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Gaia-X: Große US-Hyperscaler wollen in EU-Cloud kräftig mitmischen

Stefan Krempl

Anforderungen an Gaia-X.

(Bild: BMWI)

Vertreter von Amazon, Google, Microsoft & Co. versicherten auf dem Gaia-X-Gipfel, Prinzipien wie Datenschutz, Interoperabilität und Offenheit einzuhalten.

Gaia-X sollte eine interoperable europäische Alternative zu Cloud-Diensten von IT-Größen wie Amazon, Alibaba, Google oder Microsoft werden. Doch gerade die US-Amerikaner bekundeten größtenteils sogleich Interesse an einer Teilnahme und sind inzwischen alle zumindest als Partner und Mitglieder technischer Arbeitsgruppen an Bord.

Auf dem zweitätigen digitalen "Gaia-X Summit" [1] betonten alle Vertreter der US-Konzerne am Donnerstag, eine wichtige Rolle in der europäischen Cloud-Initiative spielen und Werte wie Datenschutz, Interoperabilität, Vertrauen, Transparenz und Offenheit mit einem klaren Bekenntnis zu freier Software voll unterstützen zu wollen.

"Wir glauben an Open Source und eine offene Cloud", unterstrich Wieland Holfelder, Leiter von Googles Münchner Entwicklungszentrum. Viele Kunden seien sehr besorgt über einen Lock-in-Effekt. Die Beteiligung an Gaia-X werde helfen, diese Ängste zu zerstreuen und die "nächste Generation der Dateninfrastruktur" zu errichten. Google werde dazu neben technischer Komponenten einfach umsetzbare Verhaltensnormen für die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO [2]) liefern. Um eine "vertrauenswürdige Datenverarbeitung" zu ermöglichen, könnten Kunden ihre kryptographischen Zugangscodes außerhalb der Cloud speichern. Auch im Interesse eines stärkeren Engagements bei Gaia-X habe der Konzern zudem eine Kooperation mit dem französischen Anbieter OVHcloud vereinbart.

Als "natürlichen Partner im Bereich digitaler Souveränität" empfahl Hillery Hunter, Cheftechnologin von IBMs Cloud-Sparte, ihr Unternehmen. Es investiere seit über 20 Jahren in Open Source und habe voriges Jahr den Pionier Red Hat übernommen. Für sie steht außer Frage: "Wir müssen die Interoperabilität sichern und Lock-in-Effekte vermeiden, um die exportorientierte europäische Wirtschaft zu unterstützen." Nutzer sollten "die vollständige Kontrolle über ihre Daten behalten".

Casper Klynge, "Außenminister" von Microsoft in Europa, bezeichnete Gaia-X als einen "Katalysator für eine wettbewerbsstarke europäische Wirtschaft". Microsoft setze seit Langem auf Partnerschaften mit lokalen Anbietern mit dem Austausch von Know-how und teile die Vision eines freien Datenflusses über Grenzen hinweg. Microsoft respektiere europäische Werte und Regeln und habe die DSGVO von Anfang an unterstützt.

Klynge kündigte zugleich im Lichte des "Schrems-II-Urteils" des Europäischen Gerichtshofs [3] erweiterte Schutzvorkehrungen für den Transfer von Daten in die USA an. Dabei werde es etwa darum gehen, auf rechtlichem Weg staatliche Ersuchen zur Informationsherausgabe zu hinterfragen.

Microsoft hatte voriges Jahr zunächst verhalten auf Wirtschaftsminister Peter Altmaiers Anregungen [4] für Gaia-X reagiert. Eine staatlich vorangetriebene Technik dauere zu lange [5] und werde am Markt nicht erfolgreich sein, wenn Nutzer mit Schwächen leben müssten. Im Januar bekundete Microsoft aber offiziell Interesse an einer Teilnahme [6].

Die Mitstreiter hätten noch viel Arbeit vor sich, gab Klynge zu bedenken. Potenzielle Nutzer verlangten neben Souveränität Zugriff auf die volle Palette an Cloud-Diensten auf dem Stand der Technik. Der Microsoft-Vertreter riet dazu, das Identitätsmanagement für Cloud-Plattformen zu dezentralisieren.

Ähnlich machte sich Max Peterson, Vertriebschef von Amazon Web Services (AWS) bei Gaia-X für "einen offenen Zugang zu den weltweit besten Technologien" stark. AWS biete hier höchste Standards für Datenschutz, IT-Sicherheit, Verfügbarkeit und Kosteneffizienz bei einfachen Authentisierungsmöglichkeiten. AWS werde 2022 und im Folgejahr Datenzentren in der Schweiz und Spanien eröffnen. Erklärtes Ziel sei es, von 2025 an klimaneutrale Technik einzusetzen.

