Gezerre um heimliche Online-Durchsuchungen geht weiter
Bundes- und Landespolitiker der CDU haben SchĂ€uble erneut RĂŒckendeckung fĂŒr seine PlĂ€ne gegeben, doch die Kritik von Seiten der SPD und der Opposition vor Eingriffen in das "Seelendepot" hĂ€lt an.
Bundes- und Landespolitiker der CDU haben ihrem Parteikollegen Bundesinnenminister Wolfgang SchĂ€uble erneut RĂŒckhalt fĂŒr seine PlĂ€ne [1] zu verdeckten Online-Durchsuchungen gegeben. "Der Computer darf kein rechtsfreier Raum in Deutschland sein, wenn es um die wirksame BekĂ€mpfung von Terrorismus hier bei uns in Deutschland geht", echote CDU-GeneralsekretĂ€r Ronald Pofalla am heutigen Montag nach einer PrĂ€sidiumssitzung in Berlin die Ansagen [2] von CSU-Politikern vom Wochenende. Online-Razzien sollten daher rechtsstaatlich korrekt, in engen Grenzen unter richterlichem Vorbehalt sowie zeitlich befristet möglich sein. Pofalla beteuerte: "SchĂ€uble hat unsere volle UnterstĂŒtzung."
Ins gleiche Horn stieĂ der sĂ€chsische Justizminister Geert Mackenroth (CDU): Zum Auftakt eines internationalen StaatsanwĂ€lte-Kongresses sagte er in Dresden, angesichts der rasanten elektronischen Entwicklung mĂŒsse der Staat im Kampf gegen das Verbrechen nachrĂŒsten: "Bei SchwerstkriminalitĂ€t vor jeder Festplatte Halt zu machen, wĂŒrde den StraftĂ€tern einen staats- und rechtsfreien Kommunikationsraum öffnen". Die Ausforschung "informationstechnischer Systeme" sei daher unverzichtbar, deren Auswirkungen auf die Bevölkerung seien gering. Der innenpolitische Sprecher der GrĂŒnen-Landtagsfraktion, Johannes Lichdi, tat den Appell als "hilflosen Profilierungsversuch" der Regierung des Freistaates ab. Weder sei der Bedarf an Online-Razzien bislang nachgewiesen noch seien die Probleme bei der Datengewinnung oder beim Missbrauchsschutz gelöst.
Abweichler gibt es aber auch innerhalb der CDU. So deklarierte der Unionsvertreter Michel Friedmann in einem Video-Statement [3] auf Watch Berlin in Bezug auf die geplante Ausforschung privater PCs: "HĂ€nde weg von meinem Ich". Seiner Ansicht nach "hat der Staat so wenig wie möglich vom BĂŒrger zu wissen". Dies betreffe nicht nur Online-Razzien, sondern etwa auch die umstrittene Vorratsspeicherung [4] von Telefon- und Internetdaten oder die einheitliche Steuernummer [5].
SPD-Parteichef Kurt Beck forderte in dem anhaltenden Streit mit der Union derweil ein Entgegenkommen des Koalitionspartners. Er halte das Vorhaben SchĂ€ubles wirklich fĂŒr falsch, unterstrich er im ARD-Morgenmagazin. Bei Wohnungs- oder Online-Durchsuchungen mĂŒsse weiterhin ein Verdacht sowie eine richterliche Anordnung gegeben sein. Zudem sei jedem BĂŒrger die Möglichkeit zu geben, sich im Rahmen rechtzeitiger Benachrichtigungen ĂŒber erfolgte BespitzelungsmaĂnahmen rechtlich zur Wehr zu setzen. Ganz wollte sich Beck aber nicht gegen den so genannten Bundestrojaner positionieren. Die verdeckten Ăberwachungen von Computern mĂŒssten vielmehr unter rechtsstaatlich einwandfreien Bedingungen möglich sein. Im Detail unterscheidet sich die Haltung der beiden Regierungsfraktionen folglich nur noch in der Definition der zu beachtenden rechtsstaatlichen Kriterien.
Skeptisch zeigte sich auch FDP-Parteichef Guido Westerwelle. "Brauchen wir neue Gesetze, brauchen wir neue Befugnisse fĂŒr die Polizei oder brauchen wir möglicherweise mehr Kraft bei den Ermittlern selbst?", fragte der Liberale in einem Interview mit dem Nachrichtensender n-tv. Seine Partei sei der zweiten Auffassung. "Es ist unverhĂ€ltnismĂ€Ăig, wenn der Staat mit getarnten E-Mails plötzlich jeden Computer von jedem BĂŒrger privat zu Hause durchsuchen kann", betonte Westerwelle. "Und zwar nicht nur bei Menschen, die grob verdĂ€chtig sind, sondern einfach mal auf Verdacht werden alle hier verdĂ€chtigt."
