Fahren à la Carte – sparsam, komfortabel oder sportlich
In modernen Autos sind fast alle Funktionen miteinander vernetzt. Continental will sie über ein zentrales Gateway in Profilen zusammenzufassen. So lässt sich auf Knopfdruck die gesamte Charakteristik des Fahrzeugs verändern
- Gernot Goppelt
Hannover, 19. Oktober 2009 – Treffen sich ein Ingenieur, ein Psychologe und ein Ergonom … aber im Ernst: Was die "Division Interior" bei Continental derzeit entwickelt, ist in zweifacher Hinsicht interessant – die Technik an sich natürlich, aber auch die Art von Zusammenarbeit, die auf dem Weg dorthin erforderlich ist. Die bunte Truppe hat sich dem Vorhaben verschrieben, "die Fahrzeugbedienung radikal zu vereinfachen". Das Ziel: Der Autofahrer soll zukünftig per Knopfdruck die gesamte Charakteristik seines Autos verändern können.
Raus aus der Isolation
Zu diesem Zweck werden sämtliche elektronisch geregelten Komponenten im Auto nicht mehr isoliert betrachtet, sondern sozusagen "ganzheitlich" – im Zusammenspiel miteinander, gesteuert von einer zentralen Instanz. Klassischerweise haben ja zum Beispiel ein Getriebesteuergerät, die Tachoanzeige und die Klimatisierung herzlich wenig miteinander zu tun – meint man zumindest. Das wäre auch gar nicht so einfach, denn wer einmal die Automobilindustrie von innen betrachten durfte, weiß, dass zum Beispiel der Motormann selten den Weg in die Design-Abteilung sucht, zumindest nicht wegen fachlicher Fragen, aber das gehört hier nicht hin.
Fahren à la Carte – sparsam, komfortabel oder sportlich (6 Bilder)

In einem Passat hat Conti drei Charakteristika realisiert: Eco, Sport und Komfort.
Dreifarben-Auto
Im einem Demonstrationsfahrzeug, mit dem uns Conti-Entwickler in Hannover besuchten – übrigens ein modifizierter Passat mit V6, Sechsgang-DSG und technischen Highlights wie einer Adaptive Cruise Control – kümmert sich der Fahrer nicht mehr um einzelne Fahrzeugfunktionen, sondern hat genau drei Programme zur Auswahl: Komfort, Sport und Eco. Diese Programme kann er mit drei farbigen Knöpfen in der Mittelkonsole auswählen. Zu sehen ist das sofort durch ein optisch jeweils völlig verändertes Anzeigeinstrument – beruhigend blau und stark reduziert im Komfortmodus, grün sprießend im Eco-Mode und sportlich-rot verspielt im Sport-Modus.
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Programm für Faule
Außerdem – und das ist das eigentlich Spannende – verändert sich die gesamte Fahrzeugcharakteristik. Der Komfortmodus wirkt noch am ehesten vertraut, mit weicher Abstimmung der verbauten Luftfederung, recht frühen Schaltpunkten des 6-Gang-DSGs, gedämpftem Motorgeräusch und einer eher leichtgängigen Lenkung – so wie es sich für den Alltag gehört. Am auffälligsten ist noch die sehr stark reduzierte Anzeigengrafik – Grafik deswegen, weil es sich um ein virtuelles Instrument handelt, dargestellt auf einem LCD, wie es auch schon Serienfahrzeugen eingesetzt wird. Man sieht kaum mehr als das Tempo in großen Zahlen, die verbleibende Reichweite und einen einfachen Pfeil für die Navigationsfunktion – mehr braucht man auch nicht zum Fahren.
Citroën hatte doch recht
Die digitale Anzeige der Geschwindigkeit überrascht etwas, gingen doch viele bisher davon aus, dass Analoganzeigen besser wahrgenommen werden. Vielleicht liegt es ja auch an mehr älteren und deswegen weitsichtigen Fahrern, denn die Ergonomen im Team kamen erstaunlicherweise zu dem Ergebnis, dass sich schön große Zahlen am schnellsten erfassen lassen. Die analoge Lösung favorisiert Conti an anderen Stellen: Beim Einstellen der Geschwindigkeit des Tempomats zum Beispiel erhält man im Display Bestätigung durch eine wachsende oder schrumpfende Ringdarstellung, die sich problemlos "mit halbem Auge" erfassen lässt, ohne den Verkehr zu vernachlässigen.
Lenkt sogar selbst
Insgesamt hinterließ dieser Modus auf mich einen angenehmen und unspektakulären Eindruck. Einzig die Lenkung irritierte auf der Autobahn gelegentlich mit einem merkwürdigen Eigenleben, dessen Ursache aber schnell geklärt war: Der Passat hatte einen Spurassistenten, der im Komfort-Modus automatisch aktiviert ist und bereits eine deutliche Lenkempfehlung gibt, wenn man sich einer weißen Linie nur nähert. Etwas ungewohnt ist es schon, dass diese Funktion standardmäßig eingeschaltet ist, doch für ein aktiveres Fahren gibt es ja das Sport-Programm ...
