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EU-PlÀne zu Biometrie-Visa stecken in Sackgasse

Stefan Krempl

Da ein Gutachten "Kollisionen" bei RFID-basierten Visa in PĂ€ssen befĂŒrchtet, drĂ€ngt die luxemburgische EU-RatsprĂ€sidentschaft nun auf die Speicherung biometrischer Merkmale in einer zentralen Datenbank.

Das Vorhaben der EU-Spitze, nach den PĂ€ssen der 450 Millionen EU-BĂŒrger [1] auch die von den Mitgliedsstaaten ausgestellten Visa mit biometrischen Daten aufzurĂŒsten, erweist sich bereits in der Planungsphase als höchst komplex und prekĂ€r. Eigentlich wollten die Kommission und der Rat mit einer Verordnung lĂ€ngst NĂ€gel mit Köpfe machen. Doch die zunĂ€chst vorgesehene Lösung, bei der biometrische Merkmale wie Fingerabdruck und Gesichtsbild auf RFID-Chips in den Visa gespeichert werden sollten, hat sich als "technisch nicht machbar" herausgestellt. Darauf verweisen Experten in einer vertraulichen Stellungnahme fĂŒr den Ministerrat, die die BĂŒrgerrechtsorganisation Statewatch veröffentlicht hat (PDF [2]).

Die neue luxemburgische RatsprÀsidentschaft [3] hat daher nun entweder eine Smartcard-basierte Lösung oder die Speicherung der Körpermerkmale in einer zentralen Datenbank ins Spiel gebracht (PDF [4]). Doch auch dabei rechnet Statewatch mit enormen Schwierigkeiten.

Das Hauptproblem des ursprĂŒnglichen Ansatzes sehen die SachverstĂ€ndigen in der Kollision unterschiedlicher Funksignale der RFID-Tags. Der Wellen- und Informationssalat wĂŒrde auftreten, wenn ein Passinhaber ĂŒber mehrere Visa verfĂŒgt. Diese wĂ€ren dann nĂ€mlich auf unterschiedlichen kontaktlosen Funkchips gespeichert, was das LesegerĂ€t vor unĂŒberwindliche Schwierigkeiten bei der Entzifferung der Signale stellen wĂŒrde. Eine weitere Vermengung der Funkwellen erwarten die Experten auf Grund möglicherweise ebenfalls auf RFID-Chips gespeicherten Körperkennzeichen im eigentlichen Pass. Sie spielen noch unterschiedliche Varianten der Unterbringung der biometrischen Merkmale in den RFID-Visa durch, stoßen dabei aber immer wieder auf fehlende Standardisierungen sowie andere technische und organisatorische HĂŒrden.

Um die seit September 2003 geplanten und im Anti-Terroraktionsplan der EU [5] vom MĂ€rz 2004 noch einmal eingeforderten Biometrie-Visa doch noch zeitnah einzufĂŒhren, drĂ€ngen die Luxemburger auf neue AnsĂ€tze. In ihrer Mitteilung an die Visa-Arbeitsgruppe des Rates sehen sie als erste Option vor, die Körperkennzeichen fĂŒr den Visa-Vermerk auf einer "separaten" Chipkarte abzulegen. Die zweite -- und laut der RatsprĂ€sidentschaft von den meisten LĂ€ndervertretern bevorzugte -- Variante lĂ€uft auf die Speicherung der Daten direkt im geplanten Visa Information System (VIS) [6] hinaus, also in einer zentralen Datenbank. FĂŒr andere Aufenthalts- oder Zuzugsgenehmigungen sollen nur Smartcard-basierte Plaketten fĂŒr den Pass oder fĂŒr sich stehende Chipkarten in Frage kommen.

FĂŒr Statewatch zeichnet sich vor allem bei der zentralen VIS-Lösung allerdings schon wieder ein offensichtliches Problem ab: Die ÜberprĂŒfung der biometrischen Merkmale könnte dann nĂ€mlich allein im Rahmen der Grenzkontrollen stattfinden, was angesichts der betroffenen Einreisenden aus 132 Nationen zu langen, kostenintensiven Warteschlangen fĂŒhren wĂŒrde. Den Visa-Haltern mĂŒssten an FlughĂ€fen oder anderen Einreisepunkten erst umstĂ€ndlich FingerabdrĂŒcke abgenommen werden; zudem seien sie einzeln zu fotografieren. Bei einer Weiterreise innerhalb der EU mĂŒssten sie die Prozedur gegebenenfalls noch einmal ĂŒber sich ergehen lassen.

Prinzipielle EinwĂ€nde gegen eine gesamteuropĂ€ische Visa-Politik hat zudem der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar [7] vorgebracht. In einem Schreiben vom Dezember an die damalige niederlĂ€ndische RatsprĂ€sidentschaft weist er auf seine starken Zweifel hin, ob die EU ĂŒberhaupt derartige gemeinsame BeschlĂŒsse fassen kann. Schließlich mĂŒsse seit der EinfĂŒhrung des umstrittenen Schengen-Informationssystems [8] innerhalb der EU niemand mehr einen Pass beim GrenzĂŒbertritt vorzeigen. Es sei daher fraglich, ob die Visa-Regelung in BrĂŒssel in "guten HĂ€nden" liege. Die Visa-Arbeitsgruppe des Rates sowie das EU-Parlament werden sich trotzdem nĂ€chste Woche mit der heiklen Problematik beschĂ€ftigen. Letzteres allerdings ohne Mitspracherecht und auf der Basis eines Reports, der noch vom ursprĂŒnglichen, inzwischen fĂŒr impraktikabel befundenen Kommissionsentwurf ausgeht. (Stefan Krempl) / (jk [9])


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[1] http://www.heise.de/ct/04/26/054/
[2] http://www.statewatch.org/news/2004/dec/bio-visas.pdf
[3] http://www.eu2005.lu/
[4] http://www.statewatch.org/news/2005/jan/bio-visas-16257.pdf
[5] https://www.heise.de/news/Antiterror-Aktionsplan-der-EU-erntet-vehemente-Kritik-96117.html
[6] https://www.heise.de/news/EU-Kommission-vergibt-Auftrag-fuer-Schengen-Informationssystem-111279.html
[7] http://www.bfd.bund.de/
[8] https://www.heise.de/news/Europaparlament-besorgt-ueber-Schengener-Informationssystem-89023.html
[9] mailto:jk@heise.de