Es lebe der Sport (Button)

Das mit dem Sportknopf ist eine ungesunde Wucherung geworden. Ich möchte eine Welt, in der ich eine Autobroschüre lesen kann, ohne Ausschlag ... ich meine: ohne "Sport-Button" lesen zu müssen

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Boxengasse Cartagena, ein Mietwagen mit Rennfahrer am Steuer. "Ich drücke jetzt den SPORT-Button, und dann wird es voll abgehen!", brüllt er. Dann steigt er aufs Gas. Nach fünf Metern noch auf dem Parkplatz ein Nothalt, weil die Insassen vor Lachtränen alle nichts mehr sehen. Das Auto piept empört und riecht sehr ungekühlt. Es gebärdet sich wie eine alte Katholin, die zum Casting einer Koch-Show wollte, aber irgendwie auf der Casting-Couch von "Gangbang am Ballermann XXIV" gelandet ist. Die Autoindustrie hat die prinzipiell interessante Idee "Sport-Button" mit der Zeit zuschind geritten. Wieso hat so eine adipöse Kuh von Auto einen "Sport"-Knopf – gerade im Hinblick auf den Fakt, dass im konkreten Fall ja "Peugeot" außen drauf stand? Meine Waschmaschine hat doch auch keinen Sportknopf, und ich würde dort auch keinen wollen, nicht mal für Sportsachen.

Vielleicht hat BMW deshalb in einer Sondersitzung der Marketing-Vollversammlung in deren Plenarsaal "Olympiahalle" den Sportknopf in "Fahrerlebnisschalter" umgetauft. Das lässt ja aufmerken beim Lesen: Huch! Fahrerlebnis! Was passiert denn, wenn ich diesen Schalter drücke? Gibt sich mein Einser dann in Zahlung und kauft mir eine Ducati? Doch so weit sind wir offenbar noch nicht. Die Schalterwippe wählt bei den Standardausstattungen nur zwischen normalem Motor-Ansprechen und einem NEFZ-Ansprechverhalten auf Valium, das mehr Tankreichweite herausholen soll. Weil Tankreichweite zuerst am Fahrer liegt, bräuchte ich persönlich diese Wippe nicht auf meiner Mittelkonsole, aber zumindest folgt der Ansatz seiner eigenen, arbiträren Logik, ohne jemandem wirklich wehzutun. Das ist aber nicht immer so.

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Der Fahrerlebnisschalter ist weniger erlebnisreich als angenommen.

(Bild: BMW)

Dazu muss man gar nicht das Eingangsbeispiel Peugeot erwähnen, sondern kann im Hause BMW bleiben. Als mir damals das Superbike S 1000 RR ausgehändigt wurde, regnete es. Ein wohlmeinender Mitarbeiter der BMW AG hatte deshalb das Setting "Rain" eingestellt, das so gut gemeint war, dass es gefährlich werden konnte. Es beschnitt das ohnehin nicht brachiale Drehmoment des Kurzhubers im unteren Drehzahlbereich derart krass, dass man an jedem Ampelstart mit dem Abwürgen kämpfte und an jedem Fahrzustandswechsel so ausholend am trägen Gasgriff drehte, als wäre es eine Pfeffermühle. Paradoxerweise war im späteren Test aus eben diesem Grund ausgerechnet der Modus "Race" der beste auch im Regen, weil der das exakteste Ansprechverhalten mit dem Wunsch verschiedener Tester nach vorhandenem Anfahrdrehmoment kombinierte.

Oder der alte BMW M6 mit dem Zehnzylinder: Beim ersten Losfahren standen maximal 400 PS zur Verfügung, obwohl die Nennleistung des V10 bei 507 PS lag. Um die zu haben, musste man entweder den Hooligan-Knopf "M" drücken, der alles auf aggro schaltete, oder sich mit den Einstellungen im iDrive so intim beschäftigen, wie es sich das iDrive-Team von BMW wünscht, aber kein normaler Mensch aushält. Beides waren keine realistischen Optionen für die Kundschaft des M6 auf der Autobahn. Wenn ich von meinen 507 PS am Ende doch nur 400 möchte, habe ich dazu ein sogenanntes "Gaspedal". Ich brauche kein hierarchisches Menü vom Umfang eines zehn Jahre alten Windows-Startmenüs. Ebenso weigere ich mich prinzipiell, Wenigdrehmomentmodi bei 600-ccm-Hochdrehzahl-Motoren zu testen, die meistens auch "Rain" heißen. Diese Dinger haben eh wenig Drehmoment. Die Leistung kommt aus hoher Drehzahl. Es kann dem 600er-Fahrer also gar nicht passieren, dass ihn ein brutaler Leistungseinsatz überrascht, weil er die Leistung sehr bewusst durch einen Stepptanz auf dem Schalthebel abrufen muss.

Eigentlich bin ich ja dafür, Einstellungen am Fahrzeug vornehmen zu können. Noch wichtiger finde ich allerdings, vor allem im Hinblick auf die von Featureitis überforderte Kundschaft, dass es für diese Einstellungen ein vernünftiges Grund-Setup gibt und keine verwirrenden Knöpfe, deren Funktion bei nüchterner Betrachtung nur Marketing ist. Apple hat vorgeführt, dass uns Käufern eine einfach zugängliche Benutzerschnittstelle eminent wichtig ist. Ein 600er-Supersport-Motorrad braucht keinen Knopf für "Rain". Ein riesiger V10 braucht keinen Menüpunkt für "ja, ich möchte die bezahlte Nennleistung bitte auch abrufen können". Ein Peugeot braucht keinen Sport-Button.

Bei näherer Betrachtung gibt es überhaupt nur sehr wenige sinnvoll ausgeführte Sportknöpfe. Als Top Gear zum Beispiel die Rundenzeiten des aktuellen Golf GTI maß, kamen auf Sport, Normal und Komfort die gleichen Werte heraus. Die schnellste Zeit fiel um ein (vernachlässigbares) Zehntel ausgerechnet im Komfort-Modus, und das auf einer topfebenen Strecke, auf der das "Sport"-gehärtete Fahrwerk hätte punkten können sollen. Welch Potenzial zur Vereinfachung! Die Fahrwerkseinstellungsservos des DCC einfach weglassen, den Modus-Wahlschalter genauso, und stattdessen, VW, wie wäre das denn?, ein ESP-Aus-Knopf im GTI, der das ESP wirklich ausschaltet, anstatt nur so zu tun. Meinetwegen können wir den dann "Sport-Button" nennen. (cgl)