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GesundheitsgefÀhrdung und Ausbeutung in Handy-Fabriken

Daniel AJ Sokolov

ErbĂ€rmliche ZustĂ€nde in asiatischen Handy-Fabriken, die fĂŒr die großen Handy-Marken wie Nokia, Motorola, Samsung oder Sony Ericsson produzieren, deckte die niederlĂ€ndische Organisation SOMO auf.

ErbĂ€rmliche ZustĂ€nde in asiatischen Handy-Fabriken deckt die niederlĂ€ndische Organisation SOMO [1] (centre for research on multinational corporations) auf. Bei Inspektionen vor Ort haben die Experten der Nichtregierungsorganisation verschiedene MissstĂ€nde festgestellt. In manchen FertigungsstĂ€tten sind die Arbeiter ohne entsprechenden Schutz hochgiftigen Substanzen ausgesetzt; anderswo werden die Mitarbeiter weit unter dem Mindestlohn bezahlt oder zu rechtswidrig vielen Überstunden gezwungen. Die UnterdrĂŒckung von Gewerkschaften und herabwĂŒrdigende Behandlung vervollstĂ€ndigen das Bild. SOMO erstellt derzeit einen Bericht, der die offizielle Politik (CSR [2]) der fĂŒnf grĂ¶ĂŸten Handyhersteller Nokia, Motorola, Samsung, Sony Ericsson und LG mit den tatsĂ€chlichen Arbeitsbedingungen in Fabriken in China, Indien, Thailand sowie auf den Philippinen vergleicht. Das Ergebnis fĂ€llt verheerend aus.

"Die Situation wird durch die immer komplexeren Lieferketten verkompliziert. Die ausgelagerte Produktion kleiner Handy-Teile kann sich in Lieferketten von fast einem Dutzend Firmen erstrecken", heißt es in einer Vorschau auf den Report [3] (PDF-Dokument). "Die großen Markenfirmen haben wenig Übersicht ĂŒber diesen Teil ihrer Lieferkette und versagen generell dabei, Verantwortung fĂŒr die schlechten Bedingungen zu ĂŒbernehmen."

FĂŒr Motorola [4]-Handys werden in der chinesischen Fabrik "Hivac [5] Startech Film Window" Linsen hergestellt. Die Arbeiter hĂ€tten ohne Schutzmasken mit n-Hexan [6] Acryl-Schirme reinigen mĂŒssen. Vergiftungserscheinungen bei zahlreichen Mitarbeitern seine die Folge gewesen. Erst nach drei Monaten und Anzeigen bei Behörden seien die am schwersten Vergifteten ins Krankhaus gebracht worden. Eine Betroffene habe abtreiben mĂŒssen. Die Fabrikleitung habe das Hexan durch eine Benzol [7]-haltige Substanz ersetzt – die mindestens ebenso giftig sei.

Bei Namiki Precision [8] in Thailand werden Teile fĂŒr Nokia [9]-Handys produziert. Arbeiter, die löten und schweißen, mĂŒssten sich ihre SchutzausrĂŒstung selbst besorgen und bezahlen, heißt es in dem Report. Die GeschĂ€ftsleitung gebe ihnen tĂ€glich eine Ration Milch, die den Körper reinigen solle. Den Mitarbeitern war eingeredet worden, dass die Lötmasse ungefĂ€hrlich sei. TatsĂ€chlich enthĂ€lt sie 40 Prozent Blei, was 2005 zu mehreren Bleivergiftungen gefĂŒhrt habe.

Beim thailĂ€ndischen Nokia-Lieferanten LTEC [10] und beim chinesischen Motorola-Lieferanten Giant Wireless [11] seien exzessive ArbeitszeitĂŒberschreitungen die Regel. Das Personal werde zu Schichten von 12 bis 13 Stunden gezwungen, oft sieben Tage die Woche.

Aber nicht nur bei den Subunternehmern liegt so manches im Argen. In Indien gibt es in keiner Handyfabrik eine gewerkschaftliche Organisation. LG India [12] gebe zu, Gewerkschaften abzulehnen und nicht mit ihnen zu verhandeln. Mitarbeiter von Samsung [13] und Nokia in Indien hÀtten erklÀrt, dass man ihnen bei ihrer Einstellung den Beitritt zu einer Gewerkschaft sowie gewerkschaftliche AktivitÀten verboten habe.

In vielen FĂ€llen, etwa bei Hivac oder Flextronics [14] in China, bekommt das Personal keine schriftlichen ArbeitsvertrĂ€ge. Deutlich unter dem Mindestlohn von 3,46 US-Dollar pro Acht-Stunden-Tag wird die Belegschaft der chinesischen Kangyou Electronics [15] "entlohnt". Auch Überstunden werden nur etwa zur HĂ€lfte bezahlt. Kangyou fertigt LadegerĂ€te fĂŒr Mobiltelefone der Marken Nokia, Motorola, Samsung, Sony Ericsson [16] und LG.

Da Mobilfunk-Netzbetreiber die wichtigsten Kunden der Handyindustrie sind, vergleicht SOMO auch deren offizielle Richtlinien mit ihrem realen Einkaufsverhalten. Mit KPN [17], Vodafone [18] und T-Mobile [19] wurden die drei grĂ¶ĂŸten Mobilfunker der Niederlande unter die Lupe genommen. "Keiner der Netzbetreiber nimmt ausreichend seine soziale Verantwortung wahr, um die Bedingungen (...) zu verbessern. Sie betonen, dass ihre Verantwortung bei den direkten Lieferanten ende", berichtet SOMO. "Aber (die Netzbetreiber) mĂŒssen die Verantwortung fĂŒr die gesamte Wertschöpfungskette ĂŒbernehmen, deren Erzeugnisse sie kaufen und verkaufen." (Daniel AJ Sokolov) / (jk [20])


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[1] http://www.somo.nl/index_eng.php
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Corporate_Social_Responsibility
[3] http://www.somo.nl/html/paginas/pdf/Mobile_Sneak_Preview.pdf
[4] http://www.motorola.de
[5] http://www.hivacgroup.com
[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Hexan
[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Benzol
[8] http://www.namiki.co.jp
[9] http://www.nokia.de
[10] http://www.ltec.fujikura.co.th
[11] http://www.giant.com.hk
[12] http://www.lgindia.com
[13] http://www.samsung.com/in
[14] http://www.flextronics.com
[15] http://www.kangyou.com.cn/english/index.asp
[16] http://www.sonyericsson.de
[17] http://www.kpn.com
[18] http://www.vodafone.nl
[19] http://www.t-mobile.nl
[20] mailto:jk@heise.de