EuropÀischer Polizeikongress: Polizei vor dem Umbruch
Neben einer demografischen hat der Umbruch der deutschen Polizei auch eine technische Dimension, weil die Polizei auf die Digitalisierung des Lebens stÀrker reagieren muss als bisher.
Die deutsche Polizei befindet sich vor einem groĂen Umbruch. Dieser ist zum einen demografisch bedingt, da bis zum Jahr 2015 viele Beamte in den Ruhestand gehen werden, die in den 70er-Jahren eingestellt wurden, als die Polizei massiv ausgebaut wurde. Der Umbruch hat aber auch eine technische Dimension, weil die Polizei auf die Digitalisierung des Lebens stĂ€rker reagieren muss als bisher. So könnte das Fazit des 11. EuropĂ€ischen Polizeikongresses [1] lauten, der am gestrigen Mittwochabend in Berlin zu Ende ging.
Den traurigsten Satz des Polizeikongresses sprach Klaus Jansen, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter [2]: "Mich wĂŒrde heute keiner mehr einstellen. Der Jansen vor 34 Jahren wĂ€re einfach zu doof fĂŒr diese Arbeit." Die Polizei von heute sucht dringend IT-FachkrĂ€fte [3], doch diese haben neben der vergleichsweise schlechten Bezahlung massive Probleme [4], sich mit der Arbeit in der Behörde zu identifizieren.
Dazu gehört auch, dass die laufende Betonung der Bedeutung der Online-Durchsuchung [5] die IT-KrĂ€fte in der Behörde nicht eben beruhigt. Auf dem Polizeikongress machte sich ein Beamter, nach eigenen Aussagen IT-Experte bei der Berliner Polizei, im Fachpanel ĂŒber die Online-Durchsuchung seine Gedanken. "Ich frage mich, gegen wen sich das vorgeschlagene Gesetz eigentlich richtet. Wenn wir wissen, dass wir mit unseren Tools nicht gegen die OK [organisierte KriminalitĂ€t] und GeldwĂ€sche ankommen, weil die strikt Klartextdateien nur auf separaten Rechnern fĂŒhren, dann mĂŒssen wir uns fragen, was unter dem Deckmantel der terroristischen Bedrohung passiert. Wir produzieren dann nur gemeinte Sicherheit und fangen Otto Normalverbraucher, der mal ein paar Dateien aus dem Netz geladen hat, ob das Nazireden oder Pornografie ist. Da habe ich als Beamter ein groĂes Problem." Die Antwort des DatenschĂŒzters Wolfgang von Pommer Esche, der den BundesdatenschĂŒtzer Peter Schaar vertrat, fiel nicht beruhigend aus: "Jeder Kriminelle macht mal Fehler. Da muss man Geduld haben." AuĂerdem sei die Methode, einen Trojaner zu programmieren so aufwendig, dass die Behörden den Zielrechner genau auskundschaften mĂŒssten, sodass keine Gefahr bestehe, dabei irrtĂŒmlich einen Normalverbraucher ins Visier zu nehmen.
Pommer Esche erklĂ€rte sich als DatenschĂŒtzer auch nicht fĂŒr die Zuhörerfrage zustĂ€ndig, wann jemand nach dem Paragraphen 129a zum Terroristen erklĂ€rt und beschattet wird. Das sei allen Sache der Strafverfolger. Keinen Zweifel lieĂ Jurist indessen in der rechtlichen Bewertung des Einsatzes von Trojanern. Er sei nach allen bisher vorliegenden Erkenntnissen eindeutig verfassungswidrig. Auch Zusatzkonstruktionen wie die Ermittlung mit einem "Richterband" oder die Einsetzung eines "Ombudsmannes" Ă€nderten nichts daran, dass der Kernbereich der privaten LebensfĂŒhrung grundsĂ€tzlich unantastbar sei. Insgesamt litt das Fach-Panel darunter, dass die BefĂŒrworter der Online-Durchsuchung ihre Teilnahme kurzfristig zu Beginn des Panels absagten und den DatenschĂŒtzer allein lieĂen.
Insgesamt orientiert sich nicht nur die Polizei, sondern auch der Polizeikongress neu. Das war auch der kleinen Begleitmesse anzusehen, die zum Kongress das hĂŒbsche Berliner bcc [6] bevölkert. Traditionelle PolizeiausrĂŒster werden durch IT-Firmen wie Schönhofer [7] ersetzt, die Programme fĂŒr die Spurensuche in Telekommunikationsdaten anbieten, der Presse gegenĂŒber aber jegliche Auskunft zu ihren Produkten verweigern. Einen Aufschwung erleben auch intelligente Leit- und Einsatzsysteme [8], bei denen Taktiker auf immer umfassendere DatenbestĂ€nde zurĂŒckgreifen können. Google Maps sei eines der wichtigsten Werkzeuge gewesen, resĂŒmierte ein IT-Spezialist der Kavala-Einsatzgruppe zum G8-Gipfel in Heiligendamm.
Siehe zum 11. europÀischen Polizeikongress auch:
- Brigitte Zypries verteidigt das Recht der informationellen Selbstbestimmung [9]
- Die Innenminister, der ADAC und das KFZ-Kennzeichenscanning [10]
- Heimliche Online-Durchsuchung unverzichtbar [11]
- Polizist muss Traumberuf fĂŒr Informatiker werden [12]
- Proteste gegen EU-Polizeikongress und SchÀubles neue PlÀne [13]
- SchÀuble und Zypries zanken sich auf europÀischem Polizeikongress [14]
Zum aktuellen Stand und der Entwicklung der Debatte um die erweiterte Anti-Terror-Gesetzgebung, die Anti-Terror-Datei sowie die Online-Durchsuchung siehe:
(Detlef Borchers) / (jk [16])
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[4] http://www.heise.de/newsticker/foren/S-Ich-bin-Informatiker-Ich-arbeite-fuer-die-Polizei/forum-131224/msg-14330063/read/
[5] https://www.heise.de/news/Europaeischer-Polizeikongress-Heimliche-Online-Durchsuchung-unverzichtbar-184825.html
[6] http://www.bcc-berlin.de/de/00/frameset.html
[7] http://www.schoenhofer.de/de/home/start.html
[8] https://www.heise.de/news/Hab-dich-Ermittlungssysteme-fuer-Polizeizwecke-184050.html
[9] https://www.heise.de/news/Brigitte-Zypries-verteidigt-das-Recht-der-informationellen-Selbstbestimmung-185478.html
[10] https://www.heise.de/news/Europaeischer-Polizeikongress-Die-Innenminister-der-ADAC-und-das-KFZ-Kennzeichenscanning-185260.html
[11] https://www.heise.de/news/Europaeischer-Polizeikongress-Heimliche-Online-Durchsuchung-unverzichtbar-184825.html
[12] https://www.heise.de/news/Europaeischer-Polizeikongress-Polizist-muss-Traumberuf-fuer-Informatiker-werden-184659.html
[13] https://www.heise.de/news/Proteste-gegen-EU-Polizeikongress-und-Schaeubles-neue-Plaene-184582.html
[14] https://www.heise.de/news/Schaeuble-und-Zypries-zanken-sich-auf-europaeischem-Polizeikongress-184295.html
[15] https://www.heise.de/hintergrund/Von-Datenschutz-und-Schaeuble-Katalog-Terrorbekaempfung-TK-ueberwachung-Online-Durchsuchung-302704.html
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