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GM, Ford und Chrysler vor dem US-Senat

Gernot Goppelt

Während die Bereitschaft der US-Politik zu sinken scheint, die Automobilindustrie zu stützen, werden die Appelle der drei großen Hersteller an Politik und Öffentlichkeit dramatischer

Washington D. C. (USA), 19. November 2008 – Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung bahnt sich in den USA ein Machtkampf zwischen Demokraten und Republikanern an. Demnach haben die Demokraten ihre Pläne für ein 25-Milliaden-Dollar-Paket in den Senat eingebracht, wonach das Geld für GM, Ford und Chrysler aus dem Hilfsfond für den Finanzsektor abgezweigt werden soll. Das lehnen die Republikaner jedoch ab und verweisen auf ein bereits bestehendes Hilfsprogramm. Lobbyisten versuchen laut Bericht seit Wochen, dem Kongress „Nothilfen“ für die Automobilindustrie abzuringen.

Lähmungserscheinungen
Eine Pleite der „Big Three“ hätte katastrophale Folgen, behaupten diese, jeder zehnte Arbeitsplatz in den USA hänge an der Automobilindustrie. Ein neuer Kredit von 25 Milliarden Dollar sei notwendig, um die Liquiditätskrise zu überleben, sagte Chrysler-Vorstandschef Robert Nardelli am Dienstag vor einem US-Senatsausschuss, wo er und seine Kollegen von GM und Ford vorsprachen. „4,5 Millionen Menschen hängen von dieser Industrie ab. Ohne Unterstützung könnten fast drei Millionen von ihnen binnen zwölf Monaten ihren Job verlieren.“, sagt Nardelli und „eine Lähmung unserer Automobilindustrie würde die gesamte amerikanische Industrie ernsthaft schwächen, würde die Fähigkeit unserer Nation unterminieren, auf militärische Herausforderungen zu reagieren und unsere nationale Sicherheit bedrohen“.

GM, Ford und Chrysler vor dem US-Senat (0 Bilder) [1]

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Fakten und Fiktionen
Neben Nardelli traten auch Ford-Chef Alan Mulally und Rick Wagoner von GM beim amerikanischen Senat an, um die Politiker von der Notwendigkeit einer weiteren finanziellen Unterstützung zu überzeugen. Dass es sich hierbei um eine sorgfältig koordinierte Aktion handelt, zeigt auch die Internet-Seite „GM Facts and Fiction [3]“. Auf dieser Seite, die General Motors nach eigenem Bekunden am 5. September 2008 eingerichtet hat, will das Unternehmen „falsche Vorstellungen ausräumen, welche die Menschen über GM haben könnten“.

Derzeit ist dort ein YouTube-Video zu sehen, das die Forderungen von General Motors nach finanzieller Unterstützung öffentlichkeitswirksam unterstützen soll. Unterlegt mit dramaturgisch passender Musik wird dem Betrachter ein Schreckensszenario für den Fall nahegebracht, dass der Automobilindustrie das Geld ausgehen sollte. Am Ende steht das Statement „Uns kann jetzt mit 25 Milliarden Dollar geholfen werden, oder die Gesellschaft verliert in den nächsten drei Jahren 156,4 Milliarden durch geringere Steuereinnahmen, Arbeitslosigkeit und mangelnder Gesundheitsversorgung – rufen Sie Ihren Kongressabgeordneten an oder schreiben Sie ihm…“

Endloses Scheitern
In der Politik wird derweil mit zunehmender Härte Klartext gesprochen. So fragte der Republikaner Richard Shelby nach einem Bericht der Birmingham News: „Werden wir hier im Senat darum gebeten, eine stärkere und wettbewerbsfähigere Autoindustrie zu fördern, oder ein Scheitern im Markt endlos fortzusetzen?“ Später habe er bestätigt, dass seiner Meinung nach Zweiteres der Fall sei. Shelby ist Senator im Staat Alabama, wo unter anderen Honda, Hyundai und Mercedes-Benz eigene Fabriken unterhalten. Kein Wunder also, dass vereinzelt Zweifel an Senator Shelbys Motiven aufkommen und die Zeitung Huntsville Times heute die Frage stellt: „Würde jemand vom Niedergang der Big Three profitieren?“

Toyota-Modell
Die Meinungen zu dieser Frage gehen natürlich auseinander: So habe die Association of International Automobile Manufacturers (AIAM [4]) mitgeteilt, dass der Niedergang der amerikanschen Wirtschaft heimische und ausländische Autobauer in den USA getroffen habe, ebenso wie die Händler dieser Unternehmen. David Miller, ein Management-Professor an der Universität Alabama sei der Meinung, dass ein Scheitern der Big Three wahrscheinlich kleinere, sparsamere und schlankere Unternehmen nach sich ziehen würde. „Das wäre gut für uns, aber nicht notwendigerweise für unsere ausländischen Brüder“.

