zurück zum Artikel

Erdbeben in Japan: Eine Nuklearkatastrophe der höchsten Stufe 7 [3. Update]

JĂŒrgen Kuri

In Japan stieg die Zahl der Toten auf 13.551. Nachbeben und kontaminiertes KĂŒhlwasser behindern die Arbeiten im havarierten AKW. Die Schwere des Unfalls wurde mittlerweile wie Tschernobyl auf Stufe 7 eingeordnet; die Verseuchung der Umwelt nimmt zu.

Über vier Wochen nach dem verheerenden Erdbeben der StĂ€rke 9 und dem darauf folgenden Tsunami in Japan steigen die Opferzahlen immer noch. Die japanische Polizei spricht momentan [1] von 13.116 Toten. Zudem sind derzeit noch 14.377 Menschen als vermisst registriert. Insgesamt rechnen die Behörden mit ĂŒber 28.000 Toten. 147.000 Menschen leben noch in Evakuierungszentren, die ĂŒber 18 japanische PrĂ€fekturen verteilt wurden. Am Montag, 11. April 17:16 japanischer Zeit [2] (9:16 MEZ), erschĂŒtterte ein weiteres Erdbeben der StĂ€rke 7,1 den Nordosten Japans, der von den vorherigen Beben bereits stark zerstört ist. Das Epizentrum lag 30 km sĂŒdwestlich der KĂŒste von Fukushima [3]. Auch eine neue Tsunami-Warnung vor Wellen bis zu 1 m Höhe wurde ausgegeben. Erneut wurden deswegen die Arbeiter aus dem AKW Fukushima Daiichi [4] abgezogen, es habe aber keine weiteren SchĂ€den am Kraftwerk gegeben.

Auch wenn die japanische Regierung und Kraftwerksbetreiber Tokyo Electric Power von langsamen Fortschritten [5] und sinkender Gefahr [6] weiterer starker radioaktiver Verseuchung der Umwelt sprechen, ist die Lage im außer Kontrolle geratenen AKW Fukushima Daiichi [7] mit seinem insgesamt 6 Reaktoren noch lange nicht unter Kontrolle. Die japanische Regierung beschloss nun, die Evakuierungszone rund um das havarierte Kraftwerk auf 30 km auszuweiten, berichtete [8] die japanische Nachrichtenagentur Nikkei unter Berufung auf den Regierungssprecher Yukio Edano. Bislang galt die Sperrzone nur fĂŒr ein Gebiet mit einem Radius von 20 km rund um das Atomkraftwerk; den Bewohnern von StĂ€dten und Dörfern in der Zone zwischen 20 und 30 km war bislang empfohlen worden, ihre HĂ€user nicht zu verlassen. Die mit der UN assoziierte [9] Atomaufsichtsorganisation IAEA [10] hatte bereits vor einigen Tagen erklĂ€rt, von ihren Technikern erhobene Messwerte sprĂ€chen dafĂŒr, dass weitere Gebiete evakuiert werden mĂŒssten. Die japanische Regierung geht nun davon aus, dass langfristige radioaktive Belastung durch die Kontamination des Erdbodens nach den UnfĂ€lle in Fukushima Daiichi die Bevölkerung in der Zone schĂ€digen könne; sie hat daher die Dosis, ab der ein Gebiet evakuiert werden soll, von 50 MilliSievert pro Jahr auf 20 MilliSievert pro Jahr gesenkt [11].

Die beschĂ€digten Reaktoren 1 bis 3 in dem Reaktor mĂŒssen derzeit immer noch von außen gekĂŒhlt werden, ebenso die Abklingbecken fĂŒr verbrauchte Brennelemente der Reaktoren 1 bis 4. Die Arbeiten an der Wiederherstellung der Kontroll- und Steuerungsfunktionen in den teilweise schwer beschĂ€digten ReaktorgebĂ€uden und an den ausgefallenen KĂŒhlsystemen werden weiter durch schwer radioaktiv kontaminiertes Wasser behindert, das in den GebĂ€uden herumschwappt. Die Stromversorgung zu den Reaktoren ist zwar wieder intakt, aber die KontrollrĂ€ume und die Sensoren arbeiten noch nicht wieder ausreichend, die normalen KĂŒhlsysteme sind nicht in Betrieb; es wird extern Wasser zur KĂŒhlung zugefĂŒhrt. Ob die KĂŒhlsysteme, die nach dem Erdbeben und dem Tsunami durch Versagen der Stromversorgung und die Explosionen im Kraftwerk ausfielen, wieder in Betrieb gesetzt werden können beziehungsweise welche Reparaturen notwendig sind, ist weiter unklar.