Fahren à la Carte – sparsam, komfortabel oder sportlich
Sportliches Kontrastprogramm
Beim Druck auf den roten Sport-Knopf bekommt das Fahrzeug sofort eine ganz andere Charakteristik, zum Teil an Stellen, wo man es gar nicht erwartet hätte. Die Federung verhärtet sich, die Lenkung wird straffer, das Getriebe schaltet später hoch und sogar der Motorklang verändert sich. In diesem Fall hat Conti den knurrigen Sound über Eingriffe in die Motorsteuerung bewerkstelligt, aber da kann man sich natürlich auch andere Wege vorstellen. Das Sport-Programm ist so etwas wie der Gute-Laune-Modus nach Feierabend, der natürlich nicht gerade dem Verbrauch zuträglich ist, aber das hat man sich ja verdient – doch dazu später.
Sport und Spiel
Die "Instrumentierung" besteht nun aus klassischen rot hinterlegten Rundinstrumenten, da fehlt die Öldruckanzeige genauso wenig wie eine Art "Gyro Ball". Dieser virtuelle Ball im Zentrum des Tachos hat in der Mitte einen weißen Punkt, der seine Position abhängig von den Flieh- und Beschleunigungskräften verändert. Vermutlich wird es eine solche Spielerei nicht in die Serie schaffen, sie zeigt aber, was man so alles an verfügbaren Sensorinformationen verwerten kann. Beschleunigungs-, Gierraten- oder Lenkradsensoren sind ohnehin an Bord, man kann sie nicht nur für ESP oder Navi einsetzen, sondern sich ganz neue Anwendungen einfallen lassen, um zum Beispiel beim Fahren am Grenzbereich optisch oder akustisch zu warnen. Auch eine haptische Rückmeldung über das Lenkrad ist vorstellbar – oder wie wäre es mit Seitenwangen der Sitze, die sich abhängig von Modus und Fahrsituationen verhärten?
Punkt-Landung
Am meisten Umgewöhnung fordert Conti dem Probanden aber mit seiner Interpretation eines Öko-Programms ab. Ein wenig erinnert dieser Modus an den Honda Insight, in dem man durch sparsame Fahrweise im Cockpit die Blümlein sprießen lassen kann. Und jetzt kommt der Psychologe ins Spiel: Tatsächlich, so Conti, stellte man während der Forschungsarbeiten fest, dass solch eine Form von Belohnung zum Sparen motivieren kann – die Menschen bleiben offenbar selbst im Auto Jäger und Sammler. Selbstverständlich gehört dazu wieder eine neue Anzeige (grün, versteht sich), deren Inhalte nun vor allem zum sachten Einsatz des Gaspedals animieren sollen. Statt Gyro-Ball gibt es jetzt eine Art magisches Auge, wie man es von Radiotunern aus der guten alten Zeit kennt: Schön klein muss der grüne Punkt bleiben, um dort scharfen Empfang und hier niedrigen Verbrauch zu signalisieren.
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Öko-Ernte
Ähnlich wie beim Honda wird der Lohn der Mühe in Form eines anwachsenden Kleeblatts dargestellt. Weil mehr als ein vierblättriges Kleeblatt nicht geht, kann man ja zwischendurch wieder ein bisschen Sport treiben. Tatsächlich haben die Entwickler vor, eine Funktion anzubieten, die das Wählen des Sport-Profils nur erlaubt, wenn man ordentlich Öko-Punkte gesammelt hat. Das klingt absurd, könnte aber in der Gesamtbilanz tatsächlich Verbrauchsvorteile bringen. Wer Spaß am Autofahren für grundsätzlich unzulässig hält, wird sich davon allerdings nicht überzeugen lassen und es beim grünen Fahrprogramm belassen.
Strenges Sparprogramm
Die ist derzeit allerdings noch ziemlich kompromisslos: Während Fahrwerks- oder Lenkungsabstimmung sinnvollerweise dem Komfort-Modus ähneln, sträubt sich das Gaspedal jetzt heftig gegen allzu viel Druck. Hat man erst einmal ein bestimmtes Tempo erreicht, verhält es sich recht umgänglich, doch beim Beschleunigen muss man es kräftig treten. Am liebsten ist dem Auto im Eco-Mode ein möglichst gleichmäßiges Dahingleiten, bei einem zu ungeduldigen Fahrer gibt es sich bockig. Allerdings zeigen Studien des Zulieferers auch, dass allein eine gut gemachte Schaltaufforderung den Verbrauch eines Durchschnittsfahrers um bis zu 16 Prozent senken kann. Das macht es einem vielleicht schmackhaft, dass plötzlich das Auto den Fahrer kontrolliert und nicht umgekehrt.
