Eine Chance für den Fotomarkt?

Was könnte die Fotowirtschaft besser machen, damit der in den letzte Jahren schrumpfende Markt wieder wächst? Autor Christoph Jehle auf Antwortsuche.

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  • Dr. Christoph Jehle
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In der Fotowirtschaft hört man seit Jahren Klagen, dass sich der Markt nicht wie erhofft entwickle. Dass der Verfall bei den kompakten Digitalkameras auf den Erfolg der Smartphones zurückgehe, wird immer wieder behauptet und musste zuletzt auch als Begründung für einen fast 20-prozentigen Absatzrückgang im letzten Quartal beim japanische Elektronikkonzern Canon Inc. herhalten. Die Zusammenhänge zwischen Smartphone-Wachstum und Kompaktkamera-Rückgang scheinen gefühlt zu bestehen, einen direkten Zusammenhang konnte jedoch bislang niemand schlüssig und korrekt belegen. In einer Branche, deren Firmen immer mehr nach rein betriebswirtschaftlichen Grundsätzen geführt werden und weniger von Intuition und Leidenschaft, verblüfft das Fehlen eines schlüssigen Belegs für den negativen Einfluss der Smartphones auf die Geschäftsentwicklung durchaus.

Wie Heino Hilbig Geschäftsführer der Hamburger MayflowerConcepts, Anfang diesen Jahres in seiner Präsentation (PDF) auf der PMA@CES (Photo Marketing Association International auf der Conusmer Electronics Show) dargestellt hatte, handelt es sich beim aktuellen Fotomarkt um einen weitgehend saturierten Markt, dem die Impulse für ein mögliches Wachstum fehlen. Jeder, der für die Fotografie zu interessieren ist, hat schon mindestens eine Kamera und somit ist der Bedarf für die meisten Endverbraucher schlicht und einfach nicht mehr gegeben.

Selbst technische Ansätze wie die Lichtfeldfotografie oder der wiederholte Versuch die 3D-Fotografie ins digitale Zeitalter zu befördern, bleiben bislang eher marginale Erscheinungen. Möglicherweise sind die Kunden außerhalb der fernöstlichen Märkte doch nicht so technikverliebt, wie man dies auf Seiten der Kamerahersteller vermutet hatte. Könnte es sein, dass die ostasiatischen Hersteller ihren Markt außerhalb ihrer Heimatländer gar nicht mehr verstehen?

Dazu sagt Heino Hilbig: "Die Fotowirtschaft wiederholt damit eigentlich vermeidbare Fehler, die anderen Branchen schon massiv geschadet haben: Kreative Wege aus Krisen wachsen eben selten oder nie aus einer Monokultur heraus – gleich ob es sich dabei um Asiaten, Europäer oder Amerikaner handelt. Das Ergebnis sehen wir jetzt: Alle Marken erklären unisono, sich aus dem Kompaktkameramarkt herausziehen zu wollen und sich – je nach Marke – auf High-End-Kompakte, Spiegelreflexkameras oder Spiegellose konzentrieren zu wollen. Wie erfolgreich solche Marktstrategien sein werden, wenn alle das Gleiche tun, mag sich jeder selbst ausmalen." Das die Fotowirtschaft Innovation könne, habe sie bereits 1994 gezeigt, als der Kameramarkt zum ersten Mal einbrach: Man erfand kurzerhand die Digitalkamera und verdreifachte den Markt.

Spiegellose Systemkameras im Überblick (35 Bilder)

Sony A7R II

Die A7R II ist die zweite Generation der Sony A7R. Sie löst sie allerdings nicht ab. Beide Modelle bleiben am Markt. Tatsächlich legt der Hersteller noch einmal bei den Megapixeln nach: von 36 geht es hoch auf 42. Damit gibt Sony die erste Antwort auf Canons 50 Megapixel in der Profi-Spiegelreflexkamera 5DS. Zusätzlich führt Sony nun auch erstmals bei den Vollformat-CMOS-Sensoren die rückseitige Verdrahtung ein, was für rauschärmere Bilder bei hoher ISO-Empfindlichkeit und einen verbesserten Dynamikumfang sorgen dürfte. (Bild: Sony)

Nun, wirklich neu erfunden hat man die Digitalkameras damals nicht. Die wichtigsten Vorarbeiten waren beispielsweise im Hause Eastman Kodak schon gemacht. Man scheute sich dort jedoch die Produkte reif für den Massenmarkt zu machen, weil man befürchtete, dass man dann im Filmgeschäft nur verlieren könne. So kam es ja dann auch, aber Kodak war bei den Digitalkameras für den Massenmarkt nicht mehr dabei. Der ehemals gelbe Riese hat heute keine Produkte für Endverbraucher mehr im Sortiment und hat seine Marke für den Massenmarkt an Lizenznutzer abgegeben. Ein Schicksal, das auch AgfaPhoto und Polaroid in ähnlicher Form ereilt hat.

Wie selbst der Sofortbildmarkt im Zeitalter der Digitalfotografie noch eine durchaus auskömmliche Nische darstellen kann, zeigt sich am japanischen Hersteller Fujifilm, der mit der Produktion seiner Sofortbildfilme kaum nachkommt. Für Fujifilm ist allerdings der Fotomarkt schon seit längerem eher eine Leidenschaft des Vorstandes. Der Hersteller hatte sich schon frühzeitig und erfolgreich in andere Bereiche diversifiziert, die heute das Unternehmen tragen und dem Foto- und Optik-Bereich ausreichende Spielräume ermöglichen.

