Aufwärts auf Abwegen
Der F-Pace ist anders als andere Jaguar und verlässt die traditionellen Wege trotzdem nicht ganz. Sein Fokus liegt nicht mehr auf größtmöglicher Eleganz, sondern auf Fahrdynamik, wie eine kleine Proberunde mit dem Topmodell zeigt
Tivat (Montenegro), 19. April 2016 – Rar sind sie geworden, jene Hersteller die im SUV-Segment nicht mitmischen. Kaum einer lässt diesen Trend beiseite, nun also auch Jaguar. Dem eigenen Verständnis folgenden, will man der Premium-Konkurrenz Käufer abjagen. Der Fokus des Jaguar F-Pace liegt dabei ganz offensichtlich bei der Fahrdynamik. Eine erste kurze Probefahrt zeigt, dass sich die Marke durchaus Hoffnungen auf einen Erfolg machen darf, auch wenn die Sache mit der versprochenen Agilität nun keine neue Erfindung ist.
Zunächst einmal heißt es Abschied nehmen, zumindest für alle, die mit dem Namen Jaguar noch immer elegante und grazile Autos verbinden. Der F-Pace ist ein bulliger Typ, die meisten Käufer wollen es offenbar so. Statt einen radikalen Neuanfang beim Design zu riskieren, hat sich Jaguar bemüht, einige Elemente von den bekannten Baureihen unterzubringen. Das wirkt auf uns etwas gekonnter als im Falle der BMW-Van-Front.
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Funktionale Schwächen
Noch deutlicher sind die Anleihen zu den anderen Baureihen im Innenraum. Funktional gibt es aber ein paar Kleinigkeiten, die den Eindruck erwecken, dass hier nicht ganz bis zum Ende gedacht wurde. Das Lenkrad wurde mit so vielen Tasten versehen, dass die Bedienung darüber schon wieder ablenkt. Die Taste für den Warnblinker wurde mitten in die Lüftungsregelung gepackt und der Lautstärkeregler unten, weit abseits des Infotainment-Bildschirms, verbaut. Der aufwendige und mit viel Hingabe gestaltete Bildschirm steht in einem merkwürdigen Kontrast zu den Temperaturanzeigen der Klimaautomatik, die dagegen billig wirken.
Abseits solcher Kleinigkeiten lässt sich aber feststellen, dass der Jaguar gut verarbeitet ist und die Zugänglichkeit zu den zahlreichen Möglichkeiten des Entertainmentsystems recht einfach ist – was keine Selbstverständlichkeit ist. Das Display anstelle des Kombiinstruments liefert ein gestochen scharfes Bild. Je nach Fahrmodi ändern sich Farbe und Darstellung. Zusammen mit dem reichlich vernähten Leder wirkt das Interieur nobel und modern. Angesichts dessen, was Jaguar hinsichtlich des Images für sich selbst beansprucht und auch via Preisliste verdeutlicht, kann der Kunde das auch erwarten.
Platz ist im 4,73 Meter langen F-Pace genug. Auf der Rückbank werden Langstrecken auch für Passagiere mit Gardemaß jenseits der 1,90 Meter nicht zur Qual. Der Kofferraum fasst zwischen 650 und 1740 Liter Gepäck.
Und die versprochene Dynamik? Nach Fahrten mit zwei F-Pace lautet unser Rat, beim Fahrwerk nicht an der falschen Stelle zu sparen: Trotz der 22-Zoll-Reifen ist der F-Pace mit dem adaptiven Fahrwerk komfortabel. Die Geschwindigkeit und die Präzision, mit der der schon leer 1861 Kilogramm schwere F-Pace um die Ecken pfeift, beeindruckt. Jedes Kurvenstakkato, egal welchen Radius die Ecken aufweisen, lässt sich mit spielerischer Leichtigkeit bewältigen. Mit herkömmlichen Dämpfern reagiert er auf Unebenheiten hölzern-stößig und scharrt in engen Kurven mit dem Vorderrädern. Die Lenkung erreicht fast das Niveau der deutschen Konkurrenz, ist aber leichtgängiger und gibt etwas weniger Rückmeldung.
Kernig, nicht krawallig
In den Benzinern wird grundsätzlich das Achtgangautomatikgetriebe 8HP70 von ZF eingebaut, das schon aus diversen BMW-Modellen gekannt ist. Der stärkste Benziner mit Twin-Vortex-Kompressor und variablen Steuerzeiten auf Ein- und Auslassseite ist ein V6, der seinen Kraftstoff mit bis zu 150 bar serviert bekommt. Sein maximales Drehmoment von 450 Nm liegt zwar erst bei 4500/min an, doch schon weit unter halb dieser Marke ist das SUV erstaunlich flink. Der Sechszylinder knurrt kernig und ist stets präsent, bei weitem aber nicht so krawallig wie ein Maserati Levante. Wer mag, bekommt den F-Pace aber auch weit schwächer: Das Basismodell ist ein Zweiliter-Diesel mit 180 PS, der mit einem manuellen Sechsgang-Getriebe kombiniert wurde. Wir raten hier ebenfalls zur Automatik, die Jaguar im kleinen Diesel nur zusammen mit dem Allradantrieb anbietet.
Chancen
Der Einstiegspreis von 42.390 Euro wird auch deshalb für die meisten Interessenten keine Relevanz haben. Mit nur ein paar Extras wird die 50.000-Euro-Grenze zügig und deutlich überschritten. Der Sechszylinder-Diesel kostet schon in der Basisausstattung knapp 58.000 Euro. Entscheidend für einen Erfolg ist das alles aber nur am Rande, denn wichtig ist in dieser Klasse eigentlich nur, was für Leasingangebote gemacht werden. Im Falle des F-Pace kommt noch eine weitere Komponente hinzu, denn die Marke betritt mit dem SUV Neuland. Interessant wird also, wie sich die Zusammensetzung der Kundschaft entwickelt: Steigt eine gewisse Anzahl von bisherigen Jaguar-Fahrern einfach um oder lockt Jaguar mit diesem Modell neue Interessenten? Wir sehen Chancen für Letzteres.
(mfz [3])
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