mie in ein relativ gut austariertes Gesamtsystem eingreift und einige Folgen noch nicht einmal abzusehen sind.

Abwracksteuer
Solange die AbwrackprĂ€mie nur dabei helfen sollte, die Fahrzeug­halden zu lichten, schien der Markteingriff plausibel, doch das ist seit den jĂŒngsten BeschlĂŒssen nicht mehr gegeben. Nun wird ohne klar erkennbaren Lenkungseffekt zusĂ€tzliches Geld ausgegeben: Bis zu 5 Milliarden Euro will sich die Regierung den Schredder-Spaß kosten lassen, statt 1,5 Milliarden, wie ursprĂŒnglich vorgesehen. Das ist vordergrĂŒndig betrachtet zwar kein Problem, weil Zusatzeinnahmen ĂŒber die Mehrwertsteuer die Kosten einigermaßen ausgleichen, wie manche argumentieren, doch das stimmt nur vorlĂ€ufig. Genau diese Steuereinnahmen fallen ab 2010 aus. Und wer das ausgleichen muss, plus Zinsen versteht sich, ist klar. (ggo [6])


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[1] https://www.heise.de/news/Die-Neuzulassungen-im-November-2008-468969.html
[2] http://www.heise.de/autos/Abwrackpraemie-aufgestockt-Bis-zu-2-Millionen-x-2500-Euro--/artikel/s/7671
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/4718159.html?back=450025;back=450025
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/4718159.html?back=450025;back=450025
[5] https://www.heise.de/news/Abwrackpraemie-Ministerium-veroeffentlicht-Details-440513.html
[6] mailto:ggo@heise.de