Elektronische Gesundheitskarte: Online Roll-out auf Biegen und Brechen
(Bild: dpa, Patrick Pleul/Archiv)
Das E-Health-Gesetz soll den Einsatz der elektronischen Gesundheitskarte beschleunigen. Der Zeitplan nimmt aber keine RĂŒcksicht auf anstehende Tests. Ohne sie, ist die Sicherheit des Systems nicht geklĂ€rt.
Mit dem Gesetz fĂŒr sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen [1] werden verbindliche Zeitfenster fĂŒr die Online-Anbindung von Arztpraxen und Kliniken vorgeschrieben. In seiner Stellungnahme zum Gesetz [2] betonte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, dass er dank der Expertenanhörung [3] von der Projektgesellschaft Gematik darĂŒber informiert sei, dass die gesetzten Fristen der Industrie Probleme bereiten. Diese wĂŒrden aber nicht ins Gewicht fallen.
"Nach den aktuellen ZeitplĂ€nen der Gematik kann der Roll-out weiterhin im Jahr 2016 beginnen, so dass die gesetzlichen vorgesehenen Sanktionen nicht greifen mĂŒssen", zeigte sich Gröhe zuversichtlich. Mitte 2016 wĂŒrde die Online-Anbindung starten, Mitte 2018 seien alle Praxen und KrankenhĂ€user an die telematische Infrastruktur angeschlossen. Die Sache hat nur einen Haken. Die Tests, nach denen die Online-Anbindung starten sollte, verzögern sich. Und das wurde auch schon in der Expertenanhörung, auf die Gröhe verweist, so kommuniziert.
Der Start mĂŒsste sich verzögern
In der Expertenanhörung des Bundestages sagte Alexander Bayer, der GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Gematik klipp und klar, dass bis zum Stichtag des 30. Juni 2016 "keine aussagefĂ€higen Daten zur Funktionstauglichkeit des Stammdatenmanagements aus den Testgebieten vorliegen" werden. Wenn der eigentliche Roll-out der Konnektoren startet, bei dem 217.000 Praxen, 21.000 Apotheken und 2000 KrankenhĂ€user sowie 2,3 Millionen "Gesundheitsfachberufe" an die telematische Infrastruktur angeschlossen werden mĂŒssen, liegen nicht einmal verlĂ€ssliche Daten zur GrundfunktionalitĂ€t der elektronischen Gesundheitskarte vor.
Bei den Test handelt es sich um Testreihen in zwei Regionen, der Testregion Nordwest (Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz) und der Testregion SĂŒdost (Sachsen und Bayern). FĂŒr den Nordwesten sind die Firmen KoCo Connector und Strategy& mit der CompuGroup Medical zustĂ€ndig, fĂŒr den SĂŒden T-Systems. Bei den Tests werden insgesamt 1011 Teilnehmer mit der telematischen Infrastruktur der Gematik [4] verbunden. In jeder Region sind fĂŒr den Test 505 Teilnehmer ausgewĂ€hlt worden: 375 Ărzte bzw. Psychotherapeuten, 125 ZahnĂ€rzte, 5 bzw. 6 KrankenhĂ€user und ein UniversitĂ€tsklinikum testen dabei, ob der Stammdatensatz eines Versicherten auf der Gesundheitskarte online aktualisiert werden kann.
Sicherheit der Stammdaten muss gewÀhrleistet sein
Die Tests werden von der FAU Erlangen-NĂŒrnberg wissenschaftlich begleitet [5]. Nach Angaben der Gematik rechnet man mit mindestens 1 Million KommunikationsvorgĂ€ngen zwischen Praxen/KrankenhĂ€usern und den 123 angeschlossenen gesetzlichen Krankenversicherungen. Sie sollen dahingehend ausgewertet werden, ob die Sicherheit der Stammdaten gewĂ€hrleistet ist und die Daten-ĂberprĂŒfung bzw. Aktualisierung tatsĂ€chlich in wenigen Sekunden erfolgt. Erst nach dieser Auswertungsphase sollte Mitte 2016 der groĂe Roll-out der Konnektoren beginnen.
Die Tests können in den beiden Regionen aber erst verspĂ€tet starten, denn wie schon in der Expertenanhörung dargelegt wurde, könne die Industrie die notwendigen Komponenten fĂŒr die beiden groĂen Feldtests mit 1011 teilnehmenden Praxen und Kliniken nicht termingerecht liefern. Deshalb mĂŒssten sich eigentlich alle darauf aufbauenden Termine nach hinten verschieben.
AuĂerdem gibt es noch einen zweiten vermutlich Zeit schindenden Unsicherheitsfaktor. Inmitten der Aufbauphase mĂŒssen alle Gesundheitskarten der Versicherten ausgetauscht und durch die Chipkarten der 2. Generation [6] ersetzt werden, die entsprechend der Vorgabe des BSI mit stĂ€rkeren KryptoschlĂŒsseln ausgestattet sind.
Industrie zeigt sich zuversichtlich
Wie auch Minister Gröhe versucht die Industrie ein positives Bild zu zeichnen. Der Branchenverband Bitkom verglich das "Potenzial" der durchgehenden Digitalisierung des Gesundheitswesen mit der Erfindung des Penicillins und der EntschlĂŒsselung des menschlichen Genoms [7]. GegenĂŒber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung [8] betonte ein Sprecher der CompuGroup Medical, dass man mit keinen weiteren Verzögerungen rechne. Die beteiligten Firmen wĂŒrden auf den Starttermin Mitte 2016 hinarbeiten. (kbe [9])
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Links in diesem Artikel:
[1] http://bmg.bund.de/fileadmin/dateien/Downloads/E/eHealth/150622_Gesetzentwurf_E-Health.pdf
[2] http://bmg.bund.de/ministerium/meldungen/2015/e-health.html
[3] https://www.heise.de/news/Elektronische-Gesundheitskarte-als-Schluessel-zur-Patientenakte-2881009.html
[4] http://www.gematik.de/cms/de/startseite/index.jsp
[5] https://www.heise.de/news/Elektronische-Gesundheitskarte-wird-wissenschaftlich-begleitet-2392285.html
[6] https://www.gematik.de/cms/media/dokumente/ausschreibungen/gematik_Infobroschuere_G2-Karten_V1_0_0.pdf
[7] https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/E-Health-Gesetz-Bundestag-schafft-Grundlage-fuer-bessere-medizinische-%20Versorgung.html
[8] http://www.faz.net/agenturmeldungen/unternehmensnachrichten/compugroup-sieht-keine-neuen-verzoegerungen-bei-elektronischer-gesundheitskarte-13946280.html
[9] mailto:kbe@heise.de
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