Esa-Chef: Europäischer Astronaut soll dieses Jahrzehnt auf den Mond
Der ESA-Chef will in diesem Jahrzehnt einen europäischen Astronauten auf dem Mond sehen. Einen Wettkampf sieht Gerst unter den möglichen Kandidaten nicht.
(Bild: Skylines/Shutterstock.com)
Der Generaldirektor der Europäischen Weltraumagentur (ESA), Josef Aschbacher, hat große Ziele – und will dafür viel Geld. Im Interview sprach er über Europäer auf dem Mond, Ticketpreise für den Flug dorthin – und den Astronautennachwuchs.
Die europäische Rakete Ariane 6 ist immer noch nicht abgehoben, die deutsch-russische Marsmission Exomars wurde gestoppt und das europäische Servicemodul ESM der Mondmission Artemis ist noch nicht auf dem Weg zum Mond. Verbuchen Sie 2022 als ein Jahr der Rückschläge?
Josef Aschbacher: Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Wir haben sehr viele Erfolge gehabt. Ich nenne als Beispiel den Erstflug der Rakete Vega-C. Wir haben zudem erstmals einen Weltraumgipfel organisiert, auf dem EU und ESA gemeinsam Entscheidungen getroffen haben. Der Ministerrat im November, bei dem die ESA-Mitgliedstaaten Budget und Fahrplan für die kommenden drei Jahre festlegen, wird der krönende Abschluss des Jahres werden. Die Bekanntgabe der neuen Astronautenklasse im selben Monat wird ebenfalls ein Höhepunkt.
20.000 neue Bewerber mit Ziel Mond oder ISS
Wie wird diese Truppe zusammengesetzt sein?
Das kann man derzeit noch nicht sagen. Wir sind in den letzten Zügen der Auswahl. Wir hatten fast 22.000 Bewerbungen. In mehreren Stufen haben wir das auf 50 reduziert. Daraus werden wir noch mal auswählen. Die aussichtsreichsten Kandidaten werde ich selbst im Oktober interviewen und die neuen Astronautinnen und Astronauten persönlich auswählen. Wie viele es sind und ob Deutsche dabei sind, lässt sich noch nicht sagen.
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Die Zukunft der ISS ist ungewiss. Werden diese Astronauten ĂĽberhaupt jemals ins All fliegen?
Ja, natürlich. Wir wählen ja Astronauten aus, damit sie fliegen. Die Frage ist, wann. Es gibt zwei mögliche Ziele. Zum einen die ISS, die wir gemeinsam mit der NASA bis 2030 gerne weiterbetreiben wollen. Zum anderen gibt uns das NASA-Mondprogramm "Artemis" die Möglichkeit, Astronauten zur geplanten Station in der Mondumlaufbahn, dem "Lunar Gateway", zu bringen. Derzeit sind mit der NASA drei Flüge für ESA-Astronautinnen und -Astronauten vereinbart. Eventuell können wir auch einen Astronauten auf den Mond selbst bringen.
Warum gibt es dafĂĽr noch keine feste Zusage?
Glauben Sie mir, ich bringe das Thema jedes Mal auf den Tisch, wenn ich NASA-Chef Bill Nelson treffe. Ich will noch in diesem Jahrzehnt einen europäischen Astronauten oder eine europäische Astronautin auf dem Mond sehen.
"Der Mond wird zu einem neuen Wirtschaftsraum"
Ist das eine Frage des Geldes?
Solche Flüge von Astronauten bei der NASA werden nicht direkt bezahlt. Indirekt aber schon, in dem wir uns an Kooperationen beteiligen und entsprechend investieren. Wenn wir zum Beispiel wichtige Beiträge zum "Artemis"-Programm leisten, kann ich das bei Verhandlungen auf den Tisch legen. Deshalb ist es auch wichtig, dass der ESA-Ministerrat im November ein hohes Budget und viele vorgeschlagene Projekte freigibt. Das stärkt meine Position.
Die letzte bemannte Mondlandung ist jetzt 50 Jahre her. Welchen Mehrwert versprechen Sie sich von dem neuen Anlauf?
Wir haben eine gewisse Vorstellung, welche ökonomischen Vorteile uns das bringen kann. Allerdings können wir heute noch nicht das volle Potenzial des neuen Wirtschaftsraumes kennen. Ich bin aber persönlich überzeugt, dass es sich lohnt. Der Mond wird sich zu einem neuen Wirtschaftsraum entwickeln, der im nächsten Jahrzehnt voll zur Blüte gelangen wird. Wir stehen erst am Beginn, dieses Mal den Mond nachhaltig für unsere Projekte zu nutzen. Als Columbus nach Amerika kam, wusste er zunächst auch nicht, was das alles heißt.