Wenn man das Scheitern von GM, Ford und Chrysler zulassen würde, würden sie wahrscheinlich dem „Toyota-Modell“ in der Produktion folgen, also die Arbeiter mehrfach qualifizieren, Fertigungsstraßen zusammenfassen und effizienter machen und gezwungenermaßen Produkte schneller auf den Markt bringen. Gary Chaison von der Clark University in Worcester, Massachusetts, meint dagegen, dass ein Bankrott der US-Autobauer ausländischen Herstellern im Süden der USA eine Menge Chancen eröffnen würde.

Rettungsmüdigkeit
Nach Meinung der kanadischen Zeitung Toronto Star sehen sich die Vertreter der Automobilindustrie zunehmend mit einer „Bailout Fatigue“ der Politiker konfrontiert, also einer Art Rettungsmüdigkeit, von der mittlerweile selbst die Demokraten erfasst seien, nachdem sie vor kaum zwei Monaten mit dem Gefühl den Bankenrettungsplan mitgetragen hatten, dass man ihnen eine Pistole an den Kopf halte. Der aus Connecticut stammende Demokrat Christopher Dodd sagte vor dem Senat, dass alle drei angetretenen Unternehmenschefs Unternehmen führten, die bisher keinerlei Visionskraft gezeigt hätten und wollte wissen, ob sie denn keine Fehler gemacht hätten. Chrysler-Chef Nardelli habe geantwortet: „Wir haben wohl den Fehler gemacht, auf Kunden zu reagieren, die größere und PS-stärkere Autos wollten … und wir sind diesem Bedarf hinterhergejagt.“

Zu viele Häuser, zu viele Autos
Peter Morici, ein Wirtschaftsprofessor aus Maryland, sagte gegenüber den Senatoren, dass die Automobilindustrie früher oder später eine schmerzhafte Restrukturierung wird durchlaufen müssen. „Amerika hat zu viele Autos, wie es zu viele Häuser hat“. Der republikanische Senator Shelby hat derweil auf dem Fernsehsender CBS konkretisiert, welche Maßnahmen er für richtig halten würde. Der Autoindustrie 25 Milliarden Dollar zuzugestehen, sei nicht mehr als eine lebenserhaltende Maßnahme. Den Bankrott zu erklären [5], könnte die bessere Wahl sein und „ich habe nicht den Eindruck, dass die Autohersteller vorhaben, ihr Geschäftsmodell zu ändern – welches ein gescheitertes Modell ist“. Der Autoindustrie könne nicht geholfen werden, solange nicht das Management ausgetauscht und das Produktionsmodell renoviert werde.

Geld gegen Verpflichtungserklärung
Es scheint so, als ob in den USA in diesen Tagen eine ähnliche Entwicklung stattfindet wie in Deutschland. Die Bereitschaft, gefährdete Autobauer finanziell zu unterstützen, sinkt offenbar, selbst unter den Demokraten mehren sich die Gegner. Die New York Times provozierte gestern mit einem Kommentar, der den Titel „Lasst Detroit bankrott gehen“ trug. Demnach wäre es in einem überwachten Konkurs möglich, dass die Regierung die Konkurrent- und Überlebensfähigkeit der Autobauer erneuern könnte, anstatt ihr Schicksal mit einem 25-Milliarden-Scheck zu besiegeln, der eigentlich kein wirklicher Rettungsplan ist. Autor des Kommentars war übrigens der ehemalige Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney. In den nächsten Tagen und Wochen werden wohl einige hinzukommen, die sich trauen, das Ungeheuerliche auszusprechen. (ggo [6])


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[3] http://gmfactsandfiction.com
[4] http://www.aiam.org/public/aiam/
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Chapter_11
[6] mailto:ggo@heise.de