Freihandelsabkommen mit Kanada: Route zur CETA-Ratifizierung bleibt kurvenreich
(Bild: uroparl.europa.eu, Archivbild)
CETA ist zwischen Kanada und der EU ausverhandelt, aber im Europaparlament herrscht noch keine Einigkeit, wie schnell das Abkommen ratifiziert werden kann.
Unter dem Eindruck der US-Wahl hat der Handelsausschuss des EuropĂ€ischen Parlaments am Donnerstag die Schritte zur Ratifizierung des Freihandelsabkommens Comprehensive Economy and Trade Agreement (CETA) debattiert. Mit insgesamt 39 ZusatzerklĂ€rungen [1] und mehreren Gerichtsverfahren voraus bleibt die Route kurvenreich. CETA-BefĂŒrworter und -Kritiker diskutierten auĂerdem, welche Lehren aus dem Beinahe-Scheitern des Handelsabkommens mit Kanada fĂŒr die kĂŒnftige Handelspolitik der Gemeinschaft zu ziehen sind.
"Nordkoreanische VerhÀltnisse"
So schnell wie möglich will der Berichterstatter im EuropĂ€ischen Parlament, Artis Pabriks, frĂŒher lettischer AuĂen- und Verteidigungsminister, den Deal im Parlament besiegeln. Seine Fraktion, die EuropĂ€ische Volkspartei (EVP) kritisierte diejenigen, die weiter Bedenken anmelden scharf.
Nordkoreanische VerhĂ€ltnisse beschwor Daniel Caspary (EVP) herauf, wenn der Freihandel einfach gestoppt wĂŒrde. Parteikollege Christopher Fjellner Ă€tzte, die von den Kritikern immer wieder vorgebrachten Fragen seien lĂ€ngst im Abkokmmen beantwortet, und mit der ZusatzerklĂ€rung gebe es nun auch noch "ein CETA fĂŒr Dummies".
Ganz so einfach sei es nicht, wandten Sozialdemokraten, GrĂŒne und Linke ein. Was bedeuten die zahlreichen, teils von einzelnen Regierungen dem Vertrag angehĂ€ngten ZusatzerklĂ€rungen? Können die Abgeordneten abstimmen, bevor der EuropĂ€ische Gerichtshof und das deutsche Verfassungsgericht ihre Entscheidungen zu Kompetenz- und substanziellen Fragen gefĂ€llt haben? Welche Teile unterfallen nun tatsĂ€chlich der EU-Kompetenz und treten so mit der Verabschiedung durch das Parlament sofort in Kraft? Gleich mehrere Abgeordnete so wie der Chef des Handelsausschusses, Bernd Lange (S&D), kritisierten ĂŒberdies, das Parlament sei bei dem am Ende erzwungenen Abschluss ĂŒbergangen worden.
ErklÀrungen zu ZusatzerklÀrungen
Chef-UnterhĂ€ndler Mauro Petriccione bemĂŒhte sich, den Weg zur Ratifizierung einfach erscheinen zu lassen. Die von der Kommission und Kanada gemeinsam erarbeitete interpretative ZusatzerklĂ€rung binde beide Seiten. Die ZusatzerklĂ€rungen einzelner Mitgliedsstaaten, etwa Deutschland und Ăsterreichs, seien unproblematisch. Denn sie hĂ€tten teils Rechte reklamiert, die ohnehin schon bestĂŒnden, beispielsweise das RĂŒckzugsrecht. Könne ein Land wegen einem höchstrichterlichen Urteil oder einem Parlamentsbeschluss also nicht ratifizieren, dann könne es zwar nicht einfach selbst wieder "austreten". Aber die Notifizierung der Kommission setze ein Verfahren der EU-Organe in Gang. Allerdings: Was dann genau passiert, sei nicht so ganz klar, rĂ€umte Petriccione ein.
Manch ein Problem hofft die Kommission schlieĂlich durch Zeitverzug elegant zu umschiffen. Entscheidungen des umstrittenen gemischten Ausschusses etwa seien in den ersten Monaten nach Inkrafttreten noch nicht notwendig. Das Bundesverfassungsgericht hat also noch Zeit fĂŒr sein Urteil, bevor es Ernst wird. Und ob Belgien am Ende das noch zu konkretisierende neue System fĂŒr Investorenschiedsgerichte in Luxemburg ĂŒberprĂŒfen lasse, werde man dann sehen. Das beim EuropĂ€ischen Gerichtshof noch anhĂ€ngige Verfahren zur Kompetenzfrage bei den FTAs habe jedenfalls auf CETA keinen Einfluss mehr, weil die gemischte nationale und EU-ZustĂ€ndigkeit festgeschrieben sei.
Zukunft der Handelspolitik
Neben den Detailfragen zur mehr oder weniger schnellen CETA-Ratifizierung verlangen viele Abgeordnete, Lehren aus dem Beinahe-Scheitern zu ziehen. Angesichts der Wahl von Donald Trump, der klar protektionistische Töne im Wahlkampf angeschlagen hatte, sollte die EU Flagge zeigen bei der "Gestaltung der Globalisierung". Eine starke Vorreiterrolle der EU wĂŒnschte sich am "Trade Policy Day [2]" im Ausschuss auch der Vize-Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO) Karl Brauner. CETA, findet er, sei ein gutes Beispiel fĂŒr eine "Werte-orientierte" handelspolitische Agenda.
GrĂŒne und Linke sehen dagegen den massiven Widerstand in der Ăffentlichkeit als ultimative Aufforderung, handelspolitische Dogmen endlich grundsĂ€tzlich auf den PrĂŒfstand zu stellen. Eine offenere Auseinandersetzung mit der Frage, wer durch die Abkommen gewinnt und wer verliert, sei ĂŒberfĂ€llig, meinen sie, genauso wie ein Dialog darĂŒber, was alles in die VertrĂ€ge gehört. LĂ€ngst stecke darin mehr als Handelspolitik.
Die erste der 39 CETA-ZusatzerklĂ€rungen ist ein gutes Beispiel. Darin stellt der EU-Rat fest, dass die strafrechtliche Verfolgung von UrheberrechtssĂŒndern, der man in CETA zugestimmt habe, kein PrĂ€zedenzfall fĂŒr kĂŒnftige Abkommen darstellen soll. (anw [3])
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[1] http://www.emeeting.europarl.europa.eu/committees/download.do?docUrl=http%3A%2F%2Fwww.europarl.europa.eu%2Fmeetdocs%2F2014_2019%2Fplmrep%2FCOMMITTEES%2FINTA%2FDV%2F2016%2F11-09%2FStatementsCouncil_EN.pdf
[2] http://www.polcms.europarl.europa.eu/cmsdata/upload/1d2e031f-7161-44ee-8878-572715d2df28/trade-policy-day-draft-programme-1107992EN.pdf
[3] mailto:anw@heise.de
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