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Fukushima: Strahlung doppelt so stark wie bisher bekannt

Julian BĂŒhler

Japans Atombehörde korrigiert Angaben zum Strahlungsaustritt bei Fukushima drastisch nach oben und gibt Kernschmelze in drei Reaktoren zu.

Wie Japans Atomaufsichtsbehörde am gestrigen Montag bekannt gab, geht man beim Reaktorunfall von Fukushima nun von einem radioaktiven Austritt von ĂŒber 770.000 Terabecquerel wĂ€hrend der ersten fĂŒnf Tage aus. Dies entspricht mehr als einer doppelt so hohen Menge als der bisher genannten Zahl von 370.000 Terabecquerel. Das Atomkraftwerk von Fukushima war am 11. MĂ€rz dieses Jahres von einem Erdbeben und anschließender Tsunami-Flutwelle erheblich zerstört worden.

In der Folge kam es in mehreren der insgesamt sechs Reaktoren zu StromausfĂ€llen und KĂŒhlproblemen. Wie von der Betreiberfirma Tepco [1] bereits im Mai angedeutet und von der Regierung nun bestĂ€tigt wurde, kam es dadurch bei den Reaktoren 1 bis 3 innerhalb weniger Stunden zu Kernschmelzen. Die Reaktoren 4 bis 6 waren wegen Wartungsarbeiten zum Zeitpunkt des UnglĂŒcks nicht in Betrieb. Mit dem neuen Informationsstand ist offiziell klargestellt, dass die Konstruktion der Anlage bereits mit dem Erdbeben [2] und nicht erst mit der Flutwelle ĂŒberfordert war.

Auch knapp drei Monate nach dem Ereignis gilt die Situation in dem japanischen AKW nicht unter Kontrolle [3]. AnfĂ€ngliche PlĂ€ne einen kontrollierten Zustand binnen sechs Monaten zu erreichen wurden mittlerweile aufgeweicht und auch die Perspektiven fĂŒr 2012 scheinen angesichts aktueller Messwerte wenig optimistisch. So hat ein Roboter in Reaktor 1 nun einen Strahlenwert von 4000 Millisievert pro Stunde gemessen und damit eine neue Höchstmarke gesetzt. Radioaktive Belastungen dieser GrĂ¶ĂŸenordnung sind fĂŒr Menschen absehbar tödlich und lassen kein direktes Arbeiten in den defekten Reaktoren zu, wĂ€hrend Roboter [4] auf Grund ihrer begrenzten Möglichkeiten auch nur teilweise weiterhelfen.

Die japanische Regierung denkt derweil ĂŒber eine Ausweitung der 20-Kilometer-Sperrzone um Fukushima nach. Die bisher maximal erlaubte Strahlenbelastung von 20 Millisievert pro Jahr fĂŒr einen Erwachsenen kann in den angrenzenden Gebieten sonst gegebenenfalls nicht gewĂ€hrleistet werden. Bei Schulkindern hatte sich die Regierung bereits starke Elternproteste mit einer Lösung der anderen Art eingehandelt: Anstatt SchulgebĂ€ude von kontaminierten Materialien zu befreien setzte sie einfach die zulĂ€ssigen Höchstwerte fĂŒr Kinder [5] um das 20fache nach oben.

Nach dem die Informationspolitik von Betreiberfirma und Regierung immer wieder heftig in der Kritik stand soll nun eine unabhĂ€ngige Expertengruppe fĂŒr weitere AufklĂ€rung sorgen. Das Akademikergremium, das sich heute zur ersten Sitzung in Tokio traf, wurde von Premierminister Naoto Kan einberufen, der zu einer vollstĂ€ndigen und unabhĂ€ngigen Untersuchung aller Ereignisse vor und nach der Katastrophe aufrief und seine Bereitschaft erklĂ€rte, selbst vor den Experten auszusagen. Mit einem Vorabbericht ist im Dezember, mit einem vollstĂ€ndigen Bericht bis Mitte des nĂ€chsten Jahres zu rechnen.

Siehe zum Erdbeben in Japan und der Entwicklung danach auch:

(jub [9])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-1256777

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.tepco.co.jp/en/index-e.html
[2] https://www.heise.de/news/Tepco-Brennstaebe-waren-kurz-nach-Erdbeben-geschmolzen-1243169.html
[3] https://www.heise.de/hintergrund/Es-wird-praktisch-permanent-Radioaktivitaet-freigesetzt-1242179.html
[4] https://www.heise.de/news/Atomkatastrophe-in-Japan-Verseuchte-Truemmer-und-radioaktives-Wasser-behindern-Arbeiten-1235103.html
[5] http://www.nytimes.com/2011/06/07/business/energy-environment/07radiation.html?ref=asia
[6] http://www.heise.de/tr/artikel/Dossier-Der-GAU-in-Japan-und-die-Debatte-um-die-Kernenergie-1211910.html
[7] http://www.heise.de/tr/artikel/Der-Alptraum-von-Fukushima-1207205.html?artikelseite=2
[8] http://www.heise.de/newsticker/meldung/Erdbeben-und-Tsunami-in-Japan-11-Update-1205969.html
[9] mailto:jub@heise.de