Die aktuelle StatusĂŒbersicht [12] des japanischen Atomforums vom 11. April 16:00 japanischer Zeit [13] (8:00 MEZ) zeigt keine VerĂ€nderung im Status der Reaktoren. Nach dem Beben kam es in den ReaktorgebĂ€uden zu Stromausfall, was die KĂŒhlsysteme lahmlegte. Explosionen zerstörten die ReaktorgebĂ€ude teilweise schwer, es gab zudem große SchĂ€den am Containment; teilweise werden sogar BeeintrĂ€chtigungen der ReaktordruckbehĂ€lter vermutet. Durch die fehlende KĂŒhlung wurden die Brennelemente in den Reaktoren 1 bis 3 beschĂ€digt, die Reaktorkerne sind ganz oder teilweise freigelegt. Man muss weiter davon ausgehen, dass es teilweise Kernschmelzen gab, die Gefahr weiterer Kernschmelzen ist noch lange nicht gebannt. Der Statusbericht wurde insoweit aktualisiert, dass fĂŒr Reaktoren 1, 2 und 3 ein BeschĂ€digungsgrad der Brennelemente von 70, 30 und 25 Prozent angegeben wird; dies beruhe auf SchĂ€tzungen durch Tokyo Electric Power anhand der gemessenen RadioaktivitĂ€t im Containment. Die Abklingbecken fĂŒr abgebrannte BrennstĂ€be bei den Reaktoren 3 und 4 sind nicht ausreichend mit KĂŒhlwasser versorgt, die BrennstĂ€be in den Becken teilweise beschĂ€digt. FĂŒr die ReaktordruckbehĂ€lter heißt es immer noch, ihr Zustand sei, was die strukturelle IntegritĂ€t angehe, unbekannt. Das Containment von Reaktor 1 und 3 soll nicht beschĂ€digt sein, bei Reaktor 2 soll es BeschĂ€digungen und Lecks geben.

Im Wasser, das im GebĂ€ude des Reaktors 2 und den nach außen fĂŒhrenden KanĂ€len steht, wurden RadioaktivitĂ€tswerte von mehr als 1000 MilliSievert pro Stunde gemessen. In Reaktor 4 wurden in Wasseransammlungen in SchĂ€chten Belastungen von 100 MilliSievert pro Stunde festgestellt. Durch die gestörten Kontroll- und Steuerfunktionen scheinen auch die Messwerte ĂŒber die RadioaktivitĂ€t in den ReaktorgebĂ€uden und -Containments sehr unzuverlĂ€ssig zu sein: Teilweise wurden ĂŒber 100 Sievert pro Stunde im Containment gemessen [14] – Tokyo Electric Power ebenso wie die japanische Atomaufsichtsbehörde NISA fĂŒhren dies aber auf Messfehler durch gestörte Sensoren zurĂŒck. Die IAEA hĂ€lt eine radioaktive Dosis durch die natĂŒrliche Umweltstrahlung [15] von 0,2 bis 0,3 MikroSievert pro Stunde (2,4 MilliSievert pro Jahr) fĂŒr normal, in Deutschland [16] liegt die natĂŒrliche Umweltstrahlung bei bis zu 0,2 MikroSievert pro Stunde (1,7 MilliSievert pro Jahr). Im Artikel Die unsichtbare Gefahr [17] erlĂ€utert Veronika Szentpetery von Technology Review, was die erhöhten Strahlungswerte im AKW Fukushima Daiichi und in der Umgebung bedeuten.

Um das Wasser aus den ReaktorgebĂ€uden abzupumpen, wurden 11.500 Tonnen schwach radioaktiven Wassers aus Tanks ins Meer abgelassen – da die Tanks voll waren, konnte kein weiteres Wasser aus den ReaktorgebĂ€uden abgepumpt werden. Die RadioaktivitĂ€t im ins Meer ausgeleiteten Wasser soll etwa 100-fach ĂŒber dem eigentlich erlaubten Grenzwert gelegen haben. Die jeweils neuesten Messwerte ĂŒber die radioaktive Belastung von Erdboden und Seewasser gibt die IAEA in einem tĂ€gliche Status-Update [18] bekannt. Tokyo Electric Power will nun [19] rund 700 Tonnen stark kontaminierten Wassers aus den Reaktoren in den Condenser von Reaktor 2 pumpen.

