Gekauft: Honda Zoomer
Fahrzeugtester haben eine Menge Vergleichswerte. Man sollte also weniger darauf achten, was sie den ganzen Tag so empfehlen und nicht verpassen, was sie von ihrem eigenen Geld kaufen. Einen Zoomer zum Beispiel
Stuttgart, 21. Mai 2012 – Wenn Leser von Fahrzeug-Publikationen die bestmöglichen Tipps für die Fahrzeugwahl suchen, sollten sie sofort alles vergessen, was Tester so gut finden oder empfehlen und gleich ans Eingemachte gehen: Was kauft der Tester, also jemand, der wirklich viel Vergleich hat, von seinem eigenen Geld, um es selber zu nutzen? ggo zum Beispiel hat sich vor einiger Zeit einen Subaru Impreza gekauft. Heißer Tip. Und ich habe mir eben einen Honda Zoomer gekauft.
Für das Geld dieses Rollers hätte ich genauso einen gebrauchten alten Kleinwagen kaufen können. Aber das einzige, wo es in Downtown Stuttgart mit dem Auto problemlos hingeht, ist auf die Nerven. Die Parkplatzsuche dauert in diesem Aktionsradius länger als die gesamte Fahrt und dann muss man am Ende doch aus dem Parkhaus laufen. Ich habe außerdem einen Carsharing-Fuhrpark mit allem drin von Toyota Aygo bis Ford Transit. Was fehlte, war ein Satz Räder zum eben umme Ecke flitzen, etwas, das man überall vor die Tür stellen kann. Ein E-Fahrrad bot sich an, aber das transportiert zu wenig. Die aktuelle Großrollerbrigade war mir viel zu breitärschig und generell adipös. Eine 125er wie die geniale KTM 125 Duke hat keinen Stauraum. Ein großes Motorrad möchte ich nicht mit Kurzstreckenbetrieb vergewaltigen. Dann testete ich einen Zoomer und kaufte ihn Honda im Anschluss ab.
Gekauft: Honda Zoomer (12 Bilder)

WTF is a Zoomer?
Der Zoomer ist ein 50er-Roller ohne Verkleidung. Ein kleiner 50-ccm-Motor mit Einspritzung treibt das Hinterrad über eine Variomatik an. Honda hat technische Details eingebaut, die selbstverständlich nebenher alles besser machen. Der übergangslos anschleppende Startergenerator zum Beispiel (Mercedes nennt sowas im Smart sehr hybrid "Micro Hybrid Drive"). Oder die Feststellbremse (eine Klemmung des Hinterradbremshebels). Oder der Sitz. Die offene und schlichte Konstruktion des Zoomer macht ihn einerseits sehr beliebt bei Bastlern, er ist jedoch außerdem der coolste 50er, den man kaufen kann, noch vor einer alten Vespa. Das hätte man Honda ("wir bauen Langeweile für die Ewigkeit") gar nicht mehr zugetraut, aber immerhin haben sie damals auch das Clowns-Minimotorrad "Monkey" gebaut.
Unter den Sitz passen Trainingsstöcke oder Klopapierpackungen, aufs Trittbrett eine Kiste Wasser oder Werkzeug und am Lenker hat er auch noch einen kleinen Gepäckträger. Wenn es hart auf hart kommt, trägt der Zoomer zwei Longboards, eine Kiste Getränke und zwei Personen. Eigentlich ist er als Einsitzer zugelassen, aber das weiß ja keiner und die Sitzbank ist groß genug für zwei Hintern, wenn die nicht sehr fett sind. Er ist außerdem in der EU zugelassen, was bedeutet, dass er auf hirnrissige 45 km/h begrenzt ist.
