Fahrbericht: Seat Ibiza 1.0 TSI
Der neue Seat Ibiza ist der erste Kleinwagen, der komplett auf dem Modularen Querbaukasten von Volkswagen aufbaut. Diese Plattform verspricht einige Vorteile. Eine erste kleine Ausfahrt sollte zeigen, was die Kunden davon haben.
Konkurrenz belebt bekanntermaßen nicht nur das Geschäft, sondern ist auch der Weiterentwicklung förderlich. Das gilt natürlich auch für die interne: Die Machtverhältnisse innerhalb des Trios, bestehend aus VW Polo, Skoda Fabia und Seat Ibiza, sind recht klar aufgeteilt. Der Skoda, zuletzt 2014 in komplett neuer Form erschienen, war der modernste Ableger. Er profitiert so allerdings noch nicht komplett von dem Modularen Querbaukasten, der in ihm nur teilweise verwendet wurde. Der erste Kleinwagen, der komplett auf dieser modernen Plattform basiert, wird der Seat Ibiza. Der Vorsprung wird indes nur kurz währen, denn auf der IAA wird der nächste VW Polo vorgestellt, der diese Plattform dann natürlich auch bekommen wird.
Vorläufig mit max. 115 PS
Eine erste kleine Ausfahrt mit dem Seat Ibiza sollte klären, inwieweit der Kleinwagen vom MQB profitiert und was der Kunde davon hat. Für eine erste Proberunde stand ein Ibiza mit dem bekannten Einliter-Dreizylinder mit 115 PS und 200 Nm bereit. Das ist etwas mehr, als sich die meisten Kunden in dieser Klasse gönnen. Der Ibiza ist damit erwartungsgemäß temperamentvoll motorisiert. Seat verspricht 9,3 Sekunden im Standardsprint und bis zu 195 km/h. Das scheint glaubhaft, zumal die Maschine wie schon im größeren und schwereren Seat Leon ST einen guten Eindruck auf uns gemacht [1] hat. Mit einer Ausnahme: Die Laufkultur ist eher durchschnittlich. Die Maschine ist akustisch stets präsent, wenn auch das Auto leiser wirkt als der Vorgänger.
Fahrbericht: Seat Ibiza 1.0 TSI (0 Bilder) [2]
Das wird bei der schwächeren Ausführung PS kaum anders sein. Sie ist mit 95 PS und 175 Nm für die meisten Einsatzzwecke sicherlich mehr als ausreichend dimensioniert – immerhin soll der Ibiza damit 182 km/h schaffen. Die beiden aufgeladenen Dreizylinder setzen sich damit deutlich vom Basismotor ab. Der ist mit 75 PS und 95 Nm Drehmoment erheblich betulicher. Allen Versionen gemein ist die gute Fahrwerksabstimmung. Dank mehr Spurweite, mehr Radstand, größeren Rädern und einer steiferen Karosserie fährt sich der kleine Spanier komfortabler und präziser als bisher.
Vorerst ohne Filter
Der Leistungsverzicht bringt allerdings keine Vorteile im Verbrauch – zumindest im NEFZ, in dem für beide 4,7 Liter genannt werden. Bei unserer kurzen Ausfahrt mit dem 115-PS-Modell war es rund ein Liter mehr. Genauere Angaben dazu kann erst ein Test liefern, den wir im Laufe des Jahres nachreichen werden. Ein Partikelfilter für die Benziner ist vorerst nicht in Planung. Durch strengere Grenzwerte der Abgasnorm Euro 6c [4] wird der ab September 2018 für alle erstmals in der EU zugelassenen Benziner mit Direkteinspritzung gewissermaßen Pflicht. Anstatt hier also nach dem Abgas-Skandal voranzugehen, zögert der Volkswagen-Konzern, wie alle anderen Hersteller, den Einsatz möglichst lang hinaus. Die Folge: Die ersten Ibiza-Käufer haben spätestens ab September nächsten Jahres ein Auto, das nicht mehr der dann aktuellen Abgasnorm entspricht. Dass dies im Prinzip für alle Neuwagen derzeit gilt, ist richtig, macht die Sache aber nicht besser. Zudem sollte man von einer kompletten Neuentwicklung erwarten dürfen, dass sie mit gutem Beispiel vorangeht.
