Differenzen nach Verbot von Computerspiel-Wettbewerb in Stuttgart
Nach der kurzfristigen Absage der eSport-Veranstaltung in der Liederhalle durch die Stadt Stuttgart geben sich beide Seiten aber weiter gesprÀchsbereit, ohne allerdings konstruktive VorschlÀge zu machen.
Nach der Absage [1] der fĂŒr den kommenden Freitag geplanten eSport-Veranstaltung [2] in der Stuttgarter Liederhalle beteuern sowohl der Veranstalter Turtle Entertainment als auch die Verantwortlichen der Stadt ihre GesprĂ€chsbereitschaft. Ein Dialog findet derzeit allerdings nicht statt. Die abgewiesenen Veranstalter zeigen mit dem Finger auf die Stadt. Mit jeder Minute schwinden die Chancen fĂŒr einen Kompromiss, den beide Seiten immerhin noch fĂŒr grundsĂ€tzlich möglich halten.
Turtle weist in einer Reaktion [3] vom heutigen Dienstag auf die gestern Abend publik gewordene Absage "öffentliche VorwĂŒrfe" zurĂŒck, nicht auf ein GesprĂ€chsangebot reagiert zu haben. Ein solches Angebot seitens der Stadt oder des Hallenbetreibers habe es nicht gegeben, erklĂ€rt ein Sprecher. Auf Nachfrage rĂ€umt der PR-Chef und Jugendschutzbeauftragte Ibrahim Mazari einen Kontakt in der vergangenen Woche ein, bei dem es um mögliche öffentliche Reaktionen auf die DurchfĂŒhrung eines Counterstrike-Wettbewerbs im direkten Umfeld des Amoklaufs in Winnenden gegangen sei. Dazu habe Turtle Entertainment Stellung genommen. Von der offiziellen Absage [4] (PDF-Datei) habe der Veranstalter dann am Montagabend ĂŒber die Medien erfahren.
Bei der Betreibergesellschaft der Liederhalle [5], einer hundertprozentigen Tochter der Stadt, klingt das etwas anders. Verantwortliche von Turtle Entertainment seien in der vergangenen Woche telefonisch gefragt worden, wie sie mit der Veranstaltung angesichts der aktuellen Ereignisse umgehen wollten. Dabei sei es auch um mögliche Lösungen gegangen, etwa die Spielauswahl zu Ă€ndern, bekrĂ€ftigte ein Sprecher der Gesellschaft gegenĂŒber heise online. Konkrete LösungsvorschlĂ€ge hĂ€tten allerdings von Turtle kommen mĂŒssen.
Ein weiteres GesprĂ€chsangebot habe es am gestrigen Montagabend per E-Mail gegeben, hieĂ es in Stuttgart weiter. Zuvor hatten sich die GeschĂ€ftsfĂŒhrung der Betreibergesellschaft, die Stadtverwaltung und schlieĂlich der Aufsichtsrat auf eine Absage der Veranstaltung verstĂ€ndigt. "Angesichts der Ereignisse und des schrecklichen Amoklaufs in Winnenden und Wendlingen, bei dem 15 Menschen getötet wurden, können wir eine solche Veranstaltung derzeit in unserer Stadt nicht akzeptieren", hatte Stuttgarts OberbĂŒrgermeister Wolfgang Schuster (CDU) die Absage begrĂŒndet.
Die Absage sei auch das Ergebnis moralischer Ăberlegungen gewesen, erklĂ€rte der Sprecher der Liederhalle, von denen allerdings nicht nur die eSport-Veranstaltung betroffen sei. Die Messe Stuttgart hat auch die fĂŒr April geplante Internationale Waffenbörse (IWB) abgesagt [6]. Turtle Entertainment vermutet hinter diesen Signalen noch andere Motive: "Das war eine politische Entscheidung der Stadt", sagt der Turtle-Sprecher unter Verweis auf die am 7. Juni stattfindenden Kommunalwahlen in Baden-WĂŒrttemberg.
Dabei muss sich Turtle auch an die eigene Nase fassen. Mazari rĂ€umt ein, dass sein Interview [7] mit dem Stuttgarter Wochenblatt in der letzten Woche, in dem er Konsequenzen aus dem Amoklauf noch weitgehend ausgeschlossen hatte, nicht so glĂŒcklich gelaufen ist. Einen symbolischen Beweis der Anteilnahme wie etwa eine Schweigeminute "hĂ€tte man machen können", sagt Turtles PR-Chef, der sich weiter dialogbereit zeigt. "Ich respektiere die Entscheidung."
Zwar will Turtle auch mögliche rechtliche Konsequenzen prĂŒfen, zieht eine einvernehmliche Lösung aber vor. "Wir suchen nicht die Konfrontation." Die Stuttgarter auch nicht. Sie erwarten allerdings konkrete VorschlĂ€ge von den eSportlern. "Es ist noch Zeit fĂŒr einen Dialog", erklĂ€rt der Sprecher der Liederhalle. "Der Ball liegt jetzt bei denen im Feld." Das klingt so, als sei die TĂŒr fĂŒr den Spieltag der Electronic Sports League (ESL) am Freitag in Stuttgart noch nicht ganz zu.
Turtle hatte die Absage bedauert, auch weil das zusammen mit der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung vorher veranstaltete Eltern-LAN [8] ins Wasser fĂ€llt. Die Veranstaltung fĂŒr Eltern, die den Erwachsenen auch einen Einblick in den eSport bieten soll, wĂ€re eine "ideale Möglichkeit gewesen, sich differenziert mit dem Thema Computerspiele als Teil unserer heutigen Jugendkultur auseinander zu setzen und die Mediennutzung junger Menschen zu thematisieren und zu diskutieren", heiĂt es in der Stellungnahme zur Absage. Gerade nach Winnenden wĂ€re so eine Veranstaltung vielleicht ganz nĂŒtzlich. Offenbar hat Turtle es weiter in der Hand, ob es in Stuttgart noch dazu kommt. (vbr [9])
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[2] http://www.esl.eu/de/pro-series/fng/
[3] http://www.esl.eu/de/pro-series/news/82275/Kein-Intel-Friday-Night-Game-in-Stuttgart/
[4] http://www.liederhalle-stuttgart.de/filerepository/SU5BCqc2nBnHwzhtDFEP.pdf
[5] http://www.liederhalle-stuttgart.de/Stuttgarter
[6] http://www.messe-stuttgart.de/cms/index.php?id=245&L=0&messe_id=10066&txt_id=2997
[7] http://www.stuttgarter-wochenblatt.de/stw/page/detail.php/1977375
[8] http://www.bpb.de/veranstaltungen/5OSRWT
[9] mailto:vbr@heise.de
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