Die Vermutung war, dass dieses Limit als erstes behoben werden muss, um nicht auf dem ersten Kilometer von drei BMW X5 überrollt zu werden. Ich habe das bis heute nicht gemacht. Es hat sich schlicht als unnötig herausgestellt. Zwar fahren die meisten Leute schneller als 50 km/h, aber da rund 100 Prozent der Fahrer erschreckende Kurvenschisser sind und es in Stuttgart viele Kurven gibt, ist man mit konstant 45 km/h tatsächlich nicht langsamer als der Restverkehr mit GAAAS! und dann Breeemse! Erst auf den breiten Hauptverkehrsadern fällt auf, dass die fetten S-500-Benzen in drei Zentimetern Sicherheitsabstand am Roller fahren. Sie verstehen nicht, dass die EU ihnen die 45 antut; sie denken, Rollerfahrer machen das mit Absicht, um sie in den nahen Wahnsinn zu treiben. Aber das schult den Rollerfahrer in Gelassenheit und der Daimler-Fahrer lernt vielleicht auch was – Rücksicht zum Beispiel, oder Durchatmen, oder dass ich, während er noch eine Landebucht für sein Schiff sucht, schon alles erledigt habe und wieder daheim bin. Von Tür zu Tür ist nur ein Motorrad noch schneller.
Das Wundernutztier
Eigentlich habe ich den Zoomer als Nutzmuli gekauft. Er soll schnelle Kleineinkäufe machen, er soll mich zum Carsharing-Fuhrpark bringen oder Sonntags zum Bäcker. Aber genau diese Art Einsatz, gepaart mit dem sehr kleinen Motörchen geben mir das Erlebnis, das früher für jeden 16-Jährigen so wichtig war: das Wunder der motorisierten Fortbewegung. Irgendwie wird das nie langweilig und hier erfährt man es besser als selbst im kleinsten Kleinwagen.
Vor der Jahrtausendwende gab es in Italien für 50er keine Helmpflicht, und genau deshalb hatte jeder einen: "Kochen bei dir? Gute Idee! Ich fahr auf meiner Vespa schnell ums Eck und kaufe Gemüse dafür! Ciao!" Nach Einführung der Helmpflicht war der Markt für solche Fahrzeuge im Vergleich zu vorher fast tot. Natürlich würde heute der Sicherheits-Mob Zeter und Mordio schreien, wenn man die Helmpflicht für 50er in Frage stellte, also tun wir doch genau das: Ich bin dafür, dass Helme auf 50ern optional sind. Man darf, wenn einem der Kopf was wert ist. Man muss aber nicht nochmal nach Hause rennen, um seine Mütze zu holen, nur weil vor dem Bäcker ein Streifenwagen parkt. Dass 45 km/h ohne Helm durchaus ohne die immer hysterisch befürchteten Berge von Toten geht, zeigen die 45 km/h schnellen E-Bikes, die auch Versicherungskennzeichen haben, aber anders als Roller keine Helmpflicht.
Leicht + langsam = verbrauchsgünstig
Im Nurkurzstreckeneinsatz verbrennt der Zoomer gemessen 2,4 Liter Benzin pro 100 km. Zum Vergleich: Im selben Einsatzspektrum verbrauchen Kleinwagen von VW-Up-Größe wegen Kaltstartanfettung gemessen je nach Außentemperatur 10 - 20 Liter. Der Zoomer wiegt leer gute 80 kg. Damit stellt er selbst die windigeren Heckgaragen von Wohnmobilen vor keine Probleme. Er passt sogar in einen normalen Kombi, wenn man eine Schraube am Lenker löst.
Honda hat dieser Tage leider aufgehört, den Zoomer zu produzieren. Es gibt Leute, die sich deshalb welche auf Vorrat gekauft haben. Wer ein kleines, rollendes Metallregal mit Motor sucht, um Dinge von Tür zu Tür zu bringen, sollte seinen örtlichen Honda-Freundlichen zeitnah aufsuchen (UVP: 2350 Euro neu). Er findet auf der Probefahrt vielleicht unerwartet in der Schlichtheit der Konstruktion die einfachsten Freuden der Motormobilität wieder. (cgl)