Gerst sieht bei Mondmission keinen europäischen Astronauten-Wettkampf
Der Astronaut Alexander Gerst hält nichts von einem internen Wettbewerb der europäischen Raumfahrer bei der Auswahl der Teilnehmer für eine mögliche Mondmission. "Wir sind alle gut befreundet im Astronautenkorps", sagte der 46-Jährige nach einer mehrtägigen Expedition im Nördlinger Ries, einem fast 15 Millionen Jahre alten Meteoritenkrater in Bayern und Baden-Württemberg. "Es hängt nicht davon ab, dass man besser sein muss als der andere, um früher fliegen zu können." Alle Kandidaten seien auf einem ähnlichen Level.
"Bei der Auswahl geht es auch um Politik"
Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) bereitet ihre Astronauten darauf vor, dass sie in einigen Jahren bei einer der geplanten "Artemis"-Missionen der NASA mit zum Mond fliegen können. Bislang sehe es so aus, dass es bei drei Missionen Plätze für Europäer gebe, meinte Gerst. Dafür kämen derzeit sieben Astronauten in Frage. Europa sei ein wichtiger Teil der neuen Mondmissionen, betonte Gerst. "Wir fliegen nicht als Gäste mit, sondern wir bauen die Hälfte des Raumschiffes", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.
Bei der Auswahl der Teilnehmer gehe es letztlich auch um politische Fragen, sagte Gerst. Denn in Europa würden die Flüge auch zwischen den Mitgliedsstaaten verteilt. Gerst sieht keine Konkurrenzsituation, auch nicht zu dem zweiten aktiven deutschen Astronauten Matthias Maurer. "Wir sehen das sehr entspannt, alle von uns, also nicht nur der Herr Maurer und ich." Außerdem sei es noch eine Weile bis zu dem ersten Mondflug mit einem europäischen Teilnehmer. "Es gibt einfach wichtigere Sachen, als die Personalie zu entscheiden", meinte Gerst zu der derzeitigen Situation.
Maurer selbst hatte kĂĽrzlich gesagt, es sei schade, "dass es so dargestellt wird, als seien wir Konkurrenten, nur, weil wir beide auf der ISS waren". Vielleicht stehe in ein paar Jahren auch jemand anderes im Fokus, sagte Maurer.
Zur Schulungen nach Nördlingen
Der Geophysiker, Vulkanologe und frühere ISS-Kommandant Gerst, der den Spitznamen "Astro-Alex" hat, gilt als aussichtsreicher Kandidat. Er war bereits zweimal auf der Internationalen Raumstation im Einsatz. Rund um Nördlingen hat er nun mit der NASA-Anwärterin Stephanie Wilson Gesteinsproben untersucht. Wilson könnte die erste Frau werden, die die Mondoberfläche betritt.
Seit einem halben Jahrhundert bereiten sich immer wieder Astronauten in dem Krater in Deutschland, der 25 Kilometer Durchmesser hat, auf Raumflüge vor. Die NASA hatte erstmals 1970 Teilnehmer der "Apollo"-Mondmissionen zu Schulungen nach Nördlingen geschickt.
"Wir mussten quasi lesen lernen, dass man aus Gesteinen eine Geschichte herauslesen kann", berichtete Gerst über die Ausbildung. "Jede Art von Gesteinen, hat eine eigene Geschichte." Ein Meteoriteneinschlag wie bei Nördlingen hinterlasse andere Steine als ein früherer Vulkan. Es gehe darum, dass man sich dies einprägt, damit man dann auf dem Mond relevante Gesteine erkennt.
Zuvor waren Gerst und Wilson bereits bei einer Exkursion in der Bletterbachschlucht in den italienischen Dolomiten. Im November soll der Kurs auf der spanischen Insel Lanzarote fortgesetzt werden.
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Die US-Weltraumbehörde NASA hatte zuletzt zweimal einen unbemannten Start im Zuge der Mondmission "Artemis" wegen technischer Probleme abgesagt. Ende September ist nun ein neuer Start geplant. Die Schwierigkeiten, die aufgetreten sind, beunruhigen Gerst nicht. Es handele sich um ein Testsystem und da sei so etwas normal. "Einen Fehlstart fände ich schlimm, aber ein kleines technisches Problem wiederum gar nicht", sagte er.
(bme)