Ford verlässt Joint-Venture für Brennstoffzellen-Autos Nucellsys
Köln/Stuttgart, 23. Juni 2009 – Ford hat seinen 50-Prozent-Anteil an dem bisher gemeinsam mit Daimler betriebenen Joint-Venture Nucellsys [1] an den Stuttgarter Konzern verkauft. Der Verkauf sei bereits zum 1. Mai erfolgt, sagte Ford-Sprecherin Monika Wagener gegenüber dpa und bestätigte damit einen Bericht der Stuttgarter Nachrichten vom heutigen Dienstag.
Nucellsys beschäftigt am Standort Kirchheim-Nabern nahe Stuttgart derzeit 204 Mitarbeiter. Die Unternehmensgeschichte [2] reicht in die 1990er Jahre zurück: Aus der Zusammenarbeit der damaligen Daimler-Benz AG mit dem nordmerikanischen Brennstoffzellen-Spezialisten Ballard Power Systems war 1997 zunächst die dbb fuel cell engines entstanden, 1998 trat Ford der Allianz bei, 2005 schließlich entstand die heutige Nucellsys GmbH mit den Gesellschaftern Ford und Daimler.
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Knapper werdende Etats infolge Absatzkrise
Der Ausstieg von Ford hat zum einen wirtschaftliche Gründe: Zwar ist der Ford Motor Company anders als ihre US-Wettberwerber Chrysler und GM bisher einem Insolvenzverfahren entgangen, doch schreibt das Unternehmen infolge der Absatzkrise in den USA Rekordverluste. "Wir betreiben die Brennstoffzellen-Forschung zwar weiter, aber sie ist doch sehr langfristig ausgelegt und wir wollen unsere Ressourcen doch stärker konzentrieren auf zeitnahere Technologien", erläuterte die Sprecherin des Europäischen Ford-Forschungszentrums. Dazu zählten Elektroantrieb, Hybridtechnologie und die Verbesserung des Verbrennungsmotors.
Ford verlässt Joint-Venture für Brennstoffzellen-Autos Nucellsys
Zweifel an baldiger Marktreife der Brennstoffzelle
Zum anderen dürften sich bei Ford die Stimmen durchgesetzt haben, die eine baldige Marktreife für Brennstoffzellenautos für unrealistisch halten. Das von einigen Experten prognostizierte flächendeckende Netz von Wasserstofftankstellen in fünf bis sieben Jahren hält Ford für nicht machbar, heißt es im Bericht [5] der Stuttgarter Nachrichten. Vor 2025 bis 2030 werde der Brennstoffzellenantrieb demnach keinen signifikanten Marktanteil haben. Auch der Automobilzulieferer Bosch zeigt sich gegenüber der Technologie zunehmend skeptisch: "Dass die Brennstoffzelle kommt, halte ich nicht für unmöglich – aber nur wenn man bei der Batterietechnologie nicht vorankommt", zitiert die Zeitung den Vorsitzenden des Bosch-Unternehmensbereichs Kraftfahrzeugtechnik, Bernd Bohr. Ein wesentliches Hindernis sei der Transport des für die Brennstoffzelle erforderlichen Wasserstoffs. Auch zeichnet sich – abgesehen von wenigen H2-Zapfstellen in Regionen, in denen kleinere Versuchsflotten mit Brennstoffzelle unterwegs sind –, bis dato keine Lösung des Henne-Ei-Problems [6] ab, wer zu Investitionen in eine flächendeckende Waserstoff-Versorgung bereit ist, ohne dass eine entsprechende Kundennachfrage in Sicht ist.
Daimler hält an Plänen für eine Kleinserie fest
Daimler hingegen hält dem Bericht zufolge hingegen an seinem Ziel fest, von 2010 an eine Kleinserie der Mercedes-Benz-B-Klasse mit einem weiterentwickelten Brennstoffzellenantrieb aufzulegen. Die "F-Cell" (für fuel cell) getaufte Variante mit der nächsten Generation des Brennstoffzellenantriebs zu produzieren. Diese Fahrzeuge sollen sich dadurch auszeichen, dass sie auch bei Minusgraden [7] betrieben werden können. Da die Brennstoffzelle selbst nur in einem eingeschränkten Temperaturfenster arbeitet, mussten die Techniker einigen Aufwand betreiben, damit sie bei einer Außentemperatur von minus 25 Grad Celsius zuverlässing funktioniert.
Ford verlässt Joint-Venture für Brennstoffzellen-Autos Nucellsys
Kritik an geplantem Stellenabbau
Auf Kritik seitens der Gewerkschaften stieß die Absicht von Daimler, 65 der 204 Stellen bei Nucellsys "sozialverträglich" abzubauen, weil Ford seit dem Ausstieg aus dem Joint-Venture keinen Beitrag mehr zu den Entwicklungskosten leiste. Ein Vertreter der örtlichen IG Metall warf der Daimler-Konzernleitung laut Zeitungsbericht "unverständlichen Sparwahn" vor. Mit dem Sparprogramm bei Nucellsys ließen sich die Ziele, die sich Daimler in Sachen Brennstoffzelle gesteckt habe, nicht verwirklichen, erklärte Bender.
Ein Daimler-Sprecher betonte gegenüber heise Autos, dass der Konzern seine Mittel für Nucellsys nicht kürzen werde. Von den Stellenstreichungen betroffen seien administrative Bereichen wie Controlling, Buchhaltung und Einkauf, die durch die Anbindung der Firma an den Mutterkonzern überflüssig würden. Bis August sollten gemeinsam mit den Nucellsys-Betriebsrat Lösungen gefunden werden. Außerdem falle mit dem Ausstieg von Ford die Anpassung der Brennstoffzellensysteme an die Modelle von Ford weg, ergänzte der Sprecher. Die Entwicklungsumfänge von Daimler seien aber nicht betroffen. In welchem Umfang künftig wegen des Ausstiegs von Ford Synergieeffekte wegfallen, konnte der Daimler-Sprecher nicht beziffern. (ssu [8])
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[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/4715779.html?back=456205;back=456205
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/4715779.html?back=456205;back=456205
[5] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/stn/page/2100997_0_3270_-automobil-daimler-kuerzt-bei-brennstoffzellen-projekt.html
[6] https://www.heise.de/news/Wann-kommt-die-Infrastruktur-fuer-Elektrofahrzeuge-455775.html
[7] https://www.heise.de/news/Brennstoffzellenauto-im-Kaeltetest-Mercedes-B-Klasse-F-Cell-445519.html
[8] mailto:ssu@ct.de
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