Bislang betrachtet die japanische Nuklearaufsichtsbehörde die VorgĂ€nge in Fukushima Daiichi als einen Unfall der Stufe 5 (accident with wider consequences) auf International Nuclear Events Scale (INES [20]). Der Unfall in Harrisburg ist auf INES ebenfalls auf Stufe 5 eingeordnet, die Katastrophe von Tschernobyl auf der höchsten Stufe 7 (major accident). Wolfgang Weiss, Chef des wissenschaftlichen Komitees der UN ĂŒber die Effekte von RadioaktivitĂ€t, meinte allerdings vor Kurzem, der Unfall im AKW Fukushima Daiichi mĂŒsse wahrscheinlich eher auf Stufe 6 eingeordnet werden: Die Situation in Fukushima habe nicht so weitgehende Auswirkungen wie der Unfall in Tschernobyl [21], sei aber weit ernster als die VorfĂ€lle in Harrisburg [22]. Im AKW Three Mile Island war es zu einer Kernschmelze gekommen. In Tschernobyl kam es zu schweren Explosionen eines Reaktors, bei denen große Mengen radioaktives Material in die Umwelt ausgesetzt wurden und sich ĂŒber weite Teile Europas verteilten. Bis heute sind auch in einigen Regionen Deutschlands vor allem Pilze und Wildtiere stark radioaktiv belastet.

[1. Update (12.4., 10:25): Die japanische Atomaufsichtsbehörde NISA hat mittlerweile ihre EinschĂ€tzung ĂŒber die Schwere der Nuklearkatastrophe in Fukushima Daiichi korrigiert [23]. Sie ordnet die UnfĂ€lle in dem Atomkraftwerk vorlĂ€ufig nun auf International Nuclear Events Scale (INES [24]) auf der höchsten Stufe 7 (major accident) und damit auf der gleichen Stufe wie den Tschernobyl-Unfall ein. Die Korrektur der Einstufung von 5 auf 7 erfolge aufgrund der Informationen ĂŒber die VorgĂ€nge im Kraftwerk und die Kontamination der Umwelt, die man nach dem 18. MĂ€rz erhalten habe. Die Einstufung werde nach Untersuchungen durch Nuklearexperten endgĂŒltig festgelegt.

Der Umfang, in dem radioaktive Materialien in die Umwelt gelangt seine, liege aber nur bei ungefĂ€hr 10 Prozent dessen, was beim Unfall von Tschernobyl freigesetzt worden sei. In Fukushima Daiichi seien bislang zwischen 370.000 und 630.000 Terabecquerel an Jod-131 und CĂ€sium-137 freigesetzt worden: Nach SchĂ€tzung der NISA waren es 3,7 × 1017 Becquerel, nach Meinung der japanischen Nuclear Safety Commission waren es 6,3 × 1017 Becquerel; als Vergleich gibt die NISA fĂŒr Tschernobyl eine Freisetzung von 5,2 ×1018 Becqerel an. Ein großer Teil der freigesetzten radioaktiven Materialien soll aus Reaktor 2 stammen, dessen Containment beschĂ€digt wurde. Die japanischer Regierung betont aber, die Unterschiede zwischen dem Unfall in Tschernobyl und dem in Fukushima Daiichi seien immens, vor allem, da die Reaktoren selbst nicht wie in Tschernobyl in die Luft geflogen seien. Kraftwerksbetreiber Tokyo Electric Power erklĂ€rte allerdings laut der Nachrichtenagentur Kyodo [25], die Gesamtmenge an in die Umwelt abgebenen radioaktiven Isotopen könne eventuell die von Tschernobyl noch ĂŒbersteigen. Derzeit soll noch unter 1 Terabecquerel pro Stunde freigesetzt werden. Die Regierung hatte kurz zuvor bekanntgegeben [26], dass die gemessene RadioaktiviĂ€tsdosis in einer Stadt 24 km nordwestlich des Kraftwerks auf 34 MilliSievert fĂŒr die vier Wochen seit dem Erdbeben erreicht habe, das entspreche einer Dosis von 314 MilliSievert pro Jahr. Der erlaubte Grenzwert liege bei 100 MilliSievert pro Jahr.