Diese Spielräume scheinen den beiden Marktführern Canon und Nikon zu fehlen. Straff durchorganisiert mit einem umfangreichen Berichtswesen nach Japan, geht es in der Praxis vorrangig darum, die Zahlenvorgaben der japanischen Mutterhäuser zu erfüllen. Seit Jahren flutet man im Vorweihnachtsgeschäft die Flächenmärkte und bietet Zahlungsziele von neun Monaten an sowie die automatische Rücknahme nicht verkaufter Ware, unabhängig vom Zustand. Und dieses Vorgehen fällt dem Vertrieb kurz vor Ablauf der neun Monate mit kaum verblüffender Regelmäßigkeit auf die Füße.

Dass es auch anders gehen kann, zeigt das Beispiel von Leica Camera aus Wetzlar, die mit einem Weltmarktanteil von 0,15 Prozent im Vergleich zu den Marktgiganten wie Canon oder Nikon nur als Nischenanbieterchen bezeichnet werden kann. Aus Wetzlar hört man keine Klagen über die Marktentwicklung unter dem Einfluss der Smartphones und kann trotz der geringen eigenen Marktanteile eigenständige Kameras entwickeln. Dass nicht alle diese Entwicklungen am Markt gleichermaßen erfolgreich sind, mag man bedauern, ist jedoch ein Zeichen dafür, dass man sich von der M-Monokultur, die noch heute das Hauptgewicht in Wetzlar hat, lösen will. Selbst die Zusammenarbeit mit Panasonic im Bereich der Kompaktkameras, die in größeren Stückzahlen in China produziert werden, war für Leica Camera und die Marke kein Problem.

Unter falscher Flagge: So trickst die Fotoindustrie (10 Bilder)

Der Quiet-Modus: Lauter als gedacht

Die Nikon Df ist eine wirklich schöne DSLR mit nostalgischer Anmutung. Der Verschluß ist auch im Quiet-Modus kein Leisetreter. Im großen Vergleichstest der c't 5/2014 zum Thema "Leiser fotografieren" zeigte sich, dass zwar viele Kameras mit leisen Modi werben aber nur wenige Kameras tatsächlich lautlos fotografieren können.
(Bild: Nikon
)

Auch beim inzwischen wieder in Schweden angesiedelten Hersteller Hasselblad wurde die langjährige Zusammenarbeit mit Fujifilm im Mittelformat vom Markt akzeptiert. Als man dann jedoch mit der Übernahme von nicht mehr ganz taufrischen Modellen aus dem Hause Sony einen Einstieg in größere Stückzahlen suchte, konnte man auf Kundeseite nicht die große Begeisterung erreichen und ist glücklich, dass man die gesamte Auflage dieser Modell ohne Preisnachlässe abverkaufen konnte.

Wenn sich bei der Entwicklung neuer Kameras die Entscheidungen inzwischen praktisch vollständig nach Japan und Korea verlagert haben, welche Möglichkeiten bleiben dann heute noch der verblieben Fotowirtschaft in Europa. Beim Aufgreifen neuer Marktentwicklungen hatte der deutsche Fotohandel in den letzten Jahren mehrheitlich keine besonders glückliche Hand. Mit 3D tat man sich so schwer, dass jetzt aufgrund der schlechten Zahlen auch das Hardwareangebot wieder zurückgeschraubt wird. Lichtfeld scheint den meisten Nutzern zu komplex und unverständlich und bei den Action-Cams hatte GoPro den Markt nicht über den Fotohandel erobert, sondern über völlig branchenfremde Sportartikel-Anbieter, die offensichtlich näher am Zielkunden waren.

Den schon vielfach totgesagten deutschen Fotohandel sollte man jetzt jedoch nicht leichtfertig aufgeben. Wenn er auch manchmal etwas schwerfällig und leicht verstaubt erscheint, es gibt durchaus interessante Impulse. Auch der deutsche Photoindustrie-Verband hat längst erkannt, dass sich etwas ändern muss. Der im Mai neu gewählte Vorstand Rainer Führes sieht eine der größten Aufgaben darin, eine Strategie für den "digitalen Strukturwandel auf allen Ebenen des Marktes" zu entwickeln, den eigenen Markt neu zu definieren und nachhaltiges Wachstum zu sichern.

Wie das aussehen könnte zeigt schon jetzt unter anderem der Hardwareshop den die Fachhandelskooperation europa-foto zum Beginn der vergangenen Photokina gemeinsam mit ihren selbständigen Fotohändlern etabliert hat. Nach Aussage von Klaus Bothe, Geschäftsführer von Isarfoto und Verwaltungsratsvorsitzender im Hause europa-foto, hat sich der Hardwareshop, der die Vorteile des Onlinewelt mit den Möglichkeiten der direkten Beratung im Ladengeschäft verknüpfen soll, erfolgreich entwickelt.

Die Online-Präsenz, so Bothe, sei die derzeit umfassendste Lösung für eine hybride Marktpräsenz des Fotofachhandels. Und die anfängliche Zurückhaltung mancher Fachhandelskollegen sei inzwischen einer deutlich positiven Einstellung gewichen. Das liege natürlich auch daran, dass bereits viele Aufträge generiert worden seien, die zu einem erstaunlichen hohen Prozentsatz von den Kunden in den Geschäften der europa-foto-Mitglieder abgeholt wurden. In dem erzielten Umsatz und der Kundenfrequenz auf der Website läge man deutlich über den Planzahlen. (ssi)