Diplomatie zum Informationsweltgipfel: Dichtung und Wahrheit
Den "Ausbau der Menschenrechte, besonders im Hinblick auf den freien Empfang von Informationen", hat die EU-Kommission zur PrioritÀt nach dem Weltgipfel der Informationsgesellschaft erklÀrt. Nicht alle Beobachter wollen der Botschaft so recht glauben.
Den "Ausbau der Menschenrechte, insbesondere im Hinblick auf den freien Empfang von Informationen und den Zugang zu ihnen", hat die EU-Kommission zur ersten PrioritĂ€t im Nachfolgeprozess zum Weltgipfel der Informationsgesellschaft (WSIS) erklĂ€rt. Man spreche sich deshalb fĂŒr die FortfĂŒhrung der internationalen GesprĂ€che aus, um die Internet-Verwaltung zu verbessern, und zwar mittels der beiden in Tunis im vergangenen November neu geschaffenen "Verfahren", dem "Internet-Verwaltungsforum" [1] (Internet Governance Forum, IGF) und dem "Mechanismus der verstĂ€rkten Zusammenarbeit, an dem sich alle Regierungen auf der Basis der Gleichberechtigung beteiligen werden". Eine Mitteilung der Kommission [2] (PDF-Datei) unterstreicht fĂŒr den Folgeprozess auch die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Gruppen.
Medienkommissarin Viviane Reding unterstrich in einer Mitteilung [3] die Vorreiterrolle der EU beim freien Informationszugang. "Auf dem Weltgipfel in Tunis vom vergangenen Jahr haben wir einen wichtigen Schritt vorwĂ€rts gemacht auf dem Weg zu einem globalen Konsens, dem zufolge die alltĂ€gliche Verwaltung des Internet ohne die Einmischung irgendeiner Regierung erfolgen muss", erklĂ€rte Reding. Das mĂŒsse nun realisiert werden. "Eingriffe in die Basisarchitektur des Internet sind nicht mehr zu rechtfertigen, es sei denn auf der Grundlage allgemein akzeptierter ordnungspolitischer GrundsĂ€tze."
Unmittelbar vor dem offiziellen Start des zweiten UN-Weltgipfels der Informationsgesellschaft (WSIS) in Tunis Ende vergangenen Jahres hatten sich nach einem Verhandlungsmarathon Vertreter internationaler Regierungen auf ein neues "Internet Governance Forum" geeinigt [4]: Es soll kĂŒnftig Fragen der Politik im Netz und der Steuerung fĂŒr das Internet diskutieren. Damit wurde ein heftiger Streit [5] zwischen EntwicklungslĂ€ndern, EU und den USA um die Macht im Internet und die Internationalisierung der Internet-Verwaltung vorerst beigelegt â wenn auch mit einem eher formelhaften Kompromiss, der an der momentanen Oberaufsicht der US-Regierung ĂŒber die Internet-Regulierungs- und Verwaltungsgremien wenig Ă€ndert. Die neue ErklĂ€rung sei ein Friedensangebot an die US-Seite, interpretierte nun Internet-Governance-Experte und Telepolis [6]-Autor Wolfgang KleinwĂ€chter das EU-Papier. Man mache damit klar, dass die Anstrengungen um ein neues, gleichberechtigtes Kooperationsmodell [7], auf das man allerdings nicht verzichten wolle, der Freiheit und StabilitĂ€t des Netzes untergeordnet sei, lautet KleinwĂ€chters Deutung der neuen Papiere, zu denen auch ein Memo [8] zum WSIS-Folgeprozess gehört. "Mit der Position sollen die Irritationen ausgerĂ€umt werden, zu denen es wĂ€hrend der Verhandlungen im transatlantischen VerhĂ€ltnis kam", meint KleinwĂ€chter zur neu entdeckten Gemeinsamkeit in Fragen der Verwaltung und Kontrolle des Internet.