Beim erneuten Nachbeben der StĂ€rke 7,1 am 11. April war in Fukushima Daiichi erneut die externe KĂŒhlung fĂŒr bis zu 50 Minuten ausgefallen. Am Dienstag, 12. April, gab es erneut ein Nachbeben der StĂ€rke 6,3. Auch dieses Mal wurden die Arbeiter aus dem Kraftwerk zeitweilig abgezogen, es kam aber zu keiner neuen Unterbrechung der KĂŒhlung der Reaktoren und Abklingbecken durch externe Wasserzufuhr.]

[2. Update (13.4., 15:05): Laut der japanischen Polizei sind in Japan durch die Folgen des Erdbebens mehr als 28.000 Menschen tot oder vermisst. Bislang wurden 13.333 Tote identifiziert. 15.500 Menschen gelten noch als vermisst. Die meisten Toten gibt es in den drei am stĂ€rksten vom Erdbeben und der Flutwelle betroffenen PrĂ€fekturen Miyagi, Iwate und Fukushima, berichtet [27] der japanische Fernsehsender NHK. Insgesamt 140.000 Menschen leben in NotunterkĂŒnften, rund 22.000 Menschen wurden aus den drei am stĂ€rksten betroffenen PrĂ€fekturen evakuiert. Insgesamt 300.000 Haushalte in acht PrĂ€fekturen sind noch von der Wasserversorgung abgeschnitten.

Die Arbeiten zum Abpumpen des stark radioaktiv verseuchten Wassers im GebĂ€ude des Reaktors 2 von Fukushima Daiichi gehen weiter. Laut Kraftwerksbetreiber Tokyo Electric Power habe sich gezeigt, dass die meisten BrennstĂ€be im Abklingbecken von Reaktor 4, wo es die meisten Probleme mit der KĂŒhlung gab, nicht beschĂ€digt seien. Allerdings bestĂ€tigte Tokyo Electric Power damit zum ersten Mal, dass ĂŒberhaupt Teile der verbrauchten BrennstĂ€be beschĂ€digt seien; am Dienstag habe man eine Probe aus dem Wasser im Abklingbecken genommen und unnormal erhöhte Werte von Jod-131 [28], CĂ€sium-134 [29] und CĂ€sium-137 [30] entdeckt.

Derweil werden neue Werte ĂŒber die radioaktive Belastung der Umwelt bekannt: In einer Wasserprobe, die im Meer rund 30 km östlich des Kraftwerks genommen wurde, fanden sich 88,5 Becquerel pro Liter an Jod-131. Das sei das 2,2-fache des Grenzwerts, den die Regierung fĂŒr Abwasser aus Atomkraftwerken festgelegt habe, hieß es. Auch die bislang höchsten Werte fĂŒr CĂ€sium-137 seien festgestellt worden, diese lĂ€gen aber noch unter den Grenzwerten. In sechs beziehungsweise acht PrĂ€fekturen wurden an Land Belastungen mit Jod-131 beziehungsweise CĂ€sium-137 gemessen, die bei 2,1 bis 35 Becquerel pro Quadratmeter (Jod-131) respektive 5,2 bis 41 Becquerel pro Quadratmeter lagen, gab die IAEA bekannt [31]. In 47 PrĂ€fekturen wurden die radioaktiven Dosen gemessen, sie sollen nach Angaben der IAEA eine abnehmende Tendenz zeigen. In der PrĂ€fektur Fukushima lag der Wert bei 2,1 MikroSievert pro Stunde, in Ibaraki bei 0,15 MikroSievert pro Stunde und in allen anderen PrĂ€fekturen bei 0,1 MikroSievert pro Stunde. Außerhalb der 30-km-Zone, auf die die Evakuierung der Bevölkerung rund um das Atomkraftwerk ausgedehnt werden soll, wurde im Erdboden das radioaktive Strontium-90 [32] entdeckt: Die Belastung lag bei 3,32 bis 32 Becquerel pro Kilogramm. Sehr Geringe Mengen von Strontium-90, die laut dem japanischen Forschungsministerium kein Gesundheitsrisiko darstellen, seien auch in Pflanzen in einem Umkreis von 40 bis 80 km um das Kraftwerk gefunden worden. Genommen wurden die Proben bereits zwischen dem 16. und 19. MĂ€rz. In Japans Hauptstadt Tokio soll sich die gemessene radioaktive Belastung wieder auf Werte wie vor dem Nuklearunfall in Fukushima Daiichi normalisiert haben.

