Estland beschuldigt Russland des Cyberterrorismus
Seit drei Wochen sind zahlreiche estlÀndische Webseiten Ziel von DoS-Angriffen, die estlÀndische Regierung versucht, EU und Nato einzuschalten.
Der aufgrund der Verlegung eines russischen Kriegerdenkmals entstandene Konflikt zwischen Estland und Russland hat sich schon Ende MÀrz auch im Internet abgespielt. WÀhrend in Tallin estnische Russen am Denkmal protestierten und es zu gewalttÀtigen Auseinandersetzungen kam, blockierten russisch-nationale Jugendbewegungen die estnische Botschaft in Moskau und legten [1] DoS-Angriffe viele Webseiten der estnischen Regierung, aber auch von Zeitungen, Banken oder Unternehmen lahm. Estland ist eines der am stÀrksten auf das Internet setzenden LÀnder der EU und Vorreiter beim e-Government.
Die estnische Regierung hatte Anfang Mai behauptet, dass man die Angriffe nicht nur nach Russland, sondern auch auf IP-Adressen von Regierungsservern zurĂŒckverfolgen konnte (DoS-Angriffe auf Internetseiten der estnischen Regierung [2]).
Der estnische AuĂenminister bezeichnete die Angriffe als "Cyberterrorismus" und erklĂ€rte, dass sie auch von Computern und Personen des Kremls ausgegangen seien. Die russische Regierung wies die VorwĂŒrfe zurĂŒck und sagte, die Angreifer hĂ€tten womöglich gefĂ€lschte IP-Adressen des Kreml benutzt, um die Regierung zu kompromittieren. Neben dem Streit mit Polen, den Konflikten [3] ĂŒber das US-Raketenabwehrschild, den Zugriff auf Energieressourcen in Zentralasien oder die Lösung des Kosovo-Konflikts [4] werden nun auch die Internetangriffe zum Sprengstoff zwischen der EU und Russland. Der estnische AuĂenminister Urmas Paet drĂ€ngte darauf, sie auch zum Thema des EU-Russland-Gipfels zu machen, der heute in der sĂŒdrussischen Stadt Samara begonnen hat.
Am 14. Mai brachte der estnische Verteidigungsminister Jaak Aaviksoo den Fall noch einmal in BrĂŒssel beim Treffen der EU-Verteidigungsminister vor und forderte eine deutliche Reaktion der EU: "Umfangreiche Cyberangriffe gegen Estland demonstrieren deutlich, dass man sich ernsthaft mit diesem Thema beschĂ€ftigen und die relevanten Informationen austauschen muss. Wenn man ĂŒber die Bedeutung einer schnellen Reaktion auf Bedrohungen spricht, dann sollte man im Auge behalten, dass man auf Cyberangriffe in Sekunden und Minuten reagieren muss."
Aaviksoo hatte sich auch mit Nato-GeneralsekretĂ€r Jaap de Hoop Scheffer getroffen, um den Vorfall auf die Ebene der Nato zu heben und Regeln fĂŒr den Umgang mit Internetangriffen zu fordern. Bislang wertet die Nato Cyberangriffe nicht als militĂ€rische Aktionen, weswegen sie auch nicht unter die in Artikel 5 ausgefĂŒhrte Verpflichtung zur gemeinsamen Selbstverteidigung fallen. Scheffe strich die wachsende Bedeutung der Cyber-Verteidigung fĂŒr die Nato heraus. Mit Hinweis auf Estland sagte er, kein Land sei mehr vor Cyberangriffen sicher. Das Thema werde auch Gegenstand beim nĂ€chsten Treffen der Verteidigungsminister der Nato-Staaten.
Die Nato hat nun Experten nach Estland geschickt, um die VorfĂ€lle zu untersuchen. Man nehme die Angriffe sehr ernst, sagte ein Nato-Mitarbeiter, da sie die operationale Sicherheit betreffen. Bislang halten [5] sich EU und Nato aber zurĂŒck, Russland fĂŒr die Angriffe verantwortlich zu machen.
Die Angriffe haben auch nach drei Wochen nicht aufgehört. Viele Websites sind weiterhin vom Ausland aus unzugĂ€nglich, weil Zugriffe aus dem Ausland blockiert werden, um die Angriffe abzuwehren. So wurde erst gestern die Website der zweitgröĂten Bank SEB Eesti Ăhispank [6] angegriffen [7], nachdem eine Woche zuvor bereits Hansapank, die gröĂte Bank, zum Ziel von DoS-Angriffen wurde. Hillar Aarelaid, der Leiter von CERT Estonia [8], weist darauf hin, dass die neuen Angriffe zwar aus der ganzen Welt kĂ€men, aber wohl immer noch von Russland aus gesteuert wĂŒrden. (fr [9])
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[2] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25218/1.html
[3] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25294/1.html
[4] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25302/1.html
[5] http://www.guardian.co.uk/russia/article/0,,2081438,00.html
[6] http://www.seb.ee/
[7] http://www.smh.com.au/news/breaking-news/cyber-attacks-force-estonian-bank-to-close-website/2007/05/16/1178995171916.html
[8] http://www.cert.ee/
[9] mailto:fr@heise.de
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