Als scharfer Gegner von Online-Razzien meldete sich erneut Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum zu Wort. GegenĂŒber dem Deutschlandfunk erklĂ€rte [6] der FDP-Politiker, dass er in der Debatte um heimliche Online-Durchsuchungen bei SchĂ€uble als Verfassungsminister die nötige SensibilitĂ€t fĂŒr die Grundrechte vermisse. Er wehre sich dagegen, "dass der Staat kĂŒnftig mit einem einzigen Zugriff ein vollstĂ€ndiges Bild von meinen Neigungen, Gewohnheiten machen kann". Bei einer Festplatte handle es sich quasi um ein "Seelendepot", und deshalb sei der geplante Eingriff so schwerwiegend. Zudem gebe es bereits ausreichend Möglichkeiten, die Telekommunikation auch im Internet zu ĂŒberwachen. Der Schutz der verfassungsrechtlichen Grundrechte hĂ€nge dagegen nicht davon ab, wie viele Menschen von Netzbespitzelungen betroffen wĂ€ren.
Im GesprĂ€ch [7] mit Zeit Online erlĂ€uterte Baum seine Bedenken weiter. Insbesondere vermisst er in den VorschlĂ€gen SchĂ€ubles "die praktikablen Mechanismen fĂŒr den Schutz des Kernbereichs der privaten Lebensgestaltung". Seine Erfahrung sei, dass einmal eingefĂŒhrte Befugnisse fĂŒr die Strafverfolger eine Eigendynamik entwickeln und sich ausweiten wĂŒrden. "Das haben wir bei der TelefonĂŒberwachung erlebt." Durch die Ănderung des BKA-Gesetzes wĂŒrden nach Ansicht des Liberalen die Unverletzbarkeit der Wohnung, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, die Berufsfreiheit etwa von AnwĂ€lten und auch die Pressefreiheit verletzt.
Baum rechnet sich ferner gute Chancen aus, dass das Bundesverfassungsgericht Online-Durchsuchungen im Rahmen einer von ihm mit initiierten Beschwerde [8] gegen die nordrhein-westfĂ€lische Lizenz zur Online-Durchsuchung fĂŒr den Verfassungsschutz kippt. Das entsprechende Gesetz sei "so schludrig gemacht, dass es aus meiner Sicht keinen Bestand haben kann. Bei dem, was SchĂ€uble gemacht hat, steckt mehr Substanz drin. Aber die reicht meiner Ansicht nach nicht aus, um den GrundrechtsverstoĂ zu vermeiden."
Zum aktuellen Stand der Debatte um heimliche Online-Durchsuchungen privater PCs siehe:
- Koalition vertagt Beratungen zu Online-Razzien [9]
- CCC veröffentlicht umkÀmpften Gesetz-Entwurf zu Online-Durchsuchungen [10]
- Experten zweifeln an VerfassungskonformitÀt des "Bundestrojaners" [11]
- SchĂ€uble und CSU weisen Kritik am "Bundestrojaner" zurĂŒck [12]
- Breite Ablehnung der PlÀne SchÀubles zu Online-Durchsuchungen [13]
- Kritische Stimmen in der Debatte zu Online-Durchsuchungen [14]
- BKA-Chef: "Maximal zehn" Online-Durchsuchungen im Jahr [15]
- SPD-Sprecher: Debatte um Online-Durchsuchungen noch ganz am Anfang [16]
Siehe dazu auch die Anmerkungen zur Online-Durchsuchung von BKA-Chef Jörg Ziercke und von DatenschĂŒtzern auf der Datenschutz-Sommerakademie des UnabhĂ€ngigen Landeszentrums fĂŒr Datenschutz am vergangenen Montag:
- Mit Unikaten gegen Straftaten [17]
- Hickhack um Online-Durchsuchung [18]
- Schutz und Trutz vor der Online- Durchsuchung [19]
Einen ausfĂŒhrlichen Einblick in die jĂŒngsten AusfĂŒhrungen des Bundesinnenministeriums zu den PlĂ€nen fĂŒr Online-Razzien und in die Antworten SchĂ€ubles auf den Fragenkatalog des Bundesjustizminsteriums sowie der SPD-Fraktion zur Online-Durchsuchung bieten Meldungen vom vergangenen Wochenende im heise-Newsticker und ein Bericht in c't â Hintergrund [20]:
- Innenministerium verrÀt neue Details zu Online-Durchsuchungen [21]
