Die neue Retro-BMW: R nineT Racer
BMW präsentierte auf der INTERMOT die heißeste Version ihrer Heritage-Baureihe, die R nineT Racer. An dieser frei interpretierten Reminiszenz an die legendäre BMW R 90 S hat kein geringerer als Customizer-Guru Roland Sands mit einem Konzeptbike mitgewirkt
Köln, 10. Oktober 2016 – Massen scharen sich auf der INTERMOT [1] um die neue BMW R nineT Racer, die vierte Variante der Heritage-Baureihe. Es wird gedrängelt, um sich in die Position für das beste Handyfoto zu bringen und die Schlange für das Probesitzen reicht quer durch die Halle. Ein noch relativ junger Mann tätschelt den rundlichen Sitzbankhöcker und bringt es im breiten Ruhrpott-Slang auf den Punkt: „Wat n jeiles Moped!“ Dabei trägt er stolz eine KTM-Jacke.
Es läuft für BMW. Natürlich verkaufen sich die bayerischen Bikes unter dem Zugpferd R 1200 GS [2] schon lange wie geschnitten Brot, aber mit der Heritage-Linie haben die Münchner einen Volltreffer gelandet. Und er ist ausbaufähig. 2013 präsentierten sie mit der R nineT [3] das erste Modell der neuen Retro-Stil-Reihe. Das Naked Bike schaffte es aus dem Stand in die Top Ten, war letztes Jahr gar das drittbestverkaufte Motorrad in Deutschland, und dass, obwohl sie mit 14.900 Euro wahrlich kein Sonderangebot ist. Das deutlich kräftigere (160 PS) und mit modernster Technik vollgestopfte Naked Bike S 1000 RR [4] aus dem selben Haus gab es für rund eineinhalb Tausender weniger, verkaufte sich aber trotzdem schlechter. Die Kunden wollten das herrlich „old school“ wirkende Design und griffen 2015 nicht weniger als 2650 mal bei der R nineT zu.
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Kaum Ähnlichkeit mit dem Vorbild R 90 S
Dann schoben die Bayern vor einigen Monaten die R nineT Scrambler [7] nach, die mit 19-Zoll-Vorderreifen, geringfügig mehr Federwegen, hochgelegtem Auspuff, konventioneller Telegabel und Faltenbälgen die Vorläufer der Enduro zitiert. Ihre Gussfelgen passten zwar nicht zum Scrambler-Look, dennoch wurde das Modell begeistert von der Boxer-Fangemeinde aufgenommen.
Auf der INTERMOT präsentierte BMW nun gleich zwei weitere Varianten. Zum einen die R nineT Pure, mit 12.500 Euro das günstigste Modell der Reihe, die quasi nackt daherkommt. Doch neben der R nineT Racer ging sie fast komplett unter. Das Sportmotorrad soll eine Reminiszenz an die legendäre R 90 S aus den 1970er Jahren sein. Wenn man das Vorbild daneben parken würde, wären allerdings kaum Übereinstimmungen zu erkennen. Die Halbschale war damals kürzer und am Lenker befestigt, das Heck hinter der Doppelsitzbank eher pummelig. Von Doppelrohrauspuff und Stereofederbeinen ist bei der R nineT Racer auch nichts zu sehen, von Drahtspeichenrädern ganz zu schweigen.
Aber das wird dem Erfolg der R nineT Racer keinen Abbruch tun. Denn niemand zweifelt daran, dass sich dieses bildschöne Bike nächstes Jahr in den Top Ten der Verkaufscharts wiederfinden wird. Selbst eingefleischte BMW-Boxer-Skeptiker können eine gewisse Anerkennung gegenüber dem Nostalgie-Racer nicht leugnen. Was in erster Linie am Design liegt. Kein geringerer als der Customizer-Guru Roland Sands hat bereits vor drei Jahren im Auftrag von BMW eine Konzept-Motorrad entwickelt. Die „Concept Ninety“ [8] war 2013 die Sensation bei ihrem kurzen Auftritt anlässlich des Concorso d'Eleganza Villa d'Este am Comer See. Natürlich war das radikale Unikat so nicht in Serie umsetzbar, aber das Design floss in die Entwicklung der R nineT Racer ein. Wobei sich die Einflussnahme streng genommen auf die kleine Halbschalenverkleidung, den Höcker und die Stummellenker beschränken. Der Rest entspricht fast völlig der R nineT.