OVHcloud-Chef Michel Paulin und Maximilian Ahrens, Cheftechnologe T-Systems International, bekräftigten, im Rahmen ihrer im September angekündigten Zusammenarbeit [7] Anfang 2021 die erste Cloud anzubieten, die "Gaia-X by Design" implementiere. Kunden könnten die grundlegende Stack-Technik [8] kontrollieren und würden nicht "in Haft" genommen. Aspekte wie Nachhaltigkeit und ID-Verwaltung für eine Multi-Cloud-Umgebung würden berücksichtig. "Wir entwickeln unsere eignen Server und Datenzentren", hob Paulin hervor. "So können wir die ganze Lieferkette kontrollieren."

Insgesamt haben mit den 22 Gründungspartnern [9] inzwischen über 150 Firmen und Organisationen aus der EU, den USA, Japan und weiteren Ländern bekundet, bei Gaia-X mitwirken zu wollen. Der Digitalbeauftragte des Bundeswirtschaftsministeriums, Thomas Jarzombek, erklärte, alle in dieser "europäischen und internationalen Gemeinschaft" wirkten daran mit, bestehende Cloud-Strukturen zu verbinden und die Datenverfügbarkeit zu erhöhen. Die vereinbarten Prinzipien seien dabei unumstößlich. Das Prestigeprojekt werde so die Basis der geplanten EU-Cloud-Föderation bilden.

Auf der Liste der Mitglieder in spe stehen laut dem Handelsblatt aber auch Namen, "die nicht so recht zur Rhetorik von den europäischen Werten passen": Dazu zählten etwa die Big-Data-Firma Palantir aus dem Silicon Valley, die eng mit Geheimdiensten wie der CIA und dem US-Militär kooperiert, sowie der chinesische Netzausrüster Huawei. Entscheiden muss nun der allein europäisch besetzte Verwaltungsrat der Gaia-X-Dachgesellschaft in Brüssel, die gerade gegründet wird.

Während die Formalien erledigt werden, kommt es für Jarzombek darauf an, "schnell Investitionen zu tätigen". Deutschland wolle aus dem Corona-Konjunkturprogramm zunächst 200 Millionen Euro in den Aufbau eines Nutzer-Hubs stecken. Einen offenen Standard für Datenräume entwickelt im Rahmen von Gaia-X die Vereinigung International Data Spaces [10].

Je mehr Unternehmen dabei seien, desto besser, meinte der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire. Nationale Hubs seien etwa auch in Frankreich fürs Firmennetzwerk Cigref, in Belgien, Italien und den Niederlanden geplant. Als Schlüsselprojekt werde die französische Regierung eine Plattform zum Teilen von Daten finanzieren. Die Bemühungen um souveräne Technik müssten insgesamt auf die europäische Ebene gehoben werden. Binnenmarkt-Kommissar Thierry Breton versicherte, dass die EU-Cloud-Föderation voll kompatibel zu Gaia-X sein werde.

Für die Gaia-X-Mitglieder sei es ausschlaggebend, "wie dieses Cloud-Ökosystem innovative Anwendungen befördert, die Hoheit über die eigenen Daten wahrt und damit das Ziel der Datensouveränität erreicht", unterstrich Susanne Dehmel vom IT-Verband Bitkom. Nötig sei auch ein einfacherer Zugang zu Daten der Verwaltung und essenzieller Betreiber etwa im Mobilitätsbereich, forderte Achim Wambach vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Nur so könne Gaia-X zur gemeinsamen Sprache und Infrastruktur digitaler Ökosysteme werden.

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(anw [12])


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[1] https://events.talque.com/gaia-x-summit/en/6iq6yI5LPSxaIRA6cmnq
[2] https://www.heise.de/thema/DSGVO#liste
[3] https://www.heise.de/news/EuGH-kippt-EU-US-Datenschutzvereinbarung-Privacy-Shield-4845204.html
[4] https://www.heise.de/news/Altmaier-praesentiert-Plaene-fuer-europaeisches-Cloud-Netzwerk-Gaia-X-4569820.html
[5] https://www.heise.de/news/Microsoft-Europaeische-Staats-Cloud-Gaia-X-wird-nicht-erfolgreich-sein-4570976.html
[6] https://www.heise.de/news/Gaia-X-Microsoft-will-jetzt-doch-bei-der-europaeischen-Cloud-mitmachen-4637365.html
[7] https://www.heise.de/news/Server-mit-Standort-Deutschland-T-Systems-arbeitet-mit-OVHcloud-an-der-EU-Cloud-4893016.html
[8] https://www.heise.de/news/Sovereign-Cloud-Stack-Auf-dem-Weg-zur-freien-europaeischen-Cloud-4839395.html
[9] https://www.heise.de/news/EU-Cloud-Gaia-X-macht-formelle-Fortschritte-4902245.html
[10] https://www.heise.de/news/Industrial-Data-Space-Fraunhofer-entwickelt-sicheren-Datenraum-3361495.html
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