Japans Premierminister Naoto Kan ist der Ansicht, dass sich die "nukleare Krise" in Fukushima Daiichi in den letzten Tagen nach und nach etwas gebessert habe. Es sei aber keineswegs angebracht, bei der Eingrenzung des Nuklearunfalls nachlĂ€ssig zu werden. Man könne derzeit immer noch nicht vorhersagen, was in dem Kraftwerk in den nĂ€chsten Tagen noch alles passieren könne. Kan erklĂ€rte [33] aber auch, dass die Evakuierungszone um deas Kraftwerk fĂŒr 20 Jahre unbewohnbar bleiben könnte. FĂŒr bis zu 100.000 Evakuierte könnte eine umweltfreundliche Stadt "nach Vorbild der deutschen GartenstĂ€dte" im Landesinnern gebaut werden.]

[3. Update (15.4., 14:20): Die Zahl der Todesopfer ist in Japan nach offiziellen Angaben mittlerweile auf 13.551 gestiegen, von denen 11.367 bereits identifiziert wurden. Immer noch sind zudem 14.563 Menschen als vermisst gemeldet. Aufgrund der besonders starken Zerstörungen in einigen vom Erdbeben und der anschließenden Flutwelle betroffenen Gebieten lĂ€sst sich die Zahl der Vermissten allerdings nicht sicher angeben. Auch wird weiterhin befĂŒrchtet, dass die Zahl der Opfer weiter ansteigt, da noch lange nicht alle Gebiete durchsucht wurden. Am Donnerstag wurde erstmals eine Suche im Umkreis von 10 km um das außer Kontrolle geratene AKW Fukushima Daiichi durchgefĂŒhrt.

WĂ€hrend die Arbeiter im Kraftwerk weiter darum bemĂŒht sind, das hoch radioaktiv verseuchte Wasser aus den ReaktorgebĂ€uden in Tanks zu pumpen, um die Arbeiten an der Wiederherstellung der Kontrollfunktionen und der KĂŒhlsysteme der Reaktoren wieder aufnehmen zu können, steigt die Belastung des Grundwassers im Bereich der ReaktorgebĂ€ude. Laut Kraftwerksbetreiber Tokyo Electric Power kletterte die gemessene Kontamination mit Jod-131 von 72 Becquerel pro Kubikmeter am 6. April auf 400 Becquerel pro Kubikmeter am 13. April. Die Belastung mit CĂ€sium-134 stieg von 1,4 auf 53 Becquerel pro Kubikmeter. Insgesamt sollen rund 60.000 Tonnen stark kontaminiertes Wasser, das aus den externen KĂŒhlversuchen fĂŒr die Reaktoren stammt, in den ReaktorgebĂ€uden stehen. Bislang konnten die Arbeiter lediglich knapp 700 Tonnen aus dem GebĂ€ude von Reaktor 2 abpumpen, was den Wasserstand kaum verringerte – im Gegenteil, nach anfĂ€nglichen Absinken stieg das Wasser wieder an. Das Abpumpen wird teilweise konterkariert durch die fĂŒr die KĂŒhlung weiter notwendige externe Zufuhr von Wasser.

Mittlerweile erklĂ€rte [34] die Atomic Energy Society of Japan (AESJ [35]), dass die KernbrennstĂ€be in den Reaktoren 1 bis 3 tatsĂ€chlich teilweise geschmolzen seien und sich wahrscheinlich als granulares Material am Boden der DruckbehĂ€lter abgesetzt habe. Allerdings sei die gemessene Temperatur relativ niedrig, sodass es unwahrscheinlich sei, dass große Mengen an geschmolzenen BrennstĂ€ben angefallen seien. Eine RekritikalitĂ€t [36] (das ungeplante Wiedereinsetzen der Kettenreaktion) sei zudem aller Voraussicht nach auszuschließen: Man gehe davon aus, dass sich die Körner aus geschmolzenen Brennelementen, die einen Durchmesser zwischen einigen Millimetern und einem Zentimeter haben sollen, gleichmĂ€ĂŸig auf dem Boden der DruckbehĂ€lter verteilt haben.