- Innenministerium bezeichnet Entdeckungsrisiko fĂŒr Bundestrojaner als gering [22]
- Heimliche Online-Durchsuchungen und der Schutz der PrivatsphÀre [23]
- Bundesregierung sieht sich mit Online-Durchsuchungen nicht allein [24]
- Netzpolitik hat mittlerweile die Antworten des Bundesinnenministeriums im Wortlaut online dokumentiert [25]: Antworten [26] auf den Fragenkatalog des Bundesjustizministeriums, Antworten [27] auf die Fragen der SPD-Fraktion
Zu den Auseinandersetzungen um die erweiterte Anti-Terror-Gesetzgebung, die Anti-Terror-Datei sowie die Online-Durchsuchung siehe auch:
(Stefan Krempl) / (vbr [29])
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[1] https://www.heise.de/hintergrund/Innenministerium-verraet-neue-Details-zu-Online-Durchsuchungen-302696.html
[2] https://www.heise.de/news/Bayerische-Spitzenpolitiker-kaempfen-fuer-Online-Razzien-170405.html
[3] http://www.watchberlin.de/vipo/portal/watchberlin_video_64752
[4] https://www.heise.de/news/Zivilgesellschaft-wappnet-sich-gegen-die-Vorratsdatenspeicherung-170121.html
[5] https://www.heise.de/news/Die-zentrale-Steuerdatei-und-der-konstruierte-Erregungszustand-161436.html
[6] http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/665141/
[7] http://www.zeit.de/online/2007/36/Baum-Interview-Onlinedurchsuchung
[8] https://www.heise.de/news/Ex-Bundesinnenminister-legt-Verfassungsbeschwerde-gegen-Online-Durchsuchung-ein-152143.html
[9] https://www.heise.de/news/Koalition-vertagt-Beratungen-zu-Online-Razzien-170000.html
[10] https://www.heise.de/news/CCC-veroeffentlicht-umkaempften-Gesetz-Entwurf-zu-Online-Durchsuchungen-169825.html
[11] https://www.heise.de/news/Experten-zweifeln-an-Verfassungskonformitaet-des-Bundestrojaners-169663.html
[12] https://www.heise.de/news/Schaeuble-und-CSU-weisen-Kritik-am-Bundestrojaner-zurueck-169442.html
[13] https://www.heise.de/news/Breite-Ablehnung-der-Plaene-Schaeubles-zu-Online-Durchsuchungen-169162.html
[14] https://www.heise.de/news/Kritische-Stimmen-in-der-Debatte-zu-Online-Durchsuchungen-168791.html
[15] https://www.heise.de/news/BKA-Chef-Maximal-zehn-Online-Durchsuchungen-im-Jahr-168198.html
[16] https://www.heise.de/news/SPD-Sprecher-Debatte-um-Online-Durchsuchungen-noch-ganz-am-Anfang-167893.html
[17] https://www.heise.de/news/Online-Durchsuchung-Mit-Unikaten-gegen-Straftaten-169316.html
[18] https://www.heise.de/news/Hickhack-um-Online-Durchsuchung-167759.html
[19] https://www.heise.de/news/Datenschutz-Sommerakademie-Schutz-und-Trutz-vor-der-Online-Durchsuchung-167808.html
[20] http://www.heise.de/ct/hintergrund/
[21] https://www.heise.de/hintergrund/Innenministerium-verraet-neue-Details-zu-Online-Durchsuchungen-302696.html
[22] https://www.heise.de/news/Innenministerium-bezeichnet-Entdeckungsrisiko-fuer-Bundestrojaner-als-gering-166878.html
[23] https://www.heise.de/news/Heimliche-Online-Durchsuchungen-und-der-Schutz-der-Privatsphaere-166988.html
[24] https://www.heise.de/news/Bundesregierung-sieht-sich-mit-Online-Durchsuchungen-nicht-allein-167037.html
[25] http://netzpolitik.org/2007/bundesinnenministerium-beantwortet-fragen-zur-online-durchsuchung/
[26] http://netzpolitik.org/wp-upload/fragen-onlinedurchsuchung-BMJ.pdf
[27] http://netzpolitik.org/wp-upload/fragen-onlinedurchsuchung-SPD.pdf
[28] https://www.heise.de/hintergrund/Von-der-Anti-Terror-Gesetzgebung-ueber-die-Anti-Terror-Datei-zum-Schaeuble-Katalog-302578.html
[29] mailto:vbr@heise.de
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