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Diesel-Umrüstung statt Fahrverboten?

Christoph M. Schwarzer
Diesel

Twintec zeigt mit einem Prototypen, dass mit einem SCR-Katalysator eine Verbesserung von Euro 5 auf Euro 6 machbar ist. Die Teile stammen von Volkswagen, was die Kosten auf 1500 Euro plus Einbau senken soll. Fraglich ist nur, ob die Autoindustrie mitmacht

Twintec zeigt mit einem Prototypen, dass mit einem SCR-Katalysator eine Verbesserung von Euro 5 auf Euro 6 machbar ist. Die Teile stammen von Volkswagen, was die Kosten auf 1500 Euro plus Einbau senken soll. Kommunen und Autobesitzer würden profitieren. Fraglich ist nur, ob die Politik die Autobesitzer und die Gesundheit der Bürger schützt – oder doch lieber die Autoindustrie.

Die über sechs Millionen Halter von Diesel-Pkw mit der Abgasnorm Euro 5 können aufatmen. Theoretisch zumindest: Die Firma Twintec hat einen Volkswagen Passat B7 1.6 TDI mit einem Abgasreinigungssystem [1] nachgerüstet, das die Stickoxidemissionen unter die Grenzwerte der kommenden Norm Euro 6c [2] reduziert. Minus 88 Prozent gegenüber dem Serienzustand im neuen Laborzyklus WLTP. Minus 93 Prozent bei der Straßenmessung RDE [3].

Diesel-Umrüstung statt Fahrverboten? (0 Bilder) [4]

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Damit erfüllt der Prototyp alle Voraussetzungen für die geplante blaue Plakette. Fahrverbote wären kein Thema mehr. Und auch auf den Werterhalt dürfte die Nachrüstung einen eindeutig positiven Einfluss haben. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass die aktuelle Gemengelage aus politischem Taktieren und industriellem Einfluss zu einer Blockade dieser sinnvollen Technik führen kann. Sollte der Druck der Straße in Gestalt unzufriedener Autobesitzer nicht laut und radikal genug werden, passiert einfach gar nichts.

Twintec hat bei der Umrüstung auf Komponenten zurückgegriffen, die alle im Volkswagen-Konzern vorhanden sind. Ein Partikelfilter ist im Passat ohnehin eingebaut. Was in manchen Passat-Modellen fehlt, ist der SCR-Katalysator, jenes System, das die Stickoxide durch Einspritzung einer wässrigen Harnstofflösung (Handelsname: AdBlue) in den Abgasstrang unschädlich macht. Der AdBlue-Tank – ohne Abstriche geht es nicht – mit 16 Litern Volumen nimmt die Reserveradmulde ein. Weil Twintec durch den Prototyp die eigene Kompetenz beweisen will, haben die Ingenieure außerdem den konventionellen SCR-Katalysator weiterentwickelt: Die wässrige Harnstofflösung wird nicht direkt eingespritzt, sondern in einem so genannten BNOx-Generator erst zu Ammoniak aufbereitet, das wiederum über einen Mischer der Nachbehandlung zugeführt wird.

Die Vorteile des BNOx-Generators: Die Betriebstemperatur ist schnell erreicht (laut Twintec in ca. 100 Sekunden), die NOx-Minderung ist in fast allen Betriebspunkten möglich, und so steigt die SCR-Wirkung insgesamt deutlich an. Eine Eigenkonstruktion, die ebenfalls auf Teile aus dem Volkswagen-Konzern zurückgreift und einen Fortschritt gegenüber bestehenden SCR-Katalysatoren darstellt. Geht doch. Das gesamte BNOx-System zur Nachrüstung, so heißt es bei Twintec, würde rund 1500 Euro plus Einbau kosten. Womit der Kern der Debatte wieder hervortritt: Wer bezahlt die Zeche, wer bekommt die Quittung?

Die finanzielle Konfliktlinie verläuft zwischen den Interessen der Kommunen und Autobesitzer auf der einen Seite sowie der Industrie und deren Vertretern auf der anderen. Alle Beteiligten haben die begründete Sorge, zur Kasse gebeten zu werden.

Die Kommunen geraten durch die Luftqualitätsrichtlinie der EU von 2008 [6] und Gerichtsentscheidungen immer mehr unter Zugzwang. Die Städte aber sind nahezu machtlos. Die angekündigten Fahrverbote sind lediglich Ausdruck der eigenen Hilflosigkeit – wie sonst könnten Stuttgart, Berlin oder das Ruhrgebiet die Stickoxidemissionen von Diesel-Pkw akut in den Griff bekommen?

Nach derzeitiger Einschätzung läuft trotzdem alles auf Fahrverbote hinaus: Um so etwas wie Handlungsfähigkeit zu simulieren, könnte die Aussperrung von Diesel-Autos, die nicht der aktuellen Euro 6-Norm entsprechen, zum einzig vorzeigbaren Instrument der Kommunen werden. Dass die jüngsten Messungen des Umweltbundesamts [7] (durchschnittlich 507 bei erlaubten 80 mg NOx / km) belegen, wie wenig diese Maßnahme verspricht, ist nur ein weiterer Akt in diesem Schauspiel. Unterdessen meldet das ADAC Technikzentrum, dass bestimmte Euro 6-Dieselautos sogar mehr Stickoxide ausstoßen als Euro 5-Pkw: Die Privilegierung von neuen Euro 6- gegenüber kaum älteren Euro 5-Autos ist nicht nur emotional, sondern auch aus der wissenschaftlichen Abgasperspektive eine Sauerei.