Immer noch ein luftgekĂĽhlter Boxer
Das Baukasten-Prinzip pflegt BMW seit Jahrzehnten, auf Basis eines Motors und Fahrwerks entstehen diverse Modelle. Doch noch nie haben die Münchner die Idee so simpel und raffiniert umgesetzt wie bei der Heritage-Reihe. Der alte, luftgekühlte 1170er-Boxermotor – für die Euro4-Norm [9] fit gemacht – feierte seine Premiere bereits 2004 und treibt heute noch alle vier R nineT-Modelle an. 110 PS und vor allem das kräftige Drehmoment von 116 Nm bei moderaten 6000/min reichen für eine flotte Fahrweise völlig aus.
Auch der Stahlrohrrahmen, die Schwinge, der Tank, der Kardanantrieb, das Federbein und der Kotflügel samt Kennzeichenträger sind bei allen vier identisch. Der Hilfsrahmen im Heck ist nur angeschraubt und kann bei der R nineT mit einer hübschen Ein-Personen-Sitzbank aus dem Zubehör bestückt werden. Bei der R nineT Racer geht BMW den umgekehrten Weg und bietet sie serienmäßig ohne Heckrahmen als Solo-Fahrzeug an. Wer einen Passagier mitnehmen will, muss den Heckrahmen samt Beifahrer-Fußrasten dazu kaufen. Vielleicht ein wenig dreist, aber der Kunde wird es verkraften, zumal er ohnehin reichlich Zubehör aus dem umfangreichen BMW-Sortiment ordern wird, wie alle BMW-Käufer. Die Individualisierung des eigenen Motorrads wird hier zur Pflicht. Tatsächlich lässt sich die Optik einer R nineT – egal welcher der vier Modelle – mit wenigen Zubehörteilen deutlich ändern.
Dieses simple Austauschen von Komponenten exerziert BMW mit seinen Heritage-Serienmodellen vor. Mit wenigen Teilen entsteht ein neuer Look. Für die R nineT Racer reichen die Halbschalenverkleidung, die tief montierten Lenkerstummel, leicht nach hinten oben versetzten Fußrasten und die Höckerabdeckung, dazu eine weiße Lackierung samt blau-rotem Streifen der BMW Motorsport-Abteilung – fertig ist der Sportler.
Wer nun aber glaubt, dass das Sportbike R nineT Racer die teuerste Variante darstellt, irrt. Sie ist mit 13.300 Euro satte 1600 Euro günstiger als die R nineT. Zum einen erhält sie keine teure Upside-down-Gabel, sondern trägt eine konventionelle Telegabel mit 43 Millimeter Durchmesser. Dabei hätte das Sportmotorrad von der sensibler ansprechenden Upside-down-Gabel besser profitiert als das Naked Bike, schließlich soll es ja Kunden geben, die damit auf die Rennstrecke wollen. Zum anderen rollen sie zwar auf den selben Felgendimensionen, aber die Racer trägt Guss- anstatt Drahtspeichenfelgen.
Auch die Fahrwerksgeometrie unterscheidet sich. Der Radstand ist bei der Racer mit 1491 Millimeter um 15 Millimeter länger, ebenso wie der Nachlauf mit 103,9 Millimeter und die Gabel steht mit 63,6 Grad flacher als bei der R nineT (64,5 Grad). Dennoch ist sie fast 120 Millimeter kürzer als das Naked Bike und bringt, trotz der Halbschalenverkleidung, zwei Kilo weniger auf die Waage. Auf der R nineT Racer sitzt es sich mit 805 Millimeter etwas höher als beim Naked Bike, aber immer noch vergleichsweise niedrig, so dass auch Kurzbeinige noch den Boden erreichen. Die beiden hübsch gezeichneten Rundinstrumente sind neu und der Racer vorbehalten.
