Frauen haben kurze Beine
Der häufigste Fall in der Leserinnenseelsorge ist eine wahrgenommene Kurzbeinigkeit, die in den Wunsch eines niedrigen Sitzes mündet. Solchen Damen empfiehlt man am besten, außerdem aufs Gewicht zu achten
Einen Teil der täglichen Schreibzeit verbringe ich mit Leserseelsorge, meistens in Beantwortung der Frage: "Welches Motorrad soll ich mir kaufen?" Männern empfehle ich meistens das, was sie sich eh am meisten wünschen, die suchen im Regelfall nur ein bisschen Zuspruch. Den rund 15 Prozent Frauen unter den Motorradfahrern empfehle ich mittlerweile dagegen nicht das, was sie sich selber ausgesucht haben, weil sie ein paar wichtige Parameter einfach nicht auf dem Schirm haben, die ihnen ihr Motorraderlebnis nachhaltig vermiesen können. Die meisten dieser Parameter resultieren daraus, dass es sich für keinen Hersteller lohnt, für den Zielgruppenteil, der geschätzt unter 5 Prozent des Umsatzes ausmacht, nennenswerte Kompromisse einzugehen. Deshalb gibt es die Standard-Problempunkte Sitzhöhe und Gewicht.
Die Sitzhöhe haben die meisten Mädels sofort auf dem Schirm, wenn sie das erste Mal überhaupt auf ein stehendes Kraftrad aufsitzen. Das menschliche Grundbedürfnis nach Sicherheit ist bei Frauen im Schnitt stärker ausgeprägt als bei Männern, und ein fester Stand sorgt für ein ruhiges Gemüt an der Ampel. Wir Männer verdrehen da immer gern die Augen: "Oh Mann! Der Sitz mag etwas höher sein, aber das Motorrad fährt ja auch so viel besser!" Das ist zu egozentrisch. Für einen Mathematiker ist es auch unverständlich, wieso nicht alle Menschen Matrizentransformationen extrem lustig und einfach verständlich finden. Es geht beim sicher Stehen um das vielzitierte "gute Gefühl", ohne das Fahrer eines Motorrads weder gut noch sicher fahren. Deshalb erfreuen sich abscheuliche Geschwüre wie eine Yamaha Virago ("Mannweib") unter Frauen solcher Beliebtheit: Der Sitz liegt auf der Höhe eines komfortablen Klos.
Frauen haben kurze Beine (4 Bilder)

Schmaler Fuß auf Suzuki SV 650. Das ist ein hervorragender Allrounder, den es zu einem guten Preis gibt. Aber wer weiblich ist und die Wahl hat, sollte leichter kaufen.
Das Gewicht jedoch haben Frauen schon sehr viel seltener auf dem Schirm, weil ihnen in der Fahrschule Senkbleie wie eine Honda CBF 600 gern als alternativlos dargestellt werden oder der Fahrlehrer aufgrund seiner doppelten Muskelmasse gute 220 kg für nicht der Erwähnung wert hält. Diese 600er punktet mit der Honda-Tugend guter Ergonomie, deshalb fallen die Pfunde zunächst weniger stark auf. Irgendwann jedoch kommt jemand auf einem Motorradtraining zu solchen Damen und setzt sie auf Dinge, die 20 bis 60 kg leichter sind. Danach geht eine CBF einfach nicht mehr. Auch hier punkten Chromgeschwüre, denn sie sind zwar sehr schwer, aber ihr Gewicht liegt tief unten, sodass sie oben um die Rollachse gut bewegt werden können. Harley veranstaltet extra deswegen Frauen-Trainings, an denen Interessentinnen Harleys auf- und abstellen können, um sich davon zu überzeugen, dass sie so einen Eisenhaufen tatsächlich vom Ständer bringen. Der große Nachteil des für ein Einspurfahrzeug zu tiefen Schwerpunkts solcher Stehaufmännchen-Gewichtsverteilung fällt für Freunde des Geschwürs nicht weiter ins Gewicht, weil ihnen Handling egal bis suspekt ist.
Am besten ist natürlich, ein kleines, aber gut fahrbares Motorrad zu besitzen. Das Problem ist, dass Frauen diese Fahrzeuge viel zu selten empfohlen werden, weil sie ihre Empfehlungen meistens von uns, den Männern erhalten, und wir Tackerer mit unter 500 ccm nicht als Motorräder speichern. Jüngst gab es glücklicherweise große Presse für die KTM 390 Duke, etwas kleinere Presse für die Kawasaki Ninja 300. Sie wiegen 152 kg und 177 kg vollgetankt. Ja, das ist vor allem bei der Kawa immer noch zu viel, es ist aber Welten besser als die restlichen verfügbaren Kandidaten.
Mit 44 (KTM) und 39 (Kawa) PS schauen solche Kräder auf dem Papier erstmal langsam aus, wenig spaßig. Diese Zahlen sind in der Realität jedoch irrelevant. Studien mit Sensoren am Gasgriff zeigen, dass in der geschlechtsübergreifenden Gesamtpopulation fast ausschließlich im Bereich < 30 Prozent Drosselklappenöffnung gefahren wird. Bei Frauen liegt der Betrag real genutzter Kilowatt noch einmal deutlich niedriger als beim Gesamtschnitt. Es geht hier ja nicht um Nina Prinz oder Elena Myers (denn denen ist die Sitzhöhe nur in Sachen Handling wichtig), sondern es geht um Helga Normalverbraucherin. Die meisten normalen Mädels fahren einfach recht gemächlich Motorrad, und deshalb macht sie ein solches Motorrad mitnichten langsamer, sondern schneller – einfach, weil sie besser damit zurechtkommen. Ein Mann, der seiner selbst fahrenden Freundin ein schlecht passendes Motorrad aufschwatzt, schneidet sich ins eigene Fleisch. Je blöder die Empfehlung, umso länger muss er an Kreuzungen warten. Gottes gerechte Strafe.
Gestern erhielt ich wieder eine Anfrage zum richtigen Motorrad mit dem Anfang "Ich bin eine kurzbeinige Frau ...". Sie kannte die genannten Kleinen, hielt aber an den Empfehlungen ihres Mannes fest, der ihr eine "Reisemaschine" empfahl, weil er selber eine GS fährt. Ich verstehe den Gedanken nicht ganz. Ist eine halbverkleidete Honda reisetauglicher als eine vollverkleidete Kawa, nur weil sie mehr Gewicht hat? Hat Einstein etwas Kluges zum Einfluss einer relativ bewegten Masse auf das Reiseglück geschrieben, das ich nur noch nicht gelesen habe? Zum Glück gibt es eine Standardantwort auf "berate mich, aber erzähl mir nix Neues": Mach deine eigenen Erfahrungen. Und wenn dein Mann unrecht hatte, zögere nicht, ihm die verdiente Strafe Gottes aufzuerlegen. Ganz harten Fällen kann man durchaus das Senkblei sanft auf den Fuß kippen. Und werte Herren: Beim Motorrad sollte man es ruhig einmal wagen, die Liebste aufs Gewicht anzusprechen. (cgl)