Redings Ansage, dass es im TagesgeschĂ€ft der Netzverwalter auch ohne Regierungen gehe, beurteilt KleinwĂ€chter positiv. Allerdings hat sich auch die EU neben der US-Regierung erst kĂŒrzlich massiv in die Vergabe der Rotlicht-Domain .xxx [9] eingeschaltet. Die Grenzen dessen, was TagesgeschĂ€ft ist, dĂŒrften daher unterschiedliche beurteilt werden. Gleichzeitig erwarten Experten, dass die USA allen Forderungen zum Trotz ihren Einfluss [10] auf die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN [11]) und vor allem die fĂŒr die DNS-Rootzone [12] zustĂ€ndige IANA [13] nicht komplett aufgeben werden. Zur "verstĂ€rkten Zusammenarbeit" aller Regierungen merkt die Kommission in ihrer Mitteilung an: "Die Vereinigten Staaten scheinen den Konsens von Tunis enger auszulegen als die EU."
Ein wenig verwundert meldete sich angesichts der hehren Zielsetzungen der Kommission auch Andre Rebentisch zu Wort, beim Förderverein fĂŒr eine Freie Informationelle Infrastruktur (FFII [14]) unter anderem fĂŒr die Medienarbeit zustĂ€ndig: "Das hört sich alles ganz erfreulich an", kommentiert Rebentisch die Positionsbestimmung. "Aber wir mĂŒssen mal abwarten, ob diese neuen Töne sich auch durchsetzen können." Nicht so ganz zum Bekenntnis zur Informationsfreiheit passen will nĂ€mlich eine lange Liste inhaltlicher Verbote in der neuen Fernsehrichtlinie [15] (PDF-Datei), die kĂŒnftig auch fĂŒr Netzinhalte von Bedeutung wird, betont Rebentisch. Neben dem Verbot rassistischer, sexistischer oder diskriminierender Inhalte warnt der Artikel 3g auch vor Inhalten, die religiöse oder politische Ăberzeugungen verletzen oder Vorurteile gegenĂŒber dem Umweltschutz befördern.
Auch KleinwĂ€chter sieht durchaus eine gewisse Scheinheiligkeit in der Politik der EU, wenn sie sich einerseits als Vorreiter des freien Internet feiert, andererseits aber fĂŒr die Rundum-Ăberwachungsmöglichkeit ihrer BĂŒrger per Vorratsdatenspeicherung sorgt. Auch in der Telekommmunkationsregulierung könnte die Union durchaus fĂŒr mehr wirtschaftliche Chancengleichheit zwischen groĂen Telekommunikations- und Internetanbietern anderseits sorgen. (Monika Ermert) / (jk [16])
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[2] http://europa.eu.int/information_society/activities/internationalrel/docs/wsis/wsis_communication_de.pdf
[3] http://europa.eu.int/rapid/pressReleasesAction.do?reference=IP/06/542&format=HTML&aged=0&language=DE&guiLanguage=en
[4] https://www.heise.de/news/Regierungen-einigen-sich-auf-Forum-zur-Diskussion-von-Internet-Fragen-148648.html
[5] https://www.heise.de/news/WSIS-Schwere-Konflikte-um-Internationalisierung-der-Internet-Verwaltung-147821.html
[6] http://www.telepolis.de
[7] https://www.heise.de/news/Regierungen-einigen-sich-auf-Forum-zur-Diskussion-von-Internet-Fragen-148648.html
[8] http://europa.eu.int/rapid/pressReleasesAction.do?reference=MEMO/06/172&format=HTML&aged=0&language=EN&guiLanguage=fr
[9] https://www.heise.de/news/Vorregistrierrechte-fuer-Regierungen-im-Online-Rotlichtbezirk-118357.html
[10] https://www.heise.de/news/US-Regierung-verlaengert-ICANN-Vertrag-ueber-IANA-Betrieb-115356.html
[11] http://www.icann.org
[12] http://www.root-servers.org/
[13] http://www.iana.org
[14] http://www.ffii.org/
[15] http://europa.eu.int/comm/avpolicy/docs/reg/modernisation/proposal_2005/com2005-646-final-en.pdf
[16] mailto:jk@heise.de
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