EU-Vertreter sehen ACTA als notwendig im Kampf gegen Urheberrechtsverletzungen an
Eine "Speziallösung" soll es der EuropĂ€ischen Union ermöglichen, das internationale Anti-Piraterie-Abkommen ACTA abzuschlieĂen, ohne vorher strafrechtliche Sanktionen in der Gemeinschaft zu harmonisieren.
Eine "Speziallösung" soll es der EuropĂ€ischen Union ermöglichen, das hinter verschlossenen TĂŒren diskutierte [1] internationale Anti-Piraterie-Abkommen ACTA abzuschlieĂen, ohne vorher strafrechtliche Sanktionen in der Gemeinschaft zu harmonisieren. Das teilte ein Mitarbeiter der Generaldirektion Handel auf Anfrage von heise online mit. ACTA wurde auf einer Fachkonferenz [2] der schwedischen PrĂ€sidentschaft diese Woche in Stockholm im Kampf gegen die Verletzung von Marken-, Patent- und Urheberrecht mehrheitlich als unabdingbar erachtet. Nur wenige Kritiker betonten, dabei mĂŒsse auf die Balance zwischen AnsprĂŒchen von Rechteinhabern und Nutzern geachtet werden.
Das von der EU und den USA zusammen mit einem knappen Dutzend Regierungen vorangetriebene ACTA-Abkommen habe durchaus BerĂŒhrungspunkte mit der fĂŒr die EU geplanten Harmonisierung strafrechtlicher Sanktionen mittels einer zweiten "Durchsetzungsrichtlinie" (IPRED2), sagte der Kommissionsvertreter. Allerdings wollen die ACTA-VerhandlungsfĂŒhrer von Kommission und Rat trotz eines auf der Konferenz von einem Kollegen aus der Generaldirektion Justiz, Freiheit und BĂŒrgerrechte angekĂŒndigten, ambitionierten Zeitplans fĂŒr IPRED2 auf diese Harmonisierung offenbar nicht warten.
Magnus Fridh vom schwedischen Justizministerium bestĂ€tigte die von der Generaldirektion Justiz vorgelegten PlĂ€ne, bereits im Mai oder Juni einen neuen Entwurf zu IPRED2 vorzulegen. Allerdings sagte Fridh, es sei abzuwarten, wie die "neue Kommission" das Projekt weiterfĂŒhre. Justizkommissar Jacques Barrot wird von der bisherigen Medienkommissarin Viviane Reding abgelöst. Der als Vertreter des Verbraucherschutzes zur Stockholmer Konferenz geladene Kostas Rossoglou von der Organisation BEUC [3] wies im GesprĂ€ch mit heise online darauf hin, dass mögliche weitere EinwĂ€nde von Seiten des Parlaments und auch des Rates abgewartet werden mĂŒssten.
Das beim ersten Scheitern [4] von IPRED2 bestehende Problem einer fehlenden ZustĂ€ndigkeit der EU fĂŒr Strafrechtsfragen sei mit dem Lissabon-Vertrag jedenfalls passĂ©, meint Rossoglou. Es gebe aber grundsĂ€tzliche Probleme mit IPRED2. Eine Kriminalisierung von Endnutzern sei aus Sicht der VerbraucherschĂŒtzer nicht ausgeschlossen, solange der europĂ€ische Gesetzgeber keine klare Definition gebe, wo VerstöĂe "kommerziellen AusmaĂes" anfangen.
Massive Kritik ĂŒbte auch die Urheberrechtsexpertin Annette Kur vom MĂŒnchner Max-Planck-Institut fĂŒr Geistiges Eigentum, Wettbewerbs- und Steuerrecht [5]. Insbesondere die Vermischung so unterschiedlicher Problemkreise wie gepanschter Medikamente einerseits und widerrechtlich kopierte Inhalte andererseits ist der Max-Planck-Professorin ein Dorn im Auge. "Ich halte es fĂŒr unangemessen und gefĂ€hrlich, wenn die Sorge ĂŒber gefĂ€lschte und gesundheitsschĂ€dliche Medikamente oder minderwertige Ersatzteile als Argument dafĂŒr eingesetzt werden, die MaĂnahmen zur Durchsetzung des Geistigen Eigentums ganz allgemein zu verschĂ€rfen", sagte Kur. Dabei werde verschleiert, dass der Kampf gegen derartige schwere Verbrechen nicht in erster Linie ein Urheberrechts- oder Patentrechtsproblem sei. Die Folge sei letztlich eine völlig einseitige Gesetzgebung.
Inzwischen hat die schwedische PrĂ€sidentschaft zahlreiche PrĂ€sentationen [6] der Konferenz auf einer Webseite veröffentlicht. Die Frage, warum vorab noch die Tagesordnung der nicht-öffentlichen Konferenz mit zahlreichen Vertretern aus den Mitgliedsstaaten veröffentlicht worden war, beantwortete ein Vertreter der PrĂ€sidentschaft mit dem Hinweis auf "ArbeitsĂŒberlastung". (anw [7])
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[1] https://www.heise.de/news/ACTA-Berlin-wiegelt-Befuerchtungen-um-Anti-Piraterie-Abkommen-ab-883718.html
[2] https://www.heise.de/news/Strafrecht-im-Kampf-gegen-Urheberrechtsverletzer-und-Faelscher-wieder-Thema-in-der-EU-886596.html
[3] http://www.beuc.eu/Content/Default.asp
[4] https://www.heise.de/news/Strafrechtliche-Massnahmen-gegen-Piraterie-in-Bruessel-blockiert-198900.html
[5] http://www.ip.mpg.de/ww/de/pub/aktuelles.cfm
[6] http://www.se2009.eu/en/meetings_news/2009/12/15/enforcement_of_intellectual_property_rights_with_a_special_focus_on_trademarks_and_patents
[7] mailto:anw@heise.de
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