Erfolg vorprogrammiert
Es ist bei der R nineT Racer völlig wurscht, dass sie auf der Rennstrecke wahrscheinlich eher dürftige Rundenzeiten fahren wird – alleine schon wegen der preisgünstigen Telegabel –, denn sie ist eine offen verkündete Illusion. Mit der Ankündigung von BMW, dass es sich um ein Heritage [10]-Modell handelt, also einem Oldtimer nachempfunden sein soll, nimmt sie vom Fahrer den Druck, mit dem Knie auf dem Boden die Verfolger abhängen zu müssen, nur weil er auf einem Sportbike hockt. Stress können sich andere machen [11], allein die leicht nostalgische Optik lässt den Besitzer gelassen fahren. Dabei genießt er viele Vorteile der modernen Technik, verpackt in traditionellem Design.
Auch der vierte Streich der Heritage-Reihe wird den BMW-Dealern aus den Händen gerissen werden. Garantiert werden jetzt schon die ersten zum BMW-Flagship-Store rasen, um blind den Vertrag zu unterschreiben.
Nächste Variante in den Startlöchern
Doch dabei wird es BMW nicht belassen. Mit einer R 80 GS Paris-Dakar-Replika [12] hat BMW schon das nächste Heritage-Modell in der Pipeline. Der als „Lac Rose“ auf der „Wheels & Waves“ in Biarritz vorgestellte Prototyp wird sicherlich bald in Serie kommen, vielleicht sogar schon im November auf der EICMA in Mailand vorgestellt werden. Aufgrund der hohen Beliebtheit der legendären Enduro aus den 1980er Jahren könnte diese R nineT-Version sich sogar noch besser verkaufen als die anderen vier.
Datenblatt
| Motorart | Otto |
| Zylinder | zwei |
| Ventile pro Zylinder | vier |
| Hubraum in ccm | 1170 |
| Leistung in PS | 110 |
| Leistung in kW | 81 |
| bei U/min | 7750 |
| Drehmoment in Nm | 116 |
| bei U/min | 6000 |
| Antrieb | Kardan |
| Gänge | sechs |
| Radaufhängung vorn | Teleskopgabel, Federweg in mm: 125 |
| Radaufhängung hinten | Einarmschwinge, Mono-Federbein Federweg in mm: 120 |
| Bremsen vorn | Einzelscheibe 320 mm, Vierkolbenbremszangen |
| Bremsen hinten | Einzelscheibe 265 mm, Doppelkolbenbremszange |
| Räder, Reifen vorn | 120/70-17 |
| Räder, Reifen hinten | 180/55-17 |
| Lenkung | Lenkkopfwinkel in Grad: 63,6; Nachlauf in mm: 103,9 |
| Länge in mm | 2105 |
| Radstand in mm | 1491 |
| Leergewicht in kg nach EU inklusive 68 kg Fahrer und 7 kg Gepäck | Trockengewicht 220 |
| Tankinhalt in Liter | 17 |
| Modell | BMW R nineT Racer |
| Bohrung x Hub in mm | 101 x 73 |
| Sitzhöhe | 805 |
(fpi [13])
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[2] https://www.heise.de/news/GS-im-Abenteuerland-2099065.html
[3] https://www.heise.de/news/The-Soulful-Dynamics-2094655.html
[4] https://www.heise.de/news/Tage-der-Tentakel-2057867.html
[5] https://www.heise.de/bilderstrecke/4743148.html?back=3344166;back=3344166
[6] https://www.heise.de/bilderstrecke/4743148.html?back=3344166;back=3344166
[7] https://www.heise.de/news/Fahrbericht-BMW-R-nineT-Scrambler-3292266.html
[8] https://www.heise.de/news/Bildnis-90-1875665.html
[9] https://www.heise.de/news/Die-Euro-4-fuer-Motorraeder-und-die-Folgen-3312359.html
[10] https://www.heise.de/news/Nostalgie-im-Trend-2064539.html
[11] https://www.heise.de/news/Vom-Verschwinden-der-Sportbikes-3221802.html
[12] https://www.heise.de/news/Enduro-Konzept-BMW-Lac-Rose-3250539.html
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