Im Innenraum machte unser Testwagen, der aus einer frühen Phase der Produktion stammte, bereits einen sehr ordentlich verarbeiteten Eindruck. Klapper- oder Knistergeräusche gab es nicht. Die Auswahl der Materialien wirkt kaum minderwertiger als im teuren Leon. Allerdings sind uns ein paar funktionale Mängel aufgefallen. So gibt es kaum Ablagen für den alltäglichen Kram. Die Fläche vor dem Schalthebel ist recht klein, außerdem liegen dort noch die beiden USB-Abschlüsse. Wer Ablagen und USB-Stick gleichzeitig nutzen will, beschafft sich besser einen besonders kurzen Stick.
Tiefes Display
Das die Bedienung der Klimaautomatik so weit unten sitzt, lässt sich noch verschmerzen – immerhin muss man da nicht so oft ran, wenn der Entwickler sein Handwerk versteht. Etwas anders sieht die Lage bei dem großen Touchscreen der Multimedia-Anlage aus. Die Bedienung lenkt doch gehörig ab, auch wenn das Bemühen, die Menüstruktur logisch anzuordnen, zu erkennen ist. Anders als in den teuersten Systemen, die Volkswagen nun eine Klasse oberhalb des Ibiza einbaut, gibt es hier auch noch einen Drehregler für die Lautstärke. Die Navigationsstimme klingt bei vielen Straßennamen wie eine Kreuzung aus Robocop und Darth Vader. Vielleicht macht das System bis zum Markteinführung des neuen Ibiza im Juni noch einen Sprachkurs.
Gut gefallen hat uns dagegen das verbesserte Platzangebot. Hinten soll es nun 35 mm mehr Beinfreiheit geben, was nicht nach viel mehr klingt, in der Praxis aber spürbar ist. Gleichzeitig ist der Kofferraum mit 355 statt 294 Litern spürbar größer geworden. Beides ist insbesondere deshalb bemerkenswert, weil Seat der Versuchung widerstanden hat, den Ibiza noch länger zu machen als bisher. Gang im Gegenteil: mit 4059 mm ist er sogar zwei Millimeter kürzer als sein Vorgänger. Der Radstand wuchs von 2,47 m auf 2,56 m – Seat nutzt die Verkehrsfläche also schlicht und ergreifend besser als zuvor.
Preise noch unbekannt
Eine offizielle Preisliste für den neuen Ibiza gibt es noch nicht. Das bisherige Basismodell lag bei 12.690 Euro, vermutlich wird der günstigste Ibiza auch weiterhin knapp unter 13.000 Euro kosten. Mit dem 95 PS-Motor soll der Wagen mindestens 15.240 Euro kosten. Bei Skoda sind die Preise für den Fabia mit dem aufgeladenen Dreizylinder [5] ebenfalls noch nicht bekannt, doch mit einiger Sicherheit werden sie im Bereich dessen liegen, was heute der 1.2 TSI mit 90 PS kostet. Den gibt es ab 14.100 Euro. Ein fünftüriger VW Polo mit dem 95-PS-Dreizylinder kostet unverhandelt derzeit mindestens 16.900 Euro. Bei letzterem dürften die Chancen auf ein gutes Angebot steigen, denn neben dem modernen Seat Ibiza wirkt der Bestseller von VW arg ergraut.
Kosten für Probefahrt und Reise wurden von Seat übernommen. (mfz [6])
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[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/4743746.html?back=3673149;back=3673149
[4] https://www.heise.de/news/Chemiefabrik-im-Auspuff-Was-die-Euro-6c-Norm-erfordert-3098815.html
[5] https://www.heise.de/news/Skoda-Fabia-bekommt-Dreizylinder-3641365.html
[6] mailto:mfz@heise.de
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