Abenteuer Reichweite

Die einen glauben an das Elektroauto, die anderen lehnen es ab, weil sie in ähnlich starrer Weise am Verbrennungsmotor festhalten. Wir hingegen sind neugierig auf die zwei heikelsten Kritikpunkte der Elektromobilität: Reichweite und Ladezeiten. Gemessen haben wir sie in sechs ähnlichen E-Autos

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Elektroautos, alternative Antriebe
Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Rudolf Skarics
Inhaltsverzeichnis

Wien, 20. Januar 2016 – Die einen glauben in fast religiöser Art an das Elektroauto, die anderen lehnen es von vornherein ab, weil sie in ähnlich starrer Weise am Verbrennungsmotor festhalten. Wir hingegen sind neugierig und wollen uns gegenüber keinem Abenteuer verschließen. So haben wir die zwei heikelsten Kritikpunkte der Elektromobilität in den Mittelpunkt eines Vergleichstests gestellt: Reichweite und Ladezeiten.

So bunt die Armaturen eines Elektroautos auch glänzen, so vielfältig auch die Anzeigemodi sein mögen, so viel man aus den Displays auch herauslesen könnte, letztlich interessiert dich doch immer nur eines wirklich: die Reichweite. Und wir lernten aus dem Spiel mit den Restreichweiten eine ganze Menge. Jeder forsche Tritt aufs Pedal macht viel Spaß, kostet aber Kilometer. Über den Daumen gepeilt: Bis neunzig km/h bleibt die Prognose halbwegs stabil, wechselst du auf die linke Spur der Autobahn und reihst dich in die 130-km/h-Meute ein, halbiert sich die Reichweite. Im Windschatten eines Lkw ließen sich hingegen sogar die Normreichweite überbieten, das wäre aber sehr langweilig und ist vor allem verboten.

Abenteuer Reichweite (26 Bilder)

Unser Elektroauto-Vergleichstestfeld mit BMW i3 – Kia Soul – Nissan Leaf – Mercedes B-Klasse – Renault Zoe und VW Golf. (Bild: www.laggers.at)

Daraus ergibt sich zwar, dass die praktische Reichweite so eines Tests stark vom Autobahnanteil abhängt, die Verhältnisse der einzelnen Autos zueinander würden sich aber nicht ändern. Aufgrund dieser Erfahrungen dürfen wir uns jetzt schon an ein Pauschalurteil heranwagen: 130 bis 150 Kilometer, das ist Elektroauto-Reichweite heutzutage mit dünner bis gar keiner Reserve. Das einzige, was uns da beruhigen kann: Die am Display angegebenen Restreichweiten stimmen, wenn sie auch je nach Umgang mit dem Gaspedal mehr oder weniger stark schwanken. Die meisten Autos stellen bei „Reichweite 10 Kilometer“ die Anzeige ein und schreien nur mehr nach Strom. Nur ein mehr als doppelt so teurer Tesla Model S käme weiter, weil die Luxuslimousine je nach Modell doppelt bis dreimal so viele Batterien enthält. Allerdings braucht das Auto mit den größten Batterien bei einem normalen Ladevorgang auch am längsten zum Wiederaufladen.

Und damit sind wir an einem ganz wichtigen Punkt: Wie lang dauert es, bis ein Elektroauto wieder flott ist? Trotz unterschiedlicher Ladesysteme stellen sich die Möglichkeiten gar nicht so schwierig dar. Ist am Auto eine Schnellademöglichkeit mit Gleichstrom vorhanden, sind die Akkus in einer halben Stunde wieder zu 80 Prozent gefüllt. Allerdings benötigt man dafür auch eine dafür geeignete öffentliche Schnellladestation eines Energieversorgers. Zu Hause geht das nicht. Außerdem sollte man diese Möglichkeit ohnehin nicht zum Normalfall erklärten, da allzu häufiges Schnellladen die Lebensdauer der Batterie verringert.

Das mag wohl auch ein Grund dafür sein, dass Mercedes weder Gleichstrom- noch Wechselstrom-Schnelladen anbietet. Darum dauert es bei der elektischen B-Klasse auf eine 80-prozentige Füllung ungefähr viermal so lang im Vergleich zum beschleunigten Laden. Renault bietet zwar kein superschnelles Gleichstromladen, aber mit 22 kW Wechselstrom sind die Batterien des Zoe immerhin in einer Stunde zu 80 Prozent gefüllt, allerdings nur an einer dafür gebauten Ladestation. Für den Hausgebrauch sind die Ladezeiten ohnehin länger, was auch den Batterien besser tut. 230 Volt oder 400 Volt über eine so genannte Wallbox in der Garage reichen aus, um den Wagen über Nacht oder wenn er nicht ganz leer ist, in wenigen Stunden wieder flott zu kriegen. Dabei ist das Anstecken an der Haushaltssteckdose zwar möglich, aber eigentlich ist das normale Stromnetz nicht dafür gedacht, über viele Stunden mit Maximalleistung belastet zu werden.