Ob gewollt oder nicht, Twintec entlarvt mit dem Passat-Prototyp die Äußerungen der Autoindustrie, eine Nachrüstung wäre zu kompliziert, wirkungslos und überhaupt viel zu teuer, als Schutzbehauptung. Der Optimismus, den Twintec im FAQ auf der Webseite verbreitet, kann nach diversen Hintergrundgesprächen in Berlin und Brüssel dennoch leider nicht geteilt werden: „Wir rechnen noch 2017 mit einer Entscheidung der Bundesregierung“, sagt Twintec. Genau das aber ist zweifelhaft.

Das Bundesverkehrsministerium unter Leitung von Alexander Dobrindt (CSU) müsste ähnlich wie in der Vergangenheit (zum Beispiel beim Partikelfilter) eine Verordnung erlassen, die einen Zusatz zur Typgenehmigung gesetzlich regelt. Intern wird diese Verordnung als Anlage 29 zur StVZO gehandelt. Dadurch wäre es möglich, einen Euro 5-Pkw auf Euro 6 umzuschlüsseln, ohne das eine Einzelabnahme erforderlich ist oder der Rest des Pkw inklusive Crashnormen ebenfalls neu typgeprüft werden muss.

Sollte das passieren, also eine entsprechende Verordnung inklusive Ausführungsbestimmungen in Kraft treten, würden sich plötzlich viele Tausend oder sogar Millionen deutscher Dieselhalter fragen, warum sie alleine für eine Nachrüstung bezahlen sollen, die von der Autoindustrie verursacht und vom Gesetzgeber gebilligt wurde. Vor diesem Hintergrund und im Wissen um sein bisheriges Verhalten bei Dieselgate ist die Vorstellung absurd, Verkehrsminister Dobrindt würde auf den letzten Metern seiner aktuellen Amtszeit die Hersteller in irgendeiner Form direkt oder indirekt zur Kasse bitten.

In einer prekären politischen Zwickmühle befindet sich allerdings weniger Bundesverkehrsminister Dobrindt, von dem niemand eine ausgeprägt industriekritische Position erwartet. Vielmehr ist es Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, der hinter den eigenen Anspruch zurückfällt. Er hat mit dem Neckartor in Stuttgart den übelsten Messpunkt der Republik vor der Haustür, und eigentlich sollte er als Politiker der Grünen seine Prioritäten auf den Umweltschutz legen. Zugleich ist die Autoindustrie in Südwestdeutschland bisher ein wichtiger Arbeitgeber und Wohlstandsgarant. Für Kretschmann ist die Sache klar: Der Diesel, so sagte er in der vergangenen Woche der Deutschen Presse Agentur, sei „der beste Verbrennungsmotor, den wir haben.“ Was die Nachrüstung betrifft, gibt er sich zurückhaltend, darüber, wie das bezahlt werden könne, müsse „später“ gesprochen werden. Nach der Bundestagswahl am 24. September 2017?

Auch der Baden-Württembergische Verkehrsminister Hermann (ebenfalls Winfried und gleichfalls die Grünen) macht deutlich, wer die Verlierer von Fahrverboten sein werden. Es müsse großzügige Ausnahmen geben für den Lieferverkehr, Transporte zur Versorgung mit lebenswichtigen Gütern, unaufschiebbare technische Dienstleistungen, Taxis, Fahrschulen und für Schichtarbeiter, die den ÖPNV nicht nutzen könnten. Übrig bleibt die große Gruppe der privaten Dieselbesitzer.

Über sechs Millionen Halter von Euro 5-Autos sind eine große, aber nicht die größte betroffene Gruppe: Das sind nämlich die Menschen, wir alle. Im aktuellen Beharrungsszenario ist absehbar, dass die Immissionsbelastung mittelfristig nicht oder kaum weniger wird. Die gesundheitsschädlichen Stickoxide, die laut Umweltbundesamt zu 72,5 Prozent von Diesel-Autos verursacht werden, bleiben uns erhalten, bis Euro 6-Fahrzeuge die Grenzwerte im Realbetrieb einhalten und der riesige Bestand auf dem Schrottplatz oder im Export ist.

In den 1980er-Jahren hat der Staat die Einführung des geregelten Dreiwegekatalysators und die Nachrüstung durch Steuererleichterungen beschleunigt. Auch heute ist es denkbar, die finanzielle Last einer Nachrüstung nicht einseitig nur den Autobesitzern oder ausschließlich der Wirtschaft aufzubürden. Zurzeit erwecken aber selbst Politiker der Grünen den Eindruck, den Schutz der Industrie vor den der Bürger stellen. (fpi [8])


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https://www.heise.de/-3701429

Links in diesem Artikel:
[1] http://baumot.twintecbaumot.de/produkte/bnox-scr-system/
[2] https://www.heise.de/news/Chemiefabrik-im-Auspuff-Was-die-Euro-6c-Norm-erfordert-3098815.html
[3] https://www.heise.de/news/Strassentest-RDE-Das-grosse-Feilschen-3594969.html
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/4743848.html?back=3701429;back=3701429
[5] https://www.heise.de/bilderstrecke/4743848.html?back=3701429;back=3701429
[6] http://www.umweltbundesamt.de/themen/luft/regelungen-strategien/luftreinhaltung-in-der-eu#textpart-1
[7] http://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/stickoxid-belastung-durch-diesel-pkw-noch-hoeher
[8] mailto:fpi@heise.de