Tokyo Electric Power gab bekannt [37], man werde vorlĂ€ufige EntschĂ€digungen an die Bewohner der von dem Nuklearunfall im AKW Fukushima Daiichi betroffenen Gebiete zahlen – eingeschlossen sollen alle Haushalte in einem Umkreis von 30 km um das Kraftwerk sein (die Evakuierungszone umfasst derzeit einen Umkreis von 20 km, im Bereich von 20 bis 30 km wird den Menschen empfohlen, ihre HĂ€suer nicht zu verlassen; die Evakuierungszone soll aber auf einen Bereich mit einem Durchmesser von 30 km um das Kraftwerk ausgedehnt werden). Jede Familie in dieser Zone soll 1 Millionen Yen (rund 8.300 Euro) erhalten, ein Ein-Personen-Haushalt bekommt rund 6.200 Euro.]

Siehe zum Erdbeben in Japan und der Entwicklung danach auch:

Zu den technischen HintergrĂŒnden der in Fukushima eingesetzten Reaktoren und zu den VorgĂ€ngen nach dem Beben siehe:

(jk [69])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-1225298

Links in diesem Artikel:
[1] http://e.nikkei.com/e/fr/tnks/Nni20110411D11EE598.htm
[2] http://www.timeanddate.com/worldclock/personal.html?cities=1440%2C37%2C248
[3] http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Fukushima,+Japan&aq=1&sll=49.11658,6.178951&sspn=0.086402,0.121708&ie=UTF8&hq=&hnear=Fukushima,+Pr%C3%A4fektur+Fukushima,+Japan&ll=37.313383,141.108398&spn=3.468675,3.894653&z=8&iwloc=A
[4] http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Fukushima+Daiichi&aq=&sll=38.268837,140.8721&sspn=3.424158,3.894653&ie=UTF8&hq=&hnear=Kernkraftwerk+Fukushima+Daiichi&z=14&iwloc=A
[5] http://e.nikkei.com/e/ac/tnks/Nni20110411D11JF621.htm
[6] http://e.nikkei.com/e/fr/tnks/Nni20110411D11JF603.htm
[7] https://www.heise.de/news/Erdbebenkatastrophe-in-Japan-Nachbeben-und-ein-AKW-ausser-Kontrolle-8-Update-1208720.html
[8] http://e.nikkei.com/e/ac/tnks/Nni20110411D11JF635.htm
[9] http://www.iaea.org/About/mission.html
[10] http://www.iaea.org
[11] http://english.kyodonews.jp/news/2011/04/84604.html
[12] http://www.jaif.or.jp/english/news_images/pdf/ENGNEWS01_1302509043P.pdf
[13] http://www.timeanddate.com/worldclock/personal.html?cities=1440%2C37%2C248
[14] http://atmc.jp/plant/rad/
[15] http://www.iaea.org/Publications/Factsheets/English/radlife.html
[16] http://odlinfo.bfs.de/
[17] http://www.heise.de/tr/artikel/Die-unsichtbare-Gefahr-1210587.html
[18] http://www.iaea.org/newscenter/news/tsunamiupdate01.html
[19] http://e.nikkei.com/e/ac/tnks/Nni20110411D11JF621.htm
[20] http://www-ns.iaea.org/tech-areas/emergency/ines.asp
[21] http://de.wikipedia.org/wiki/Katastrophe_von_Tschernobyl
[22] http://de.wikipedia.org/wiki/Harrisburg-Kernkraftwerkunfall#Der_Unfall_vom_28._M.C3.A4rz_1979
[23] http://www.nisa.meti.go.jp/english/files/en20110412-4.pdf
[24] http://www-ns.iaea.org/tech-areas/emergency/ines.asp
[25] http://english.kyodonews.jp/news/2011/04/84888.html
[26] http://www3.nhk.or.jp/daily/english/12_07.html
[27] http://www3.nhk.or.jp/daily/english/13_26.html
[28] http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Isotope/5._Periode#53_Iod
[29] http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Isotope/6._Periode#55_Caesium
[30] http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Isotope/6._Periode#55_Caesium
[31] http://www.iaea.org/newscenter/news/tsunamiupdate01.html
[32] http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Isotope/5._Periode#38_Strontium
