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Reflecta 10T: 137 Megapixel aus Kleinbild-Dias 29 Kommentare

Sascha Steinhoff

Mit dem neuen Filmscanner 10T bricht Reflecta zumindest auf dem Papier alle Auflösungsrekorde. Die optische Auflösung von satten 10.000 spi ist ein Spitzenwert, den nicht einmal sündteure Trommelscanner toppen können. Wir haben nachgeprüft, ob der Reflecta 10T hält, was seine Eckdaten versprechen.

In c't Digitale Fotografie 03/2014 [1] hatten wir einen umfangreichen Vergleichstest von Filmscannern [2]. Mit dabei war der Reflecta ProScan 7200 [3], der auch recht gut abgeschnitten hatte. Für dieses Modell präsentierte Reflecta wenig später mit dem Reflecta ProScan 10T [4] einen Nachfolger. Die technischen Daten des 10T sind spektakulär. Verglichen mit dem Vorgänger steigt die optische Auflösung von nominell 3600 spi auf 10.000 spi. Zum Vergleich: Ein Kleinbildscan mit voller Auflösung hat dann eine Auflösung von rund 137 Megapixeln. Der ProScan 10T ist damit zumindest auf dem Papier der Filmscanner mit der aktuell höchsten Auflösung auf dem Markt. Wenn die Gerüchte stimmen, wird es demnächst von Reflecta möglicherweise einen weiteren Filmscanner mit 10.000 spi [5] geben.

Reflecta ProScan 10T: Filmscanner mit 10.000 spi Rekordauflösung (0 Bilder) [6]

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Optisch unterscheiden sich der 10T und sein Vorgänger nur durch die auf dem Plastikgehäuse aufgedruckte Typenbezeichnung. Die Haptik des Geräts ist einfach, optisch erinnert es an eine etwas zu groß geratene Butterbrotdose. Der Straßenpreis für den 10T liegt derzeit bei nur rund 400 Euro und da sind die Scansoftware und Adobe Photoshop Elements 12 auch schon inklusive. Für ambitionierte Anwender ist die mitgelieferte Scansoftware Cyberview X allerdings weniger geeignet. Sie bietet eher rudimentäre Funktionen. Scannen macht damit wenig Spass. Wir haben den 10T daher zusätzlich unter SilverFast 8 [8] getestet. Unter SilverFast 8 kann man im Gegensatz zu Cyberview X den Scanner per IT8-Target individuell kalibrieren. Dieser Aufwand lohnt sich, denn die Scans von Cyberview X sind stark farbstichtig. Mit SilverFast ist die Farbdarstellung des 10T sichtbar besser. Im Bundle mit dem Scanner kostet die Vollversion SilverFast Ai allerdings rund 250 Euro Aufpreis.

Zum Scannen legt man die Dias oder Negative in die mitgelieferten Plastik-Filmhalter ein. Sowohl der Filmstreifenhalter, als auch der Diahalter sind nur für Kleinbildvorlagen geeignet. Andere Formate kann der 10T nicht verarbeiten. Mangels motorischem Filmtransport schiebt man zwischen den Scans den Halter einfach zum nächsten Bild. Diese Lösung ist nicht sonderlich elegant, aber in der Praxis völlig ausreichend und zudem fehlerunanfällig. Eine brauchbare Stapelverarbeitung ist mit diesem Ansatz natürlich nicht möglich, der Scanner braucht also immer menschliche Zuwendung. Wer die Rekordauflösung von 10.000 spi [9] ausnutzt, produziert entsprechend riesige Scandateien. Ein Kleinbilddia als 48-Bit-TIFF liegt dann bei ungefähr 750 Megabyte. Wer 64-Bit-Rohdaten inklusive Infrarotkanal speichert, wie beispielsweise HDRi-Daten bei SilverFast [10], knackt auch schon mal die Gigabyte-Grenze. Wohlgemerkt, hier geht es nur um den Speicherplatzbedarf für die fertige Datei eines einzelnen Kleinbildscans!