Gesichtskontrolle
Der Versuch, mehrere Funktionen in Gruppen zusammenzufassen und als Bedienszenarien anzubieten, ist keineswegs neu. Fast jeder kennt den Auftaumodus der Mikrowelle oder das Portrait-Programm einer Digitalkamera. Sogar eine Lächelerkennung gibt es ja mittlerweile, da drohen auch im Auto die tollsten Ideen. Vergleichsweise harmlose Anfänge sind längst gemacht: Land Rover bietet zum Beispiel schon seit Jahren die so genannte Terrain Response an. Dabei kann man über einen Drehknopf Programme wie "Standard", "Felsen" oder "Sand" wählen, den Rest macht das Fahrzeug selbst. Dazu gehören etwa die Umstellung der Luftfederung, der Schaltcharakteristik oder der Lenkung, das alles dient freilich "nur" einer situationsgerechten Geländegängigkeit.
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Rollender Computer
Das Konzept von Conti geht insofern weit darüber hinaus, als es praktisch sämtliche Funktionen des Fahrzeugs beeinflussen will, die heutzutage in einem Auto elektronisch gesteuert oder geregelt werden. Das kann mehr sein, als manche denken: Federung, Dämpfung, Lenkung, Motor, Getriebe, Sitzverstellung, Instrumente, Fensterheber, Infotainment, Navigation, Licht, Fahrerassistenzsysteme, Klimatisierung, um nur Beispiele zu nennen. Für fast alles, was sich im Auto verstellen lässt, gibt es mittlerweile spezielle Steuergeräte und Bussysteme, welche für den Datentransport und die Vernetzung der Funktionsdomänen sorgen.
Einfach ist schwer
Die Entwickler wollen diese Strukturen nicht grundlegend verändern, fügen nur eine zusätzliche Instanz hinzu, die dafür sorgt, dass je nach gewähltem Programm die einzelnen Komponenten dem großen Ganzen dienen. "Simplify-your-Drive Gateway" nennt sich dieses zusätzliche Steuergerät, das den funktionsbezogenen Steuergeräten mitteilt, wie sie sich je nach gewählten Programm verhalten sollen. Die Kosten für ein solches zusätzliches Steuergerät und eine fahrzeugspezifische Programmierung sind wohl kein allzu großer Hemmschuh für eine Realisierung dieser Technik.
Technik-Menü
Problematischer ist das notwendige Umdenken bei der Aufgabenverteilung. Die Vorstellung, dass die Elektronik eine integrierende Rolle übernimmt – im Fahrzeug wie bei seiner Entwicklung – ist auch heute noch für viele gewöhnungsbedürftig. Doch längst ist es die Automobilelektronik, in der die mit Abstand meisten Innovationen stattfinden. Die daraus resultierenden Möglichkeiten führen fast zwangsläufig dazu, Funktionsszenarien zu bilden und daraus ein Produkt zu entwickeln. Mit etwas Fantasie ist leicht vorstellbar, dass ein Autofahrer das in Zukunft genauso erwarten wird wie geschickt austarierte Anwendungsprogramme an der Digitalkamera.
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Keine Spaßbremse
Was Conti in sein Demonstrationsfahrzeug gepackt hat, ist deswegen wohl nur der Vorgeschmack auf zukünftige Lösungen. Man habe sich bewusst auf drei Szenarien beschränkt, um die Möglichkeiten aufzuzeigen. Schon mit vorhandener Technik wäre mehr möglich, vorgesehen ist zum Beispiel auch ein Fahrer-individuelles Fahrprofil, das über eine weitere Taste abgerufen werden kann. Wie wäre es denn überhaupt mit einem Nerd-Mode, für Leute, die alles gerne selber machen, frage ich spaßeshalber. Auch das geht natürlich, würde allerdings das Konzept konterkarieren. Denn das Ziel heißt ja wie gesagt "Simplify your Drive", richtet sich also an Szenarien aus. Im Passat sind es Komfort, Sport und Eco, doch da kommen einem schnell weitere Anwendungen in den Sinn, zum Beispiel ein Schnee-, Regen- oder Nachtmodus.
Die Sorge, dass ein solches Auto die Kontrolle über den Fahrer übernimmt, ist zumindest im Falle des gefahrenen Passats unberechtigt: Einfach mal kurz den roten Knopf drücken, dann geht es sportlicher zu, als es bei einem konventionellen Auto möglich ist. Denn ohne diese vernetzte Beeinflussung der Fahrzeugfunktionen bleibt die Auslegung eines Autos immer nur ein notgedrungener Kompromiss. (ggo)