[33] http://www.faz.net/s/RubB08CD9E6B08746679EDCF370F87A4512/Doc~ED10B89C9E28640668B1B08186335D892~ATpl~Ecommon~Scontent.html
[34] http://english.kyodonews.jp/news/2011/04/85725.html
[35] http://www.aesj.or.jp/index-e.html
[36] http://www.heise.de/tr/artikel/Der-Alptraum-von-Fukushima-1207205.html?artikelseite=2
[37] http://www3.nhk.or.jp/daily/english/15_29.html
[38] http://www.heise.de/tr/artikel/Dossier-Der-GAU-in-Japan-und-die-Debatte-um-die-Kernenergie-1211910.html
[39] http://www.heise.de/tr/artikel/Der-Alptraum-von-Fukushima-1207205.html?artikelseite=2
[40] http://www.heise.de/tp/blogs/2
[41] https://www.heise.de/news/Erdbeben-in-Japan-Neues-schweres-Beben-und-eine-nukleare-Katastrophe-von-Dauer-3-Update-1222745.html
[42] https://www.heise.de/news/Erdbeben-in-Japan-Eine-andauernde-nukleare-Katastrophe-3-Update-1220940.html
[43] https://www.heise.de/news/Erdbeben-in-Japan-Ein-langer-Kampf-gegen-die-nukleare-Katastrophe-2-Update-1217780.html
[44] https://www.heise.de/news/Erdbeben-in-Japan-Plutonium-freigesetzt-2-Update-1215956.html
[45] https://www.heise.de/news/Erdbeben-in-Japan-Mehr-als-10-000-Tote-gezaehlt-1215094.html
[46] https://www.heise.de/news/Erdbeben-in-Japan-Fortschritte-und-Rueckschlaege-im-Kampf-gegen-die-Nuklearkatastrophe-1-Update-1213065.html
[47] https://www.heise.de/news/Erdbeben-in-Japan-Gestiegene-Opferzahlen-nur-langsame-Fortschritte-im-AKW-Fukushima-3-Update-1211246.html
[48] https://www.heise.de/news/Erdbeben-in-Japan-Stromleitung-fuer-Kuehlpumpen-liegt-Blackouts-gehen-weiter-1211046.html
[49] http://www.heise.de/newsticker/meldung/Erdbeben-in-Japan-Arbeiten-gegen-die-Nuklearkatastrophe-2-Update-1210317.html
[50] https://www.heise.de/news/Erdbebenkatastrophe-in-Japan-Nachbeben-und-ein-AKW-ausser-Kontrolle-8-Update-1208720.html
[51] http://www.heise.de/newsticker/meldung/Erdbeben-und-Tsunami-in-Japan-11-Update-1205969.html
[52] http://www.heise.de/newsticker/meldung/Erdbeben-und-Tsunami-in-Japan-11-Update-1205969.html
[53] https://www.heise.de/news/Katastrophe-in-Japan-Freescale-baut-beschaedigte-Chipfabrik-nicht-wieder-auf-1223794.html
[54] https://www.heise.de/news/Katastrophe-in-Japan-Bitkom-warnt-vor-Lieferschwierigkeiten-und-Preissteigerungen-1221436.html
[55] https://www.heise.de/news/Mehrere-Unterseekabel-in-Folge-des-Erdbebens-defekt-1208663.html
[56] https://www.heise.de/news/Japan-Engpaesse-bei-Speicherchips-und-anderen-Bauelementen-befuerchtet-1208517.html
[57] https://www.heise.de/news/Sieben-deutsche-AKW-sollen-voruebergehend-abgeschaltet-werden-1208411.html
[58] http://www.heise.de/tr/artikel/Politischer-Fallout-1209822.html
[59] http://www.heise.de/tp/blogs/8/149626
[60] https://www.heise.de/news/Roboter-und-die-Katastrophe-in-Japan-1220484.html
[61] http://www.heise.de/tr/artikel/Lesen-in-den-Isotopen-1216575.html
[62] http://www.heise.de/tr/artikel/Die-unsichtbare-Gefahr-1210587.html
[63] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/34/34342/1.html
[64] http://www.heise.de/tr/artikel/Der-Alptraum-von-Fukushima-1207205.html
[65] http://www.heise.de/tr/artikel/80-Sekunden-bis-zur-Erschuetterung-1206999.html
[66] http://www.heise.de/tr/blog/artikel/Dreifaches-Leid-1207012.html
[67] http://www.heise.de/tr/blog/artikel/15-Meiler-um-eine-Stadt-1212733.html
[68] http://www.heise.de/tr/artikel/Mobilisierung-im-Netz-1208782.html
[69] mailto:jk@heise.de