Bei diesem Scanner empfiehlt sich also reichlich Arbeitsspeicher. Funktionen wie Mehrfachscans oder Multiple-Exposure belegen den internen Speicher ja noch in weit größerem Maße. Unser Testrechner war ein i7 4770 mit 16 GByte RAM, also ein schneller aktueller Desktoprechner. Mit Scans mit 2500 spi Auflösung forderten wir ihn prozessorseitig kaum, auch 5000 spi Scans waren keine größere Herausforderung. Die riesigen Dateien bei einem 10.000 spi Scan lasteten den Rechner jedoch für längere Zeit fast komplett aus. Die Screenshots mit den Prozessorauslastungen finden Sie in der Bildergalerie. Mit zukünftigen schnelleren Rechnergenerationen wird der 10T also etwas flotter arbeiten, bei 10.000 spi ist derzeit die Rechnergeschwindikeit der Flaschenhals.

Ein Scan mit voller Auflösung und zugeschalteter Infrarot-Kratzerkorrektur braucht unter Cyberview X 6 Minuten und 22 Sekunden. Mit SilverFast 8 arbeitet der Scanner zumindest bei hohen Auflösungen etwas flotter und blieb bei 10.000 spi dann bei unter 5 Minuten. Für einen einzelnen Scan ist das natürlich immer noch recht lang, zumal der 10T die Dias ja zwischen den Scans nicht selbstständig weitertransportieren kann. Wenn man die Auflösung reduziert, arbeitet der Scanner deutlich schneller. Man kann zwar jede beliebige Auflösung einstellen, sinnvoll sind allerdings nur Werte, durch die sich die maximale Auflösung ohne Rest [11] teilen lässt. Beim 10T sind die nächstkleineren Werte also 5000 spi und 2500 spi.

Die Staub- und Kratzerentfernung ist bei Filmscannern oft problematisch. Die per Infrarotkanal ermittelten Daten müssen deckungsgleich mit dem eigentlichen Scan sein, um ein gutes Korrekturgebnis zu gewährleisten. Hier schneidet der 10T genauso gut ab wie sein Vorgänger, die Korrekturqualität überzeugt. Bei geometrischen Formen wie beispielsweise Teststernen kann das in SilverFast implementierte Korrekturverfahren iSRD auch starke Artefakte erzeugen, aber das kann man dem Scanner nicht anlasten. Bei normalen Motiven, sind uns keine Artefakte aufgefallen, hier hat das Korrekturverfahren iSRD eine sichtbare Bildverbesserung bewirkt.

Sichtbare Artefakte gab es hingegen bei einigen Testdias, die am rechten Rand einen gleichförmigen farbigen Streifen erzeugten. Das können Sie in unserer Bildergalerie sehen. Laut Reflecta ist die Ursache hierfür Staub oder Schmutz im Kalibrierungsrahmen. Als Anwender muss man dann den Scanner zum Service schicken, die Reinigung in Eigenregie empfiehlt Reflecta nicht.

Den spannendsten Aspekt des 10T, also seine hohe Auflösung, haben wir natürlich auch untersucht. Als Testverfahren haben wir die Schärfebestimmung mit einem USAF 1951 Testtarget vorgenommen. Die Entscheidung, ob eine bestimmte Auflösungsstufe gerade noch erreicht oder schon knapp verfehlt wurde, muss subjektiv getroffen werden. Absolut genau ist das Verfahren also nicht, es gibt aber einen guten Anhaltspunkt wie ein Scanner einzuordnen ist. Weil der Scanner, wie in diesem Preisbereich inzwischen leider üblich, keinen Autofokus hat, kann die erzielbare Auflösung von Dia zu Dia variieren. Durch unterschiedlichen Rahmendicken und Filmwölbungen sind ohne Autofokus Abweichungen vorprogrammiert.

