Filmindustrie mustert mobile GefÀngniszelle aus
Die vor zwei Jahren gestartete Aktion "Probesitzen im Knast" der Kampagne "Raubkopierer sind Verbrecher" lÀuft auf der IFA zum letzten Mal. Dort ist auch der CCC vertreten, der gegen Kopierschutz demonstriert.
Die vor zwei Jahren gestartete [1] Aktion "Probesitzen im Knast" der Kampagne "Raubkopierer sind Verbrecher [2]" der Filmindustrie lĂ€uft auf der diesjĂ€hrigen IFA in Berlin zum letzten Mal. Die mobile GefĂ€ngniszelle sei "sehr auffĂ€llig gewesen und habe ihren Zweck erfĂŒllt", berichtete Jan Oesterlin, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Zukunft Kino Marketing GmbH (ZKM), am heutigen Freitag im GesprĂ€ch mit heise online. Die Kampagne mĂŒsse aber weiter entwickelt werden und neue Akzente setzen. Die am Vormittag nur von zwei Interessenten besuchte Zelle, in der es bei Dauerregen im FreigelĂ€nde auf dem MessegelĂ€nde unter Funkturm bereits spĂŒrbar von der Holzdecke tropfte, habe ausgedient.
UnzĂ€hlige Menschen hĂ€tten sich mit den GefĂ€ngniswĂ€chtern in Fantasie-Uniformen fotografieren lassen, feierte Oesterlin den Erfolg von "Knast on Tour". Die Zelle sei ein gutes Hilfsmittel gewesen, um mit der Zielgruppe in Kontakt zu treten. Allein auf der Games Convention in Leipzig vergangene Woche hĂ€tten rund 800 Besucher am Gewinnspiel der Kampagne teilgenommen, bei dem unter anderem "Original-DVDs" und Kinotickets verlost werden. Doch jetzt passe der mobile Knast nicht mehr "zur neuen TonalitĂ€t" der Initiative. Die ZKM will kĂŒnftig stĂ€rker die Kunden der Filmindustrie auf ihre Seite ziehen und so den Besuch von Kinos und den Kauf von DVDs oder Filmdateien ĂŒber lizenzierte Download-Plattformen ankurbeln. Dazu hat sie eine Tournee mit Body-Painting gestartet [3]. Sie soll Zuschauern vor Augen fĂŒhren, dass sie sich auch im Internet beim illegalen Herunterladen von Videos ĂŒber Tauschbörsen nicht verstecken können.
Der leicht irrefĂŒhrende Slogan der Kampagne soll trotz des Imagewechsels erhalten bleiben, sagte Oesterlin. "Bei allem, was illegal ist, fahren wir weiter einen harten Ton." In Spots und Plakaten verkĂŒndet die ZKM trotz der Ausrichtung der Initiative auf private Verbraucher, dass Urheberrechtsverletzungen mit Freiheitsstrafen bis zu fĂŒnf Jahren bestraft werden können. Dieses StrafmaĂ richtet sich allerdings nur gegen gewerblich agierende Raubkopierer.
Weiter ausbauen will die ZKM zudem ihr zweites Standbein [4] "Respe©t Copyright", in deren Rahmen sie fĂŒnf Bausteine mit AufklĂ€rungsmaterial fĂŒr den Schulunterricht kostenlos zur VerfĂŒgung stellt. Bisher liegt das Hauptaugenmerk dabei bei Altersgruppen von 15 Jahren an. KĂŒnftig mĂŒsse man aber mit der Information ĂŒber Urheberrechte "in der Grundschule anfangen", betonte Oesterlin. Dabei wolle man nicht "mit Pauschalisierungen" arbeiten, sondern sei bereit, "einen kritischen Dialog" auch direkt im Unterricht zu fĂŒhren.
In eine anderer Aktion ging derweil eine AufklĂ€rungsaktion [5] des Chaos Computer Clubs (CCC [6]), mit der dieser am gestrigen Mittwoch vor einem der EingĂ€nge zum MessegelĂ€nde unter dem Motto "Kopierschutz entmĂŒndigt" gegen das Vordringen von Systemen zum digitalen Rechtekontrollmanagement (DRM [7]) in die Medienwelt demonstrierte. Die Hacker platzierten sich dazu mit einem gut sichtbaren, 20 Quadratmeter groĂen Banner und einer leicht abgewandelten Piratenflagge mit einer stilisierten Kassette unter den Knochen am Rande der IFA.
"Auf der internationalen Funkausstellung werden auch dieses Mal wieder neue Techniken fĂŒr Kopierschutz-Systeme (DRM) fĂŒr Musik, Film und Fernsehen vorgestellt, welche die KonsumentInnen bevormunden sollen", heiĂt es dazu in einer Stellungnahme des Clubs. "Aus unserer Sicht wĂ€re es fatal, wenn KĂ€uferInnen nicht 'HerrIn der eigenen Daten' sein dĂŒrfen." Die Hacker machen auch auf technische Probleme aufmerksam. Der Versuch ein flĂ€chendeckendes Rechtekontrollsystem zu errichten, brĂ€chten ihrer Ansicht nach in erster Linie Verluste mit sich: "UrsprĂŒnglich öffentliche Daten können gesperrt, also zensiert, werden", warnt der CCC. Um private Kopien kontrollieren zu können, mĂŒsste die PrivatsphĂ€re aller Nutzer auf technischer Ebene massiv beschnitten werden. DRM-Systeme bĂ€rgen viele Missbrauchspotenziale, "die einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft nicht gerecht werden." (Stefan Krempl) / (anw [8])
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[2] http://www.hartabergerecht.de/
[3] https://www.heise.de/news/Mit-Body-Painting-gegen-Urheberrechtsverletzer-145457.html
[4] https://www.heise.de/news/Raubkopierer-sind-Verbrecher-Filmindustrie-und-eBay-gemeinsam-auf-der-Jagd-158122.html
[5] http://netzpolitik.org/2006/kopierschutz-entmuendigt/
[6] http://www.ccc.de/
[7] http://www.heise.de/glossar/entry/Digital-Rights-Management-399485.html
[8] mailto:anw@heise.de
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