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Exportmodell Abwrackprämie

ssu

Nach dem Run auf deutsche Autohäuser hofft nun auch die Autobranche auf der Insel auf einen Nachfrageschub. Auch anderswo in Europa werde die Rufe nach Verschrottungsboni lauter

Hannover, 22. April 2009 – Er ist keine deutsche Erfindung, der Bonus für die Verschrottung eines Altautos bei gleichzeitigem Kauf eines Neuwagens, doch der Erfolg der deutschen Abwrackprämie wirkt offenbar besonders ansteckend: Heute hat auch die britische Regierung verkündet, eine Abwrackprämie nach deutschem Vorbild einzuführen.

Besitzern alter Fahrzeuge soll mit einer Prämie von 2000 Pfund (derzeit rund 2250 Euro) eine Neuanschaffung schmackhaft gemacht werden. Für die Hälfte kommt der Steuerzahler auf, die andere Hälfte steuern die Autounternehmen bei, kündigte Finanzminister Alistair Darling laut dpa am Mittwoch in London bei der Vorstellung des Haushalts für das Finanzjahr 2009/2010 an.

Exportmodell Abwrackprämie (0 Bilder) [1]

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In den Genuss der Prämie können Autobesitzer kommen, deren Fahrzeuge vor dem 31. Dezember 1999 zugelassen wurden. Sie wird ab Mai gezahlt. Das Projekt soll den eingebrochenen Absatz der britischen Automobilindustrie wieder anzukurbeln. Die britische Regierung stellt insgesamt 300 Millionen Pfund (knapp 340 Millionen Euro) für das Projekt zur Verfügung, das so lange laufen soll, wie das Geld reicht. Laut BBC ist die Fördermaßnahme nicht unumstritten [3]: Während Befürworter auf einen ähnlichen Nachfrageschub [4] wie in Deutschland hoffen und anführen, dass eine Verjüngung des Pkw-Bestands zum Umweltschutz beiträgt, lautet ein Argument der Gegner, dass der Markt für Gebrauchtwagen unter der Neuwagen-Subvention leiden könnte. TopGear-Autor Paul Horrell gibt sich in seinem Blog [5] als hartnäckiger Gegner des "scrappage scheme" zu erkennen, einheimische Autofabriken werden seiner Ansicht nach kaum von der Abwrackprämie profieren.

Die im britischen Haushalt vorgesehenen Mittel reichen im übrigen für 300.000 Prämienzahlungen, da die einzelnen Zuschüsse aus jeweils 1000 Pfund aus Staatsmitteln und weiteren 1000 Pfund von der Automobilindustrie finanziert werden. In Deutschland war die Abwrackprämie im Januar eingeführt worden und zunächst auf 600.000 Zahlungen à 2500 Euro beschränkt; nach einem wochenlangen Run auf die Autohäuser hatte die Bundesregierung schließlich die Mittel mehr als verdreifacht [6] und Ende März ein Online-Reservierungsverfahren eingeführt. Nach dessen chaotischem Start [7] hat der Ansturm inzwischen nachgelassen [8]. Auch hat die Vergabebehörde das Online-Verfahren inzwischen nachgebessert [9]: Nachdem die Antragsteller zunächst gezwungen waren, ihre Daten unverschlüsselt zu übertragen und es zu Datenschutz-Pannen gekommen war, ist die Website www.ump.bafa.de [10] inzwischen verschlüsselt. Bis zum 22. April sind beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) 1,3 Millionen Anträge eingegangen [11], demnach können bis zum Auslaufen der Fördermaßnahme am 31. Dezember 2009 noch weitere rund 700.000 Abwrackprämien gezahlt werden.

Ermutigt vom deutschen Beispiel hatten Anfang der Woche auch schwedische Gewerkschaften eine Abwrackprämie in ihrem Land gefordert [12], um die nach ihrer Einschätzung 140.000 von Schwedens Autoindustrie abhängenden Arbeitsplätze retten zu können. Nicht erst dem Insolvenzantrag von Saab Automobile AB im Februar kommen in dem gut 9 Millionen Einwohner zählenden Königreich auch immer wieder Spekulationen um die Zukunft der Pkw-Marke Volvo auf: Würde sich Ford von seiner Premium-Tochter trennen, könnte dies das Ende der Auto-Massenproduktion in ganz Skandinavien bedeuten: Der finnische Auftragsfertiger Valmet, der die Porsches kleine Sportwagen Boxster und Cayman baut, hatte im Rennen um den Anschlussauftrag zum Modellwechsel 2012 das Nachsehen [13]. Derzeit können die Finnen nur hoffen, dass das exklusive Hybridauto Fisker Karma tatsächlich bei ihnen in nennenswerten Stückzahlen gefertigt [14] wird.

Der Abwrackprämie in Deutschland voraus ging ein vergleichbarer Bonus, den Frankreich bereits Anfang Dezember 2008 eingeführt [15] hatte. Ende Januar hatte auch Österreich beschlossen, ab dem 1. April eine Ökoprämie [16] von 1500 Euro an Neuwagenkäufer zu zahlen. Ähnlich wie in Großbritannien teilen sich in der Alpenrepublik Fiskus und Industrie die Aufwendungen dafür. Vor allem die positive Entwicklung des Absatzes in Frankreich dürfte die deutsche Bundesregierung bewogen haben, die "Umweltprämie" einzuführen – den Warnungen von Ökonomen vor unabsehbaren Auswirkungen nach Ende der Subventionierung zum Trotz. (ssu [17])


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[3] http://news.bbc.co.uk/2/hi/business/8012492.stm
[4] https://www.heise.de/news/Gute-Zahlen-schlechte-Zahlen-450025.html
[5] http://foreman.blogs.topgear.com/2009/04/22/it-happened-then-get-your-2k-here/
[6] http://www.heise.de/autos/artikel/7671
[7] https://www.heise.de/news/Website-zur-Umweltpraemie-bricht-unter-Besucheransturm-zusammen-3-Update-210134.html
[8] https://www.heise.de/news/Nachfrage-nach-Abwrackpraemie-laesst-nach-476307.html
[9] https://www.heise.de/news/Abwrackpraemien-Portal-Behoerde-verspricht-Nachbesserungen-449150.html
[10] https://www.ump.bafa.de/
[11] http://www.bafa.de/bafa/de/wirtschaftsfoerderung/umweltpraemie/foerdermittel/index.html
[12] https://www.heise.de/news/Schwedische-Gewerkschaften-fordern-Abwrackpraemie-476313.html
[13] https://www.heise.de/news/Porsche-Boxster-verabschiedet-sich-aus-Uusikaupunki-455017.html
[14] https://www.heise.de/news/Fisker-Karma-Plug-in-Hybrid-soll-in-Finnland-gebaut-werden-457113.html
[15] https://www.heise.de/news/Frankreich-macht-gute-Erfahrungen-mit-Abwrackpraemie-476199.html
[16] http://www.bmwfj.gv.at/BMWA/Schwerpunkte/Unternehmen/oekopraemie.htm
[17] mailto:ssu@ct.de