Die im Datenblatt des Reflecta 10T angegebenen 10.000 spi sind keine interpolierte [12], also keine künstlich hochgerechnete Auflösung. Es handelt sich vielmehr um die nominelle optische Auflösung, also um die Auflösung, mit der der Scanner die Vorlage tatsächlich abtastet. Mit der effektiven Auslösung, also der Auflösung die der Scanner dann tatsächlich erreicht, stimmt dieser Wert aber nicht zwingend überein. Der Vorgänger ProScan 7200 hatte bei einer nominellen Auflösung von 3600 spi noch eine effektive Auflösung von 2597 spi. Hier klafften die angegebenen Leistungsdaten und der tatsächlich erreichte Wert also nicht allzuweit auseinander. Beim Reflecta 10T ist das anders. Die nominelle Auflösung von 10.000 spi verfehlte unser Scanner recht deutlich, wir maßen 3649 spi bei voller Auflösung. Verglichen mit dem Vorgänger hat sich die Auflösung also beachtlich verbessert.

Der Preis, den man dafür zahlt, ist aber sehr hoch. Man muss unnötig aufgeblähte Riesendateien erzeugen. Die kann man nachträglich per Photoshop zwar wieder herunterrechnen, die langen Scanzeiten bei 10.000 spi sind aber ein echtes Ärgernis. Deutlich flotter arbeitet der Scanner bei 5000 spi, allerdings liegt hier die effektive Auflösung mit 3251 spi ein wenig niedriger. Beim Scan mit 2500 spi entspricht die effektive Auflösung mit 2299 spi beinahe dem nominellen Wert.

Beim Vorgängermodell Reflecta ProScan 7200 hatte Reflecta nur in der Typenbezeichnung Pixelhuberei betrieben. Die tatsächliche Auflösung des ProScan 7200 (2597 spi) war ja gar nicht so weit von der nominellen Auflösung (3600 spi) entfernt. Diese sinnvolle Strategie hat Reflecta nun leider zugunsten eines kruden Marketing-Gags aufgegeben. So löblich das verbesserte Auflösungsvermögen des 10T ist, in der Praxis erreicht der Scanner nur rund ein Drittel seiner Nominalauflösung. Die beworbenen 10.000 spi sind ähnlich hanebüchen wie die Werte, die viele Hersteller von Flachbettscannern auf ihre Kartons drucken.

Wer nicht auf der Suche nach maximaler Leistung ist, kann mit dem Reflecta 10T aber auch ganz entspannt arbeiten: Einfach mit 2500 spi scannen. Diese Auflösung reicht für die allermeisten Vorlagen völlig aus, der Scanner arbeitet flott und aufwendige nachträgliche Skalierungen sind auch überflüssig. Verglichen mit dem Vorgängermodell, wo man für eine vergleichbare Auflösung noch 3600 spi in der Software einstellen musste, ist das ein großer Fortschritt. (sts [13])


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[3] https://reflecta.de/de/products/detail/~id.423/Film-und-Diascanner-reflecta-ProScan-7200.html
[4] https://reflecta.de/de/products/detail/~id.734/reflecta-ProScan-10T.html
[5] https://www.heise.de/news/Geruecht-Zweiter-10-000-spi-Filmscanner-von-Reflecta-2281750.html
[6] https://www.heise.de/bilderstrecke/1289379.html?back=2293307;back=2293307
[7] https://www.heise.de/bilderstrecke/1289379.html?back=2293307;back=2293307
[8] http://www.silverfast.com/de/
[9] http://scanmagazin.org/scan-faq/basiswissen/einheit-fuer-die-aufloesung-dpi-ppi-spi-oder-lpi.html
[10] http://www.silverfast.com/show/silverfast-hdr/de.html
[11] http://www.copyshop-tips.de/scan05.php
[12] http://www.copyshop-tips.de/scan04.php
[13] mailto:sts@heise.de