Ganz wichtig ist, sich beim Kauf des Autos die serienmäßigen Lademöglichkeiten erklären zu lassen und darauf zu achten, was dann noch gegen Aufpreis zu haben ist. Es geht hier nicht nur um Kabel und Steckverbindungen, sondern auch um Technik, die tief im Auto verborgen ist.

Sechs Autos also von sechs Herstellern, die uns alle in ihrer Unternehmensphilosophie vertraut sind. Der Zugang zum Thema ist erwartungsgemäß: VW, Mercedes und auch Kia im Auftreten konservativ und auf Sicherheit in jeder Hinsicht bedacht. Diese drei Autos sind Ableger von Großserienprodukten. BMW ist der Charakterdarsteller, mit ihm kann man zeigen, dass man ganz vorne mit dabei ist (wo auch immer), während die anderen im Verkehr als ganz normale Autos wahrgenommen werden. Renault und Nissan zeigen Ernsthaftigkeit und Liebe zum Thema, bearbeiten es ein bisschen spielerisch. Hier hat man den Eindruck, dass sie wirklich schnell in Richtung Erfolg beim breiten Publikum wollen. Das zeigen auch ihre Batterieleasing-Modelle, die den Kaufpreis erheblich senken und ein wenig die Sorge um die Haltbarkeit der Akkus abfedern sollen.

Die Elektrotechnik ist bei allen Autos gut verstaut, so dass die Platzverhältnisse, wenn überhaupt, nur geringfügig von ihren konventionellen Pendants abweichen. Der Nissan bietet etwas weniger Raumgefühl als seine Außenlänge vermuten ließe, der BMW wirkt für die Passagiere viel geräumiger als er tatsächlich ist, der Kofferraum ist dafür winzig. Der Renault Zoe wird seinen sehr kompakten Außenmaßen innen gerecht. Und was allen gemeinsam ist: Jeder Hersteller hat auf seine Art die Herausforderung angenommen, mit Esprit und Konsequenz. Wir haben keine halben Sachen entdeckt.

Die erste Angabe ist der Katalogwert der maximalen Reichweite, gemessen im Normzyklus. Die zweite ist unser Praxiswert mit 100 Prozent vollgeladenem Akku bis zum Stillstand, also unser persönlicher Praxiswert bei gutem, aber kühlem Wetter und Tageslicht ohne Klimaanlage und ohne Scheinwerfer.

Vier Autos kamen ziemlich genau 130 plus-minus fünf Kilometer weit, weniger als zehn Kilometer Unterschied kann man als Streuung sehen, da gibt es nicht viel zu interpretieren. Zwei Autos kamen um 15 Kilometer weiter, was auch ganz leicht zu erklären ist: Es waren jene mit den größten Batterien.

Danach haben wir entsprechend Lademöglichkeiten an Bord des jeweiligen Fahrzeugs wieder vollgeladen, bis das Schnellladen von selbst stoppt. Das entspricht dann den 80 Prozent, von denen immer die Rede ist. Die weitere Ladung verläuft aus chemisch-physikalischen Gründen deutlich verhaltener, um den Akku überhaupt ganz voll bekommen zu können.

- Mercedes B ed: 200/155 km. Batterie 28 kWh. Ladezeit 2:11 Std für 80 % bei 6,7 kW Wechselstrom
- Renault Zoe Z.E.: 225/131 km. Batterie 22 kWh. Ladezeit 1:00 Std. für 80 % bei 22 kW Wechselstrom
- Kia Soul EV: 212/154 km. Batterie 27 kWh. Ladezeit 38 min für 80 % bei 50 kW Gleichstrom
- VW Golf E: 190/134 km. Batterie 24,2 kWh. Ladezeit 33 min für 80 % bei 40 kW Gleichstrom
- Nissan Leaf: 199/128 km. Batterie 24 kWh. Ladezeit 28 min auf 80 % bei 50 kW Gleichstrom
- BMW i3: 190/125 km. Batterie 18,8 kWh. Ladezeit 29 min auf 80 % bei 50 